Gesicht verloren - DER SPIEGEL
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LENZ Gesicht verloren

• aus DER SPIEGEL 11/1970
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Sie leiden vor einer Wellblechwand und ahnen eines: Im Reich der Blinden haben die Sehenden nichts zu lachen.

Denn die fünf Expeditions-Teilnehmer (vier Männer, eine Frau), die in einer imaginären Gegend Eingeborenenschädel messen wollen, sind gefangen -- gefangen in einem Dorf voll mysteriöser Blinder, die ihnen nach der Freiheit, nach dem Leben, auf jeden Fall nach dem Augenlicht trachten.

Blind sollen sie werden und zufrieden wie alle in dieser merkwürdigen Gemeinde, und deshalb läßt ihnen der dicke Bürgermeister, der ein bißchen wie ein Mao-Chinese aussieht, Augenbinden überreichen. »Es ist altes, weiches Leder«, spricht er. »Man gewöhnt sich zusehends daran. Sie werden überrascht sein, wie bald die Kraft des Sehnervs nachläßt.«

Siegfried Lenz, 43, hat seine Vorliebe für die extreme Situation und seine Schwäche für die politische Parabel schon des öfteren bekundet, so im 1961 uraufgeführten Erst-Stück »Zeit der Schuldlosen«, so in der Komödie »Das Gesicht« von 1964. Auch der kurze Dreiakter »Die Augenbinde«, der jetzt, von Richard Münch inszeniert, auf der Kleinen Bühne des Düsseldorfer Schauspielhauses Premiere hatte, bietet Gleichnis und Modell -- vom Einzelmenschen in der Gesellschaft, vom Außenseiter in der Diktatur, von Ordnung, Anpassung und Rebellion.

Er zeigt Verhaltensweisen im Ausnahmezustand: Ein Mitglied der Expedition, das gegen den Befehl des Bürgermeisters das Haus verläßt, um Wasser zu holen, wird geblendet. Der junge Alf, jener »zu kurz gekommene Zyniker«, verliert gleichfalls sein Gesicht, weil er gegen das Regime der Blinden aufbegehrt.

Professor Mosse hingegen und sein Schwiegersohn Erik unterwerfen sich und nehmen die Binde -- Erik ("Wer verändern will, muß mitmachen") aus Opportunismus, der alte Professor aus Not: Er ist krank und braucht Medikamente.

Zurück bleiben zwei aufrechte Individualisten mit ungebrochenem Freiheitsdrang, bleiben der geblendete Alf und die tapfere Professoren-Tochter Carla, die ganz zum Schluß noch eine Entdeckung macht: Der Bürgermeister ist gar nicht blind wie seine Untertanen, er tut nur so, der Filou, um unbehelligt herrschen zu können. Er ist eben ein richtiger Diktator.

Oder sollte es zumindest sein. Auf der Bühne jedoch, Lenz sei's geklagt, stand er leb- und farblos da gleich den restlichen Figuren dieses harmlosen Ein-Stunden-Werks, das allenfalls wie die Skizze für ein noch zu schreibendes Schauspiel wirkte.

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