EVOLUTION Gewundener Pfad
Mit schwirrendem Flügelschlag erhob sich eine fledermausähnliche Gestalt aus dem Auditorium und flog zum Rednerpult. Dort gelandet, faltete das eigenartige Geschöpf sorgsam die Schwingen zusammen und begann emphatisch seine Ansprache: »Die Fledermaus«, zirpte es mit nasal fiepender Stimme seinen ebenso seltsam gearteten Zuhörern zu, »ist die Krone der Schöpfung.«
Was der Phantasie eines mittelmäßigen Science-Fiction-Autors entsprungen scheint, könnte durchaus Realität sein: Wäre die Evolution nur ein klein wenig anders verlaufen, würden möglicherweise hochintelligente Flattermänner die Welt beherrschen.
Denn daß sich ausgerechnet auf Bäumen herumturnende Affenwesen in Jahrmillionen zum Homo sapiens hochgemendelt haben, ist Zufall. »Neben den Fledermäusen hatten zahlreiche andere Tierarten die Chance«, so der amerikanische Wissenschaftsautor Gene Bylinsky, »an Stelle des Menschen die Spitze der Evolution zu erklimmen.«
Durchaus möglich, behauptet Bylinsky, daß etwa
* die Vorfahren der australischen Koalabären, kleine Beuteltiere mit großem Intelligenzpotential, zu menschenähnlichen Wesen hätten werden können;
* vernunftbegabte und aufrecht gehende Vögel mit papageienähnlichen Stimmen den Planeten Erde beherrschten;
* skurril anmutende Insekten, ausgestattet mit hohen technischen Fähigkeiten, eine Super-Zivilisation hätten errichten können. S.253
Anderswo im Kosmos jedenfalls, vermutet Bylinsky, existierten solch seltsame Kreaturen: »So wie sich die Evolution auf der Erde abgespielt haben könnte, ist sie auf anderen Planeten tatsächlich vonstatten gegangen.«
Der Mann, der solche Thesen aufstellt, ist weder ein Science-Fiction-Autor noch ein Fabulierer vom Schlage Erich von Dänikens ("Erinnerungen an die Zukunft"), der im Gewand der Wissenschaftlichkeit Absurdes verbreitet: Gene Bylinsky, Wissenschaftsredakteur bei »Fortune« und Mitglied der New Yorker Akademie der Wissenschaften, folgt mit seinen Spekulationen den Grundsätzen der von Charles Darwin entworfenen Entwicklungslehre.
In einem kürzlich in den USA erschienenen Buch »Leben in Darwins Universum« (das im Frühjahr auf deutsch herauskommen soll) spielt Bylinsky durch, was die Evolution auf der Erde und auf anderen Welten mit den von ihr hervorgebrachten Lebewesen alles hätte anfangen können; der amerikanische Zeichner Wayne McLoughlin illustrierte, wie die dabei entstandenen Geschöpfe möglicherweise aussähen (siehe Farbbilder).
( Gene Bylinsky: »Life in Darwin''s ) ( Universe - Evolution and the Cosmos«. ) ( Doubleday & Company, Garden City N.Y.; ) ( 240 Seiten; 17,95 Dollar. )
Daß auf anderen Welten Leben existiert, daran zweifeln die Experten kaum noch.
Allein in unserem Milchstraßensystem gibt es 1,6 Milliarden Sonnen mit Planeten. Bei schätzungsweise 100 Milliarden Galaxien im Universum wären mithin die Möglichkeiten für die Entstehung von Leben unbegrenzt.
Lange Zeit hatten Wissenschaftler angenommen, außerirdische Lebewesen hätten wahrscheinlich keinerlei Ähnlichkeit mit dem Leben auf der Erde, weil sie sich in einer Umwelt entwickelt haben müssen, die sich von der des Planeten Erde grundlegend unterscheidet. Sie glaubten, es gäbe etwa Lebewesen, die in einer Helium-Atmosphäre atmen, oder solche, deren Organismus aus dem Halbleiter-Material Silizium aufgebaut ist.
Inzwischen aber haben die Radioastronomen eine Fülle von Informationen vorgelegt, die darauf schließen lassen, daß die fundamentalen Bausteine des Lebens überall gleich sind und daß die Umweltbedingungen auf verschiedenen S.254 Planeten im Kosmos einander überraschend ähnlich sein dürften.
Die Verwandtschaft beginnt schon auf der Stufe von Atomen und Molekülen. Die vier Grundelemente des Lebens - Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff - sind im Universum überreichlich vorhanden und existieren überall in ungefähr gleicher Verteilung.
Hinzu kommt, daß die Gesetze von Chemie und Physik überall im Kosmos gleichermaßen gelten. Lebewesen, wo auch immer sie auftauchen, werden stets mit Kräften wie Schwerkraft und Reibung zu kämpfen haben. Der britische Biologe N. John Berrill formulierte es so: »Wenn man ein Kamel durch ein Nadelöhr zöge, käme es als Faden heraus - wie alles andere auch. Diesen Aspekt der Evolution halte ich für universal.«
So muß denn, wie Autor Bylinsky argumentiert, auf zahlreichen Welten ungefähr dasselbe geschehen sein wie vor rund 3,5 Milliarden Jahren auf der Erde: Es entstand Leben, basierend auf dem organisationsfreudigen Grundelement Kohlenstoff und dem Lösungsmittel Wasser.
Wenn also irdische und außerirdische Organismen in ihrem biochemischen Aufbau ähnlich seien, so Bylinsky weiter, müßten sich die kosmischen Kreaturen auch so ähnlich weiterentwickelt haben wie die Lebewesen auf der Erde: »Da die Rohstoffe des Lebens überall gleich sind, dürfte die Evolution im gesamten Kosmos auf parallelen Bahnen verlaufen. Es ist das Universum Darwins.«
Der englische Zoologe Charles Darwin hatte vor über 100 Jahren die Grundgesetze der Evolution formuliert: daß Leben sich zwangsläufig von einer niedrigeren zu einer höheren Stufe fortentwickelt, im Zusammenspiel zwischen zufälliger Mutation und notwendiger Anpassung an die Umwelt.
Die fortwährende Höherentwicklung des Lebens auf der Erde, vom Einzeller über die Vielzeller, die Fische und Reptilien bis hin zum Säugetier und zum Menschen, vollzog sich nach dem Prinzip der »natürlichen Auslese« (Darwin): keine Chance für schlecht Angepaßte - und dieses Prinzip, so Bylinsky, lasse vermuten, »daß Geschöpfe auf anderen Planeten gewisse äußere Ähnlichkeiten mit irdischen Kreaturen aufweisen müssen«.
Größere Landtiere ohne Beine beispielsweise wären eine leichte Beute für ihre Feinde, Fische ohne Flossen wären in ihrem Element ebensowenig lebensfähig - alles erbärmliche Mißgeburten der Evolution, die auf anderen Himmelskörpern wie auf Erden bald den Artentod sterben müßten.
Das Aussehen der extraterrestrischen Wesen hinge freilich in erheblichem Maß von den auf ihrem Planeten herrschenden Umweltbedingungen ab, so zum Beispiel der Schwerkraft: S.255
* Auf kleineren Planeten mit geringer Schwerkraft etwa würden Bäume, von der hinderlichen Anziehungskraft befreit, bis zu 150 Meter hoch wachsen; viele Tiere sähen aus wie eine Mischung aus Windhund und Giraffe - schlanke Formen, lange Hälse, schwebender Gang.
* Auf größeren Welten mit höherer Schwerkraft hingegen ähnelten die Tiere eher zusammengeschrumpften Elefanten - vergleichsweise kleine Geschöpfe mit gedrungenem, säulenartigem Körperbau und viereckigen Schädeln. Auf einem Planeten mit der fünffachen Schwerkraft der Erde beispielsweise würde ein 140-Pfund-Mensch 700 Pfund auf die Waage bringen; dieser Mensch müßte dann allerdings mit entsprechend größerem Herzen und einem elefantenähnlichen Knochenbau ausgestattet sein.
* Auf Planeten mit dichter Atmosphäre könnten sich ballonähnliche Schwebewesen entwickeln, die mit langen Nabelschnüren am Boden vertäut sind.
* Auf einem völlig mit Wasser bedeckten Stern würden möglicherweise torpedoförmige Fische heranwachsen, die sich mittels Jet-Antrieb fortbewegen. »Der König dieses Meeresplaneten«, so Bylinsky, »wäre ohne Zweifel eine Art Superkrake mit einem großen Gehirn, ringförmig um den Kopf angelegten Augen und bis zu 30 Meter langen Tentakeln.«
Daß die Natur auf fremden Welten ein genaues Duplikat des Menschen hervorgebracht haben könnte, halten Wissenschaftler für äußerst unwahrscheinlich, denn die Evolution ist, wie der Harvard-Professor George Simpson postulierte, »weder umkehrbar noch wiederholbar«.
Auch wenn auf der Erde das Leben sich noch einmal von Anfang an entwickelte, würden Mensch und Tier kaum in ihrer derzeitigen Gestalt wieder entstehen. »Unser Dasein«, meint Bylinsky, »ist das Ergebnis zu vieler zufälliger Ereignisse - zum Beispiel geologischer und klimatischer Veränderungen.«
Hunderttausende von Arten verschwanden von der Erde, weil sie sich plötzlich einbrechenden Klimawechseln nicht schnell genug anpassen konnten - so wahrscheinlich die Saurier, die für mehr als 100 Millionen Jahre die unumstrittenen Herrscher der Welt waren. Vermutlich, so lautet eine der gängigen Hypothesen, wurden sie mit einem vor 75 Millionen Jahren eingetretenen Kälteeinbruch nicht fertig; innerhalb von zehn Millionen Jahren, für die Evolution kaum mehr als ein Augenzwinkern, waren die anpassungsunfähigen Kolosse ausgestorben. Der jähe Tod der gefräßigen S.257 Ungetüme zeigt exemplarisch, welchen Zufällen der Homo sapiens seine Existenz verdankt: Hätten sich die Riesenreptilien damals gegen das frostige Klima wappnen können, wären unter Umständen sie zu den intelligentesten Geschöpfen der Erde geworden.
Besonders eine Saurierart, der sogenannte Cynognathus, war offensichtlich schon auf dem Weg zu etwas Besserem. Er war auf Mannesgröße geschrumpft und hatte sich einen dichten Pelz zugelegt - zu spät: Auch er konnte die Kälte nicht ertragen.
Wie die Dinosaurier hatten auch noch einige andere Tierarten im Laufe ihrer Entwicklung die Chance, »den Pfad zur Intelligenz einzuschlagen« (Bylinsky) - gleichsam der Konjunktiv der Evolution:
* Hätten etwa die Vögel schon früher - wie der Strauß - an Größe und Gewicht gewonnen, wären sie flugunfähig und damit zu erdgebundenen Kreaturen geworden. Ihre Flügel hätten sich dann allmählich zu Händen verformt, ihre dünnen Beinchen hätten sich zu laufkräftigen Tretern entwickelt - erster Schritt zu Intelligenz. Hätten sich ihnen keine konkurrierenden, auf Raub ausgehenden Säugetiere in den Weg gestellt, wären die Vögel vielleicht zu Herrschern der Erde geworden.
* Hätten die Fische des Paläozoikums, die in flachen Teichen nach Luft rangen, sich nicht schließlich aufs trockene Land gewagt, hätten Legionen anderer Lebewesen bereitgestanden, an ihrer Stelle aus dem Meer hervorzugehen: Krustentiere oder auch Weichtiere wie der Krake. Gesetzt den Fall, die Kontinente wären nie aufgetaucht und die Erde wäre von Wasser überdeckt geblieben, dann wäre sie nur von Kraken, Muscheln und Stachelhäutern bewohnt. Krakenähnliche Lebewesen hätten vermutlich die Herrschaft übernommen. Trotz ihres nur walnußgroßen Gehirns zeichnen sich Kraken durch Intelligenz (sie bauen höhlenähnliche Unterschlupfe) und reges Gefühlsleben aus (wenn erschrocken oder wütend, verändern sie die Farbe).
* Auch intelligente Reptilien hätten den Menschen an der entscheidenden Stelle der Evolution verdrängen können. Als sowjetische Wissenschaftler unlängst per Computer die Evolution der Landtiere simulierten, trat als dominantes Lebewesen ein intelligentes, schwanzloses Reptil hervor, das auf den Hinterbeinen ging und geschickte Hände besaß.
* Hätten die Insekten nicht gegen eine mörderische Konkurrenz von Reptilien ankämpfen müssen, wäre es unter Umständen auch ihnen möglich gewesen, ihr Gehirnvolumen zu vergrößern. Mit Hilfe ihrer selbst im Primitivzustand einzigartigen Sinnesorgane hätten sie, zu Menschengröße herangewachsen, eine Art hochzivilisierten Ameisenstaat aufbauen können. »Eine schreckliche Vorstellung«, so Bylinsky, »aber durchaus möglich.«
Doch nachdem die Saurier jämmerlich erfroren waren, entstand reichlich Lebensraum für ein spitzmausähnliches Geschöpf, das sich bis dahin nicht hatte weiterentwickeln können - das erste, noch unscheinbare und primitive Säugetier.
Keck erklommen einige der kleinen Tierchen die Bäume; ihre Art wuchs im Laufe von Jahrmillionen zu affenartigen Wesen mit Händen und Ansätzen zu einem großen Gehirn.
Viele der Ur-Säuger jedoch blieben erst einmal auf dem Boden - um sich später, als ihnen Flügel gewachsen waren, als Fledermäuse in die Luft zu schwingen. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Fledermäuse wie die Affenwesen »dieselbe Chance«, vermutet Bylinsky, »zu intelligenten Kreaturen heranzureifen«.
Doch die auf den Bäumen lebenden Vorfahren des Menschen zogen, wie so oft vorher in ihrer Entwicklung, wieder einmal ein Gewinnlos in der Lotterie der Evolution: Nach einem gewaltigen Klimawechsel verdorrte ein Teil der Urwälder, weite Savannen breiteten sich aus, vornehmlich in Afrika.
Die Baumbewohner stiegen herunter und begannen in den Steppen zu jagen; sie lernten, sich aufrecht zu halten, ihr Hirn vergrößerte sich, die Vorderpfoten wandelten sich zu geschickten Händen - der abermals Millionen Jahre währende Treck zu Wolkenkratzern und Atombomben hatte begonnen.
S.252Das termitenähnliche Insekt hat sich eine Halskette mit Beere alsRangabzeichen umgelegt.*S.253Gene Bylinsky: »Life in Darwin''s Universe - Evolution and theCosmos«. Doubleday & Company, Garden City N.Y.; 240 Seiten; 17,95Dollar.*S.255An einer Glühwürmchen-ähnlichen Pflanze, die Energie abgibt.*