Glaube versetzt Wellenberge - DER SPIEGEL
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AUTOREN Glaube versetzt Wellenberge

Der Kanadier Yann Martel erzählt vom wundersamen Überleben eines schiffbrüchigen Jungen - und wird dafür als neuer Literatur-Star bejubelt.
• aus DER SPIEGEL 7/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Märchen wie dieses machen Kinder froh und Erwachsene ebenso: »Schiffbruch mit Tiger« ist die Geschichte eines indischen Teenagers, der mit seinen Eltern, seinem Bruder und einer ganzen Menge Tiere eine Schiffsreise nach Kanada macht.

Die Tiere sind für diverse Zoos bestimmt, die Familie des Jungen will in der Neuen Welt ein neues Leben anfangen. Eines Nachts geht das Schiff unter, es klingt »wie ein riesiges metallisches Rülpsen«, und der junge Held namens Pi Patel landet in einem Rettungsboot - allein mit einem verletzten Zebra, einem Orang-Utan, einer Hyäne, einer Ratte und einem bengalischen Tiger.

Der Roman des kanadischen Schriftstellers Yann Martel, 39, handelt davon, wie der Junge dieses Abenteuer überlebt*. Wie er 227 Tage lang den Tiger im Boot bezähmt - und welche Lehren sich für den Rest der Menschheit daraus ziehen lassen: »Sie müssen das Tier, das Sie gefährdet, herausfordern«, liest man da. »Ob Tiger, Nashorn, Vogel Strauß, ob Wildschwein oder Braunbär - ganz gleich, mit wem Sie es zu tun haben, Sie müssen das Tier zunächst einmal reizen.«

Wobei anzumerken ist: Es ist beim Umgang mit hungrigen Bestien durchaus hilfreich, wenn man, wie der Knabe Pi als Sohn eines Zoodirektors, mit Großtieren bereits vertraut ist. Auch das Mitführen einer Trillerpfeife und eine gewisse Resistenz gegen die Seekrankheit können beim Dompteursakt auf offenem Meer von Vorteil sein - Wildkatzen zumindest wird beim Schaukeln eines Boots schnell flau im Magen.

Man merkt schon: »Schiffbruch mit Tiger« ist ein gewitztes, höchst lehrreiches

Buch - voller ulkiger Tipps, kleiner und großer Lebensweisheiten und versponnener Details wie jenem, dass der kleine Held Pi seinen vollständigen Vornamen der Begeisterung eines Inders für Pariser Schwimmbäder verdankt.

»Life of Pi«, wie Martels Werk im Original heißt, gewann im vergangenen Jahr den Booker Prize, eine der wichtigsten Auszeichnungen für englischsprachige Literatur. Das Buch ist ein Bestseller in vielen Ländern der Welt. Es machte den bislang weithin unbekannten, auf Bildern sehr sympathisch dreinblickenden Autor, der gerade ein paar Monate als Gastprofessor in Berlin verbrachte, zu einem neuen Star-Literaten - und das alles hat mit dem größten, zentralen Witz des Buchs zu tun.

Schon in der Vorbemerkung nämlich lässt der Autor einen »alten Herren mit strahlenden Augen und schlohweißem Haar« sagen, es handle sich bei Pis Geschichte um eine Story, »die Ihnen den Glauben an Gott geben wird«.

Tatsächlich ist Pi, der in der südindischen Stadt Pondicherry aufwächst, ein kleiner komischer Heiliger: Der Knabe begeistert sich für den Islam, den Hinduismus und das Christentum gleichzeitig, was einerseits die lokalen Glaubens- und Gotteshaushüter sowie seine Eltern verblüfft, andererseits später seine Lebensrettung glücklich befördert.

»Schiffbruch mit Tiger« ist also ein ziemlich frommes Märchen. Nicht auf den Namen eines Gottes oder den Inhalt einer Religion kommt es an, das Glauben an sich verleiht dem Menschen Kraft und versetzt Wellenberge - auf diese eher schlichte Moral scheint Martels Parabel hinauszulaufen.

Es ist stark zu vermuten, dass die heiter-versöhnliche Botschaft den Erfolg des Romans entscheidend befördert hat. Glücklicherweise aber ist Martel bei allem Sinn fürs Allegorische in erster Linie ein charmanter Unterhalter. So sind es weniger die schlauen Anspielungen auf Literatur- und Seefahrtsgeschichte, die den Reiz dieses Romans ausmachen, auch nicht Martels erschöpfend ausgeführte These, dass sich die meisten Tiere im Zoo vermutlich sehr viel wohler fühlten als in freier Wildbahn. Nein, »Schiffbruch mit Tiger« ist ein manchmal verteufelt spannender, dann wieder wunderbar verspielter Abenteuerroman.

Ein Märchen eben, Nutzwert inklusive. Die wichtigste Regel beim Zähmen wilder Tiere lautet übrigens: »Verlieren Sie nicht den Blickkontakt!« WOLFGANG HÖBEL

* Yann Martel: »Schiffbruch mit Tiger«. Aus dem Englischen vonManfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. S. Fischer Verlag,Frankfurt a. M.; 384 Seiten; 19,90 Euro.

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