Goldene Mäntel - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 57 / 88

GRAPHIK Goldene Mäntel

Art deco als Dauer-Hit: Vom letzten Jahr vor dem Ersten Weltkrieg bis heute blieb die verführerische Gebrauchskunst des nun neunzigjährigen Zeichners und Kostümbildners Erte populär.
• aus DER SPIEGEL 3/1983
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Jahr nach der Oktoberrevolution beschrieb ein junger Russe in Paris sein neuestes Werk - das Titelbild des smarten US-Magazins »Harper''s Bazaar« für September 1918:

»Sie sehen, als Möbel, einen gänzlich mit Hermelin bedeckten großen Diwan, darübergeworfen eine Unmenge Kissen aus Schwarz- und Weißfuchs ... Die Lady ist in Schlaf gesunken, ihr Strickzeug ist ihr entglitten ... Am Fuße der Stufen spielt ein lohfarbenes Angorakätzchen mit der Wolle.«

Während an der Westfront noch in Materialschlachten gestorben wurde, hatte sich der Sohn eines Petersburger Admirals das Luxus-Idyll »Faulenzerin« einfallen lassen. So, mit mondän-irrealen Szenerien zwischen Kunst und Kitsch, begründete Romain de Tirtoff in schlimmen Zeitläuften seinen Weltruhm.

Erte - nach seinen Initialen - nannte sich der androgyn wirkende Adels-Sprößling aus altem Tataren-Geschlecht. Als Modezeichner und Graphiker, Kostümbildner und Ausstatter von Revuen und Shows, Filmen und Opern wurde er ein Maitre de plaisir des Art deco.

Erstaunlich aber ist, wie Erte, als Leitfigur eines Amüsements, das den zwanziger und dreißiger Jahren verhaftet ist, anhaltend Erfolg hatte. Mit immer gleich geschmäcklerischen Variationen der einmal entwickelten Manier - delikat kolorierter Stromlinien-Jugendstil - vermochte er bis heute nicht nur die Dandys jeder neuen Generation zu faszinieren.

Von den Herausgebern der Encyclopaedia Britannica wurde er 1928 eingeladen, für dieses profunde Nachschlagewerk einen illustrierten Artikel über moderne Kleidung zu liefern (er propagierte S.144 darin erstmals, als »Unisex-Mode«, den Partner-Look). Und noch 1937 durfte der Experte für dekadente Erotik im Nazi-Deutschland arbeiten; die Berliner Scala hatte ihn verpflichtet.

Der Ragtime war noch gar nicht wiederentdeckt, da führte die Pariser Opera Comique 1952 Mozarts »Cosi fan tutte« S.145 in Erte-Design auf, bestellte die Bavaria in München bei ihm Kostüme und Staffage für die Verfilmung der »Maske in Blau«. Und 1980, als niemand mehr neuaufgelegten Charleston hören mochte, ließ die Glyndebourne Opera Company ihn den »Rosenkavalier« ausstatten ("so aufdringlich exotisch«, wie die »Times« befand, »daß es schon wieder eigenen Chic bekommt").

Retrospektiven auf sein prätentiöses OEuvre hatten während der letzten Jahre in Tokio nicht minder Zulauf als in London oder Kopenhagen. Die Washingtoner Smithsonian Institution, eine der großen amerikanischen Wissenschafts- und Kulturstiftungen, schickte eine Ausstellung der wie mit Lidschatten und Puder, Lippenstift und Rouge gemalten Inbilder prächtiger Oberflächlichkeit durch die USA, Kanada und Mexiko.

Nun, zum 90. Geburtstag des grazilen Narziß - Parfüm: Gres, Hobby: seltene Muscheln, Wohnungsgenossen: Katzen, Tauben und Aquarienfische -, ist ein Sammelband seiner Druckgraphik S.146 erschienen (siehe Farbseiten).

( Marshall Lee (Hrsg.): »Erte at Ninety. ) ( The Complete Graphics«. E. P. Dutton. ) ( New York; 224 Seiten; 75 Dollar. )

Techniken der Vervielfältigung wie Lithographie und Serigraphie hatte der nimmermüde Nachtarbeiter, der seinen späten Tag mit einem Glas heißen Wassers und einer Tasse Tee beginnt, erst im neunten Lebensjahrzehnt erlernt; aber er nutzte sie gleichwohl vehement.

Mit Stein und Sieb setzte Erte nicht nur ältere Unikate um, sondern vervollständigte und erfand dafür ganze Serien arabeskenhafter Motive, so das »Alphabet« und die »Zahlen«, »Edelsteine« und »Jahreszeiten«. Blickfang vieler Blätter ist wie seit je die einsame Femme fatale a la Erte, ein statuarischer Odaliskenkörper, mit Federn oder Blüten, Schleiern oder Pelz, Seide oder Geschmeide entblößend drapiert - die erfahrene Barbie für ganz Reiche.

Erte feiert sich in dem Band selbst als einzigartig: »Niemals bin ich von einem anderen Künstler beeinflußt worden.«

Allenfalls will er griechische Vasen und persische und indische Miniaturen, die er als Kind in Werken der väterlichen Bibliothek abgebildet fand, als Vorbilder gelten lassen. Jedoch ist überliefert, daß dem sechsjährigen Romain de Tirtoff eine Kunstzeitschrift mit Zeichnungen von Aubrey Beardsley unter die Augen gekommen war, die er lange studierte.

An die sparsam-effektvollen Linien des Briten, der 20 Jahre älter war, gemahnen Charakteristika Ertes wie streng ornamentaler Strich, betonte Umrisse und vignettenhafte Binnenzeichnungen, Schwarz-Weiß-Kontraste und die leicht lasziven Themen.

Unverwechselbar sind dagegen die unmalerischen, glatt plakativen Farbflächen und die kühle Extravaganz seiner Gouache-Mischung: Lackglänzendes neben stumpfem Anthrazit, leise Übergänge etwa von zuckrigem Weiß zu Pink, Schock-Gegensätze wie Schwarz-Gelb und aus oft dunklem Grund leuchtende gebrochene Pastell-Töne wie Beige, Elfenbein und Taubenblau, Bast und Eierschale, Bronze, Rost und Bernstein, Reseda und Koralle.

Diese Kombination von Epigonalem und Neuem machte Ertes Gebrauchskunst augenblicks interessant. Schon 1913, ein Jahr nach der Ankunft in Paris, engagierte ihn Paul Poiret, »der Sultan der Mode« (so Jean Cocteau) und einer der Begründer des Art Deco.

Im selben Jahr entwarf Erte erstmals Bühnenkostüme, für das orientalisierende Stück »Le Minaret« mit Mata Hari in der Hauptrolle. Und der Zeitungskönig William Randolph Hearst sicherte sich alsbald seine Titelbilder für »Harper''s Bazaar«, gleich auf zehn Jahre, nur damit Erte nicht zugleich für »Vogue« arbeiten konnte; der Vertrag wurde dann bis 1937 verlängert.

Noch während des Ersten Weltkriegs ließ Erte die Puppen raffiniert entkleidet tanzen - zuerst in Paris die Girls von Bata-Clan und Folies-Bergere, später auch in New York George Whites »Scandals« und die Ziegfeld-»Follies«. Metro-Goldwyn-Mayer holte ihn 1925 nach Hollywood, das er allerdings, weil er die Film-Version seiner Phantasiegeschöpfe als »Karikatur« empfand, rasch wieder verließ.

Zeitweilig residierte Erte mit seinem Lebenspartner Prinz Nicolai Urussow, der 1933 starb, in Monte Carlo. Besucher pflegte das von Siamkatzen umschnurrte Paar zwischen grauem Samt in Hermelin-Pyjamas oder goldenen Morgenmänteln zu empfangen.

So viel Talent, Witz und Hautgout, das machte offenbar süchtig. Stars wie die Tänzerin Anna Pawlowa und die Sängerin Ganna Walska mußten unbedingt in Erte-Kreationen auftreten. Seriöse Musiktheater von der New Yorker Metropolitan Opera bis zur Oper in Riga verlangten nach seinen Ausstattungen, nach seinen Illustrationen die »Gazette du Bon Ton« ebenso wie »Art et Industrie«, Philadelphias »Ladies Home Journal« und Londons »The Sketch«; die amerikanische Amalgamated Silk Corporation ließ ihn zwei Seiden-Kollektionen gestalten.

Besonders typisch für seinen unwandelbaren Stil ist das »Alphabet«. Die ersten Blätter hatte Erte 1927 gezeichnet. Vier Jahrzehnte später, als seine Londoner Galeristen Salome und Eric Estorick die Serie ausstellen wollten, war sie immer noch nicht vollständig - aber das dann rasch skizzierte und ausgeführte »L« fügte sich ohne Bruch in die Reihe und wurde sein populärster Buchstabe.

Dies ist wohl das Geheimnis, warum er nie ganz demode wurde: Von Zeitströmungen ließ Erte sich kaum erfassen; noch die unterschwellige Verbindung von vorherrschendem Geschmack und Alltagswirklichkeit ist ihm zuwider.

Im Text zum jetzt erschienenen Druckgraphik-Band sucht er sich deshalb sogar von den »Roaring Twenties« loszusagen: »Ich habe etwas gegen die Vorstellung, daß mein Werk untrennbar mit der Art-Deco-Periode verbunden sei.«

Wohin gehört die rund 19 000 Stück umfassende Produktion dann? Auch der neunzigjährige Erte schwebt über allem - »mein Werk«, erklärte er, »stellt nur Träume vor«.

S.146Marshall Lee (Hrsg.): »Erte at Ninety. The Complete Graphics«. E. P.Dutton. New York; 224 Seiten; 75 Dollar.*

Zur Ausgabe
Artikel 57 / 88

Mehr lesen über