KINO Globetrotter in Harlem
Ein langer, dunkler Gang, der direkt auf das Meer führt: Die weit geöffnete Tür, die einen Ausblick bis zum Horizont ermöglicht, wirkt wie das Tor zur Welt, und die Sonne, die sich in den Wellen bricht, erscheint wie das Licht am Ende des Tunnels.
Das Bild, mit dem der Film »Little Senegal« beginnt, scheint Hoffnung zu symbolisieren, in Wahrheit aber steht es für Verzweiflung und Not. Denn dies war der letzte Gang, den die Sklaven vor über zweihundert Jahren auf der senegalesischen Insel Gorée zurücklegen mussten, bevor sie nach Amerika verschifft wurden.
Der Gang ist eine Art Seufzerbrücke: Genau in dem Moment, als den Sklaven ihre Heimat und ihre Freiheit für immer genommen wurden, konnten sie so weit schauen, wie ihr Auge reichte.
Alloune (Sotigui Kouyaté) blickt von hier aus Tag für Tag auf das Meer und sieht Schiffe kommen und gehen. Der 65-jährige Witwer ist Kurator des Sklavenmuseums von Gorée und schildert Touristen das Schicksal der insgesamt mindestens 13 Millionen Schwarzafrikaner, die von ihrem Kontinent verschleppt wurden.
Eines Tages blickt Alloune länger auf die Wellen, die gleichmütig an den Strand rollen, und in der nächsten Einstellung steht er plötzlich an der Küste South Carolinas. Er ist nun pensioniert und selbst aufgebrochen in die Neue Welt, denn er hatte einen Traum: Um in Ruhe sterben zu können, so erschien es ihm im Schlaf, müsse er einen in den Vereinigten Staaten lebenden Verwandten finden.
Der aus Algerien stammende Regisseur Rachid Bouchareb, 48, erzählt in seinem überaus sympathischen Film von einer ungewöhnlichen Ahnenforschung: Um zurück zu seinen Wurzeln zu finden, muss der Held die Heimaterde verlassen. Die bizarren Verästelungen des Stammbaums führen Alloune von den Plantagen South Carolinas bis nach Little Senegal, dem schwarzafrikanischen Viertel von Harlem.
Der Film kommt ohne Rückblenden aus, doch gibt er dem Zuschauer einige Male für Sekunden das Gefühl, sich zwischen den Zeiten zu befinden. In einer Szene betrachtet Alloune Zeichnungen vom Sklavenmarkt, blickt auf und sieht einen Afrikaner hinter Gittern - im nächsten Moment erfährt der Zuschauer, dass dies Allounes Neffe Hassan ist (Karim Koussein Traore), ein Taxifahrer in New York.
So blickt der Film immer wieder durch die Vergangenheit auf die Gegenwart. Oft sieht der Zuschauer durch Gitterstäbe. Im heutigen Harlem dienen sie allerdings weniger dazu, Menschen gefangen als vielmehr fern zu halten. Und doch muss der Film in den düsteren Räumen, in denen seine Figuren wie die Kioskbesitzerin Ida (Sharon Hope) bescheiden leben, lange nach einem Zimmer mit Aussicht suchen.
Bouchareb macht sich den wachen und neugierigen Blick seines Helden zu Eigen, der eine fremde Welt erkundet. Der Zuschauer taucht in einen Schmelztiegel ein, dessen Bestandteile sich nicht verbinden wollen - zwischen der angestammten schwarzen Bevölkerung New Yorks und den Afrikanern, die sich illegal in der Stadt aufhalten, kracht es immer wieder.
Doch über alle Vorurteile hinweg will Alloune eine Familie zusammenführen, die vor vielen Generationen zerrissen wurde. Irgendwann glaubt auch der Zuschauer, dass dieser Traum wahr werden könnte - und das liegt vor allem an dem wunderbaren Hauptdarsteller Sotigui Kouyaté, der seiner Figur eine ebenso unerschütterliche wie zartfühlende Beharrlichkeit gibt.
Kouyaté war in seinem Heimatland Burkina Faso im Arbeitsministerium tätig, spielte zweimal in der Fußballnationalmannschaft und gründete das erste Ballett seines Landes. Um eine derartige Lebensleistung zu erbringen, müssen normale Menschen zweimal geboren werden. Für eine Figur, die über zweihundert Jahre Geschichte hinter sich weiß, gäbe es keine bessere Besetzung. LARS-OLAV BEIER