Gestern war auch ein Tag - DER SPIEGEL
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BERLINALE Gestern war auch ein Tag

Die Filmfestspiele wollten die Zukunft einläuten - nur: Die gezeigten Filme machten nicht mit. Sie blickten vor allem zurück.
• aus DER SPIEGEL 8/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

E in reicher alter Mann liegt im Sterben, er quält sich, und er bereut. So viele Fehler, Fahrlässigkeiten und Grausamkeiten, so viel verpfuschtes Leben hat er sich zu Schulden kommen lassen - und jetzt ist es viel zu spät, um irgendetwas wieder gutzumachen.

»Magnolia«, der herausragende Beitrag des diesjährigen Berlinale-Wettbewerbs (Regie: Paul Thomas Anderson), spielt in der amerikanischen Gegenwart, aber das Gestern beherrscht und quält fast alle seine Figuren, den Alten (Jason Robards) genauso wie seine elegante junge Frau (Julianne Moore), die sich schuldig glaubt, weil sie ihn nur des Geldes wegen geheiratet hatte. Jetzt liebt sie ihn - zu spät. Auch seinen erwachsenen Sohn (Tom Cruise) treibt die Vergangenheit an: In Macho-Workshops verheißt er zagenden Männern Allmacht über die Frauen, phallische Herrschaft und Unverwundbarkeit. In ihm selbst aber steckt der ohnmächtige, verwundete Junge, der erleben musste, dass der Vater feige ihn und seine sterbende Mutter verließ.

Es war schon paradox: Die Berlinale setzte - mit ihrem Umzug zum Potsdamer Platz - alles auf Anfang, um im neuen Jahrtausend ein repräsentatives Hauptstadtfestival zu werden, das Glanz und Gloria der Berliner Republik in die Welt hinausträgt (SPIEGEL 7/2000). Nur die Filme machten diesen programmatischen großen Sprung nach vorn nicht mit.

Tag für Tag zwangen sie den Festivalbesucher stattdessen in die Vergangenheit, rekapitulierten reale Kriege (den Golfkrieg in »Three Kings«, die Bomben auf Belgrad im serbischen Beitrag »Sky Hook") und reale Biografien als Leinwandgeschichten, bewahrten - mal andächtig, mal sarkastisch - das Gedächtnis an untergegangene Zeiten: Gestern war auch schon ein Tag.

Wie schwierig aber der filmische Zugriff auf die Vergangenheit ist, zeigten alle Wettbewerbsbeiträge, die von realen Figuren der Zeitgeschichte erzählen. In »Die Stille nach dem Schuss« lehnt sich Filmemacher Volker Schlöndorff, 60, stark an die Biografie der Terroristin Inge Viett an, die aus der RAF ausgestiegen und in der DDR untergetaucht war - seine Reminiszenz missfiel sowohl Viett, die das Politische vermisste, wie den meisten deutschen Kritikern.

Auch der Amerikaner Milos Forman, 68, hätte vermutlich Ärger mit dem Subjekt seiner Leinwandbiografie »Der Mondmann« bekommen, denn der Radikalkomiker Andy Kaufman war sehr darauf erpicht, sein Image selbst im Griff zu behalten. Nur ist Kaufman seit 16 Jahren tot, und Forman hat aus seinen Auftritten und Ausfällen eine Hommage an einen Mann ohne Eigenschaften gezwirbelt: Kaufman tritt auf als Gummicharakter, der sich jedem Versuch der Festschreibung mit immer neuen Tricks und Täuschungen entzieht.

Der Schauspieler Jim Carrey imitiert sein Vorbild bis in minimale Gesten perfekt. Carrey betreibt Schauspielerei als Mimikry, und in der Mimikry bleibt auch der Film stecken. Er zeigt das Rätsel Andy Kaufman, aber weder macht er den Kitzel fassbar, der in den Auftritten dieses Provokateurs gesteckt haben muss, noch wagt er einen fragenden Blick darauf, wie eine Gesellschaft beschaffen sein muss, die einem solch exaltierten, die Rechte anderer brutal missachtenden Selbstdarsteller Raum gewährt: Wenn einer mit so viel Beifall draufhaut, muss es Leute geben, die sich prügeln lassen wollen. Stattdessen wirbelt »Der Mondmann« beflissen, aber ratlos um seine leere Mitte.

Während Formans Film die Zeitgeschichte übergeht, strotzt »Hurricane« geradezu davon. Der kanadische Regisseur Norman Jewison, 73, verklärt die Lebensgeschichte des schwarzen Boxers Rubin »Hurricane« Carter, der Mitte der sechziger Jahre auf Grund gefälschter Beweise in einem Mordfall zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, zu einer didaktisch wertvollen Parabel auf den Kampf des entrechteten, aber edlen schwarzen Mannes in einem rassistischen System.

In dieser Rolle wurde Carter schon in der US-Bürgerrechtsbewegung gecastet, die sich - lange erfolglos - für ihn einsetzte: Bob Dylan etwa schrieb einen Song über den unbeugsamen Gefängnishelden.

Dieser Interpretation hat »Hurricane«, in Geist und Ausführung ein Siebziger-Jahre-Politfilm, nichts hinzuzufügen. Er macht einen jungen Schwarzen zur treibenden Kraft hinter der Befreiung Carters - das deckt sich zwar nicht ganz mit den geschichtlichen Tatsachen, hat aber dramaturgisch den Vorteil, dass der Film sich an einer pathetischen Ersatzvater-Sohn-Beziehung laben kann. Gäbe es nicht den Hauptdarsteller Denzel Washington, der seinen Part mit weit mehr Härte, Zweifeln und lodernder Verbitterung ausstattet, als das Drehbuch es nahe legt, wäre »Hurricane« bloß ein Fall fürs Good-Will-Archiv.

Filme, die sich der Vergangenheit über literarische Vorlagen näherten (es gab Verfilmungen von Shakespeare, Puschkin, Highsmith, Fassbinder und Bret Easton Ellis im Wettbewerb), wirkten im Vergleich zu diesen biografischen Nacherzählungen wesentlich vielschichtiger und durchdachter. In ihnen konnte der Zuschauer spüren, dass jede Verfilmung den individuellen Blick des Hier und Jetzt auf das Gewesene richtet; dass jeder historische Stoff nur Anlass ist, die Beziehung der Gegenwart zur Vergangenheit neu zu verorten.

Der Blick zurück, das bewies wider Willen gerade die zukunftsgierige 50. Berlinale, wird dem Film nicht auszutreiben sein. Denn ohne den Blick zurück kann er nicht nach vorne schauen. SUSANNE WEINGARTEN

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