FILM Goldener Westen
Da ist es, das »Frischfleisch« aus dem Osten, um das es in diesen Tagen in einem viel beredeten Berliner Prozess geht: Zufall, dass gerade jetzt Lukas Moodyssons so verstörender, schmerzender Film »Lilja 4-ever« bei uns in die Kinos kommt. Oder auch kein Zufall, denn diese eine Lilja in ihrem Unglück steht für Hunderttausende.
Nach Schätzungen von EU und Vereinten Nationen halten sich etwa 500 000 Mädchen und junge Frauen illegal in Westeuropa auf, davon der größte Teil aus dem ehemaligen Ostblock. Es könnten auch doppelt so viele sein, denn was sonst hätte der ausgepowerte Osten nach dem Zusammenbruch schon groß zu exportieren gehabt? Kriminelle haben im letzten Jahrzehnt nach Drogen- und Waffenhandel den Menschenhandel zu ihrem dritten großen Geschäftsfeld gemacht. Was aber kann uns, da man das alles weiß und lieber nicht wissen möchte, ein Spielfilm noch Besonderes erzählen von dieser tausendfach gleichförmigen Elendsgeschichte von Betrug, Missbrauch, Vergewaltigung und Zerstörung, wo kein Schrei um Hilfe erhört wird?
Der Schwede Lukas Moodysson, 34, der als Lyriker begonnen hat, bevor er mit »Raus aus Åmål« und »!Zusammen!« zum Filmemacher wurde, versteht es auf ganz eigene, lyrische Weise, die Welt mit dem Blick seiner halbwüchsigen Figuren wahrzunehmen: mit der Empfindlichkeit der verletzten Unschuld, mit der Fassungslosigkeit darüber, dass die Welt ist, wie sie ist, und mit der verzweifelten Hoffnung, dass es anderswo eine andere geben müsse.
Lilja, die kleine Russin in einer nördlichen Küstenstadt, die tapfer behauptet, schon 16 zu sein, haust frierend allein in einer abbruchreifen Plattenbausiedlung ohne Elektrizität. Ihren Vater kennt sie nicht, ihre Mutter ist mit einem Liebhaber auf und davon, und ihre Tante empfiehlt ihr, »die Beine breit zu machen«. Ihr einziger Freund ist ein elfjähriger Streuner mit der Anhänglichkeit eines Hündchens, und eine süßliche Benommenheit verschafft den beiden, wenn sie Klebstoffdämpfe schnüffeln, das einzige Glück. Aber dann kommt der Mann, von dem Lilja nicht einmal zu
träumen gewagt hätte, und verspricht ihr in einem neuen Land ein neues Leben.
Moodyssons »Lilja 4-ever« erzählt diese einfache, trostlose und kaum auffallende Geschichte so nah und inständig, zart und pathetisch, dass daraus die eine, einzige Geschichte wird, die für alle steht. Seine Musik schlägt einen Bogen von der Gruppe Rammstein bis zu Hildegard von Bingen, und seine Kamera hängt geradezu süchtig an seiner kindlichen Protagonistin Oksana Akinshina: Ihr Strahlen macht Liljas Reise in den goldenen Westen zu einer Passion, vor der wir die Augen nicht verschließen können. URS JENNY
* Mit Elina Benenson.