Zwiebelfisch Tanke? Nein, danke!
Tanke? Schon in der Mache. Aber Vorsicht mit der Zise
Foto: Maurizio Gambarini/ picture-alliance/ dpaAuf Facebook findet man viele Freunde, und jeder pflegt seinen eigenen Schreibstil. "Tolles Foto, Niki!", kommentiert eine Freundin, "du siehst total süüüß aus!" Niki bleibt cool und antwortet: "Auf dem Pic hab ich aber noch die alte Frise!" - "Frise" für Frisur - das kannte ich noch nicht. Da stehen mir vor Begeisterung die Haare zu Berge! "Frise" ist vielleicht nur ein weiterer Plastikbecher auf dem Müllberg der Sprachdeponie, aber immerhin noch nicht ganz so verbraucht wie andere fetzige Wörter.
Schon in den achtziger Jahren war es schick, statt von "Musik" einfach von "Mucke" zu sprechen: "Ey, total geile Mucke!", hieß es anerkennend, wenn jemand eine LP mit Musik aufgelegt hatte, die richtig rockte. Oder: "Die Mucke geht echt voll ab!" Die Mucke-Hörer von damals sind längst erwachsen, was aber nicht bedeutet, dass alle dem Jugendjargon entwachsen wären. Noch heute lässt sich bei vielen Menschen ein Hang zur Simplifizierung beobachten. Man verwendet Kurzwörter, die wie hingerotzt klingen, um besonders lässig zu wirken. So mancher Student geht zum Tanzen nicht in die Discothek, sondern "in die Disse". Schließlich will er eines Tages doch seine Dissetation machen!
Als mich mein Freund Philipp zu einer Spritztour in seinem neuen Audi TT mitnahm, sagte er mit Blick auf den Benzinstandanzeiger: "Wir müssen noch schnell zur Tanke!" Philipp ist mittlerweile auch schon jenseits der 40, sodass man sehr viel guten Willen aufbringen muss, um ihm das noch als "Jugendjargon" durchgehen zu lassen. Dafür regt Philipp sich über die Jüngeren auf, die zum Teil nur noch elliptische Sätze herausbringen wie: "Ich fahr Tanke!" Philipp ist Journalist und hat, wie er findet, eine "flotte Schreibe". Damit meint er seinen Schreibstil. Meine "Denke" sei manchmal ganz schön verdreht, sagt er. Ich denke, mit "Denke" meint er meine Denkweise.
Als ich zuletzt bei Philipp und seiner Freundin Maren zum Essen eingeladen war, sagte ich anerkennend: "Du hast eine flotte Schreibe, und Maren hat eine tolle Koche! Das ist die perfekte Mische!" Philipp stutzte, dann verstand er und erwiderte lachend: "Und du hast hoffentlich eine gute Verdaue, denn es gibt noch Nachtisch!"
Mein Freund Henry hätte weniger Nachsicht. Er brachte seine Einstellung zur umgangssprachlichen Verkürzung einmal auf folgende Formel: "Coole Denke, flotte Schreibe - Scheißsprech!"
Dabei ist dieser Vorgang nicht einmal neu; einen Hang zur Verkürzung und Vereinfachung hat es immer schon gegeben. Schon früher machte man umgangssprachlich "die Biege" und rauchte verkürzt eine "Zige" oder "Zise". Es ist eigentlich ein Wunder, dass sich überhaupt noch so viele deutsche Wörter mit mehr als zwei Silben halten konnten.
Die Werbebranche kommt ohne Präsentationen nicht aus. Einige Werber benutzen die verkürzte Form "Präse". Was für die einen moderner Werbesprech ist, klingt für empfindlichere Ohren eher geschmacklos. Und es ist prädestiniert, um Missverständnisse zu erzeugen: "Liebling, hast du meine Präse gesehen? Ich habe sie doch hier vorhin auf den Tisch gelegt!" - "Ob ich deine ... was? Lässt du deine Präservative jetzt schon offen herumliegen? Was sollen denn die Kinder denken?"
Viele Leute beschäftigen in ihrem Haushalt eine "Putze". Zur vollen "Putzkraft" hat's offenbar nicht gereicht. Es ist vielleicht scherzhaft oder locker gemeint, klingt aber abschätzig und ist nicht besser als Tippse oder Saftschubse. Das Wort "Putze" kommt bei mir nicht vor, es sei denn, ich "putze" selbst.
Zu seinem 45. Geburtstag werde ich Philipp einen Autoaufkleber für seinen Audi TT schenken: "Zur Tanke? Nein danke!" wird darauf stehen. Darüber wird er sich bestimmt freuen wie Hulle. Die Sache ist schon in der Mache!
(c) Bastian Sick 2010