Taxol Goldene Eier
Zeitlebens kämpfte Mary Davidge, 68, aus dem US-Staat Oregon gegen die Abholzung der heimischen Wälder. Inzwischen würde die engagierte Naturschützerin tatenlos zusehen, wenn Zehntausende seltener Bäume fallen - es geht um ihr eigenes Leben.
Eine bösartige Geschwulst hat sich in ihren Eierstöcken eingenistet, ein Schicksal, das sie allein in den USA mit 30 000 anderen Frauen teilt. »Zwar möchte ich nicht, daß Bäume sterben«, sagt die Krebskranke, »doch gleichzeitig will ich mit Taxol behandelt werden.«
Das ersehnte Krebsmedikament, auf das sich ihre letzten Hoffnungen richten, wird aus den Rinden der seltenen Pazifischen Eibe (Taxus brevifolia) extrahiert. Die nur sehr langsam wachsenden Bäume (zwölf Meter in zweihundert Jahren) gehen an dieser Prozedur unweigerlich zugrunde.
Vor allem in den geschützten Wäldern im Nordwesten der Vereinigten Staaten stehen die stachelspitzigen, bis zu 15 Meter hohen Nadelbäume. Die genaue Zahl der Eiben, deren Bestände Lebensraum für bedrohte Tiere bieten, kennt keiner; fest stehe lediglich, sagt Wendell Wood vom Oregon Natural Resources Council, daß »die Vorkommen begrenzt sind«.
Bruce Chabner, Mitarbeiter am Nationalen Krebsinstitut, hat deshalb einen »grundlegenden Konflikt zwischen Medizin und Umwelt« diagnostiziert. So hat etwa das Pharma-Unternehmen Bristol-Myers in diesem Jahr 342 Tonnen Eibenrinde geordert, um weitere Taxol-Forschungen zu betreiben - ein Todesurteil für 38 000 Eiben. Umweltschützer fürchten, daß die Nachfrage nach Taxol in den nächsten Jahren in die Höhe schnellen wird. »Noch ist diese Baumart nicht gefährdet«, berichtet der Forstwissenschaftler Nan Vance, »aber wir sind über die weitere Entwicklung ernsthaft besorgt.«
Entdeckt wurde das umstrittene Zytostatikum schon Ende der sechziger Jahre, als das Nationale Krebsinstitut die heimische Flora systematisch nach möglichen Heilpflanzen durchforsten ließ. Das starke Pflanzengift aus der Gruppe der Alkaloide - es wirkt lähmend auf Herz und Zentralnervensystem - erwies sich, angewendet auf verschiedene Mäuse-Tumore, als ein vielversprechender Kandidat.
1985 kam es, wie sich Taxol-Pionier William McGuire erinnert, bei einer Frau mit Eierstockkrebs im fortgeschrittenen Stadium zu einer »dramatischen Reaktion«. Weitere Versuche zeigten, daß Taxol, intravenös verabreicht, in 30 Prozent aller vergleichbaren Fälle zu einem Schrumpfen der tödlichen Wucherungen führte.
Einige Forscher sehen mittlerweile in dem Einsatz des Pflanzengiftes die vielleicht »aussichtsreichste Chemotherapie des Jahrzehnts« (The Wall Street Journal). Die verheißungsvollen Eibentropfen werden versuchsweise auch gegen Lungen-, Brust- und Dickdarmkrebs ausprobiert.
Zum unverhofften Lebensretter avancierte damit ausgerechnet ein Gewächs, das bislang eher mit dem Sterben in Zusammenhang gebracht worden war: In der Antike schon war die langlebige Eibe, vermutlich wegen ihrer extremen Giftigkeit, als Baum des Todes abgestempelt. Auch im Totenkult der Kelten spielte der düster wirkende Nadelbaum eine maßgebliche Rolle; noch heute wird die Eibe, vor allem auf den britischen Inseln, bevorzugt auf Friedhöfen angepflanzt.
Die Wunderdinge, die den bis zu 800 Jahre alten Nadelbäumen nun abverlangt werden, könnten ihnen den Garaus machen. Naturschützer werfen Bristol-Myers und anderen Unternehmen vor, die vorhandenen Alternativen zur Taxol-Gewinnung nicht ernsthaft genug auszuschöpfen.
Tatsächlich steckt das Pflanzengift, aus dem Taxol letztlich hergestellt wird, nicht bloß in der Rinde, sondern, abgesehen von den roten Samenkapseln, in allen Teilen des Baumes. So läßt sich die begehrte Substanz, etwa nach Beschneiden der Eiben, auch aus ihren Nadeln pressen und zu Taxol aufarbeiten; die lebenswichtige Baumrinde bleibt dabei unversehrt.
Zwar liefern die Nadeln erheblich weniger Taxol als die Rinde, noch dazu in verunreinigter Form, wie Sprecher von Bristol-Myers betonen. Doch die französische Firma Rhone-Poulenc gewinnt das verwandte Mittel Taxotere aus (europäischen) Eibennadeln; in ersten klinischen Untersuchungen hat sich Taxotere um den Faktor 2,5 potenter erwiesen als Taxol.
Langfristig besteht sogar die Möglichkeit, Taxol vollständig mit Hilfe von Pflanzenzellkulturen in Fermentern zu synthetisieren. Dieser mühsamere Weg der Taxol-Gewinnung, werben die Naturschützer, sei auch für die Medizin besser als die übereilte Zerstörung wertvoller Eibenbestände. Baumfreund Wendell Wood: »Man sollte keine Gans schlachten, die goldene Eier legt.«
Überdies: Taxol werde »völlig überbewertet«, konstatiert der Onkologe Michael Schietzel von der Universität Witten-Herdecke - wie alle Zellgifte verursache die vermeintliche Wunderdroge »zahlreiche Nebenwirkungen«.