Golem melkt - DER SPIEGEL
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PHILOSOPHIE / ELEKTRONIK Golem melkt

• aus DER SPIEGEL 44/1969
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn Philosophen etwas nicht wissen -- eine 4004 weiß es.« Mit dieser Behauptung beschriftete die Firma Siemens AG Anfang Mai zwei mehr als halbseitige Anzeigen in der »Süddeutschen« und der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung": Werbung für Ihren Computer »Golem 4004« und für das Philosophische Institut der Universität Düsseldorf, das ihn benutzt. Der Elektro-Konzern bezahlte nicht nur die Anzeigen; bis zum 9. Oktober überließ er den Philosophen auch seinen Elektronenrechner (normale Stundenmiete: etwa 1200 Mark), dessen aufwendige Programmierung bisher allein eine sechsstellige Summe gekostet hätte, zu unbezahlter Mitarbeit.

Das frappierende Mäzenatentum galt einer Konsumanregung: Während jeder vierte Computer in der Bundesrepublik für die Metallindustrie arbeitet, leisten sich die Wissenschaften nur jeden zwölften. Siemens-Manager, auf der Suche nach einem Testfeld, wählten die Philosophie ihrer Schwierigkeit wegen: Mangels einer genormten Sprache setzt dies Fach der Programmierung ungewöhnliche Hindernisse entgegen; Golem 4004 sollte zeigen, daß er sogar damit fertig wird.

Die Düsseldorfer Philosophen ihrerseits wollten nicht etwa das Denken an eine Denkmaschine delegieren. Beunruhigt davon, daß schier unübersehbare Mengen von Aufsätzen und Büchern über philosophische Themen vergessen in Bibliotheken lagern, faßte Professor Alwin Diemer, Leiter des Philosophischen Instituts, den Entschluß, erstmals eine vollständige Bibliographie dieser Literatur herzustellen.

Seit Anfang 1967 arbeitet die Dokumentationsabteilung seines Instituts unter dem Universitätsassistenten Dr. Norbert Henrichs. Finanziert teils von der Universität, teils vom Frankfurter »Institut für Dokumentationswesen«, unterstützen Henrichs heute zwei wissenschaftliche Mitarbeiter und zwei Hilfskräfte dabei, zunächst alle Aufsätze in philosophischen Zeitschriften zu katalogisieren; Umfang des nur sporadisch erschlossenen Materials: etwa zehn Millionen Druckseiten. Der erste Band erschien im letzten Jahr*.

Im Unterschied zu herkömmlichen Bibliographien, die sich darauf beschränken, Autoren und die Titel ihrer Werke aufzuführen, wollten Diemer und Henrichs von vornherein auch den mutmaßlichen Inhalt der Werke speichern.

Die Düsseldorfer Dokumentaristen hüten sich freilich, zu diesem Zweck ein fertiges Netz von Begriffen rasterähnlich über die Schriften zu legen, um so jeglichen Inhalt auf wenige, immer wiederkehrende Grundbegriffe zu reduzieren. Sie benutzen vielmehr ausschließlich die Wörter der Autoren; jedem Aufsatz werden zehn bis 20 solcher Stichworte -- zuweilen auch ein Mehrfaches davon -- entnommen und überdies in ihrer gegenseitigen Zuordnung durch Zahlen gekennzeichnet. Ziel dieses Verfahrens Ist es, den Gedankengang durchscheinen zu lassen. Henrichs: »Wir haben das einzige System ohne vorgängige Klassifikation und genormten Wortschatz.«

So ist denn der Aufwand ebenso enorm wie monoton. Ein Mitarbeiter bereitet pro Woche etwa einen Jahrgang einer philosophischen Zeitschrift für die Programmierung vor (Betroffenen-Jargon: »Zeitschriften melken"); drei Zeitschriften mit insgesamt 100 Bänden sind inzwischen erfaßt. Das

* Philosophische Dokumentation 1, Band 1. Gesamtregister zur Zeitschrift für philosophische Forschung 1-21 (1946-1967); Herausgeber: Alwin Diemer. Verlag Anton Hain. Meisenheim; 620 Seiten; 56 Mark.

mag, gemessen an den etwa 300 heute in aller Welt erscheinenden philosophischen Zeitschriften, ein Hundertstel sein; verglichen mit den seit Mitte des 18. Jahrhunderts bekannten etwa 2000 Zeitschriften ist es nur ein winziger Bruchteil. Die Zahl philosophischer Bücher übertrifft außerdem die der Zeitschriftenbände bei weitem, und diese Bücher machen neue Überlegungen zur Methode notwendig.

Den wissenschaftlichen Mitarbeitern wird die Möglichkeit zur Habilitation In Aussicht gestellt. Ein Zusammenhang mit ihrer Arbeit, bei der es sich laut Diemer »nicht um Philosophieren selbst handelt«, wird dabei allerdings kaum sichtbar. Gleichwohl könnte diese Arbeit dereinst unerwartete Konsequenzen für das Philosophieren haben.

Bei Vorliegen von 2000 Index-Bänden der philosophischen Zeitschriften nämlich müßten zukünftige Autoren zum Beispiel für einen Aufsatz, der die gesamte einschlägige Literatur berücksichtigen wollte, selbst dann jahrelange Lektüre in Kauf nehmen, wenn sie die nötigen Hinweise von einer zentralen Datenbank abrufen könnten. Die Produktion philosophischer Werke würde rapide schrumpfen. Henrichs träumt gelegentlich schon von kritischen Düsseldorfer Blättern, die dem nachhelfen und voreilige Autoren mangelnder Belesenheit überführen könnten.

Der Düsseldorfer Wortspeicher ist weder der erste noch der einzige Versuch, auf dem Gebiet der Philosophie mit Hilfe der Elektronik die enzyklopädische Sammlerwut des 19. Jahrhunderts zu perfektionieren. Mitte der fünfziger Jahre schon hatte der italienische Jesuitenpater Roberto Busa damit angefangen, das reiche Schrifttum des Thomas von Aquin Wort für Wort auf Lochkarten aufzuzeichnen (SPIEGEL 14/1957): als Mittel für die Schaffung eines lateinischen Spracharchivs.

Um 1960 begann der Direktor des Bonner Philosophischen Seminars, Professor Gottfried Martin, mit den Vorarbeiten zu einem Allgemeinen Kant-Index. Gestützt auf die von der Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin seit 1902 veranstaltete und inzwischen mühsam auf 24 Bände angewachsene Werkausgabe des Königsberger Philosophen (voriges Jahr erschienen die seit langem vergriffenen ersten neun Bände in einer Studienausgabe)**, wurde jedes einzelne Kant-Wort mit einem Hinweis auf seinen Fundort von einem IBM-Computer 7090 des Bonner Universitäts-Rechenzentrums gespeichert. 1965. zum 2. Internationalen Kant-Kongreß. lagen die vollständigen Verzeichnisse für den internen Gebrauch vor.

Zur Veröffentlichung wird das unhandliche Wörterbuch allerdings einer Revision unterzogen: Wörter wie »der«, »und«, »aber« (das im ersten Band 445mal erscheint) werden ohne Stellenangaben mit einem Hinweis auf ihre Häufigkeit abgedruckt. Zwei Bände dieser erweiterten Version liegen vor***; das durch Geldmangel teilweise auf ehrenamtliche Mitarbeit angewiesene Team bereitet inzwischen auch einen Leibniz-Index vor.

Obwohl Bonner und Düsseldorfer Philosophen mit Speicher-Problemen kämpfen, arbeiten sie nicht zusammen. Selbst auf dem ohnehin enttäuschend »sterilen IX. Deutschen Kongreß für Philosophie in Düsseldorf vor zwei Wochen wurden die wissenschaftstheoretischen und -politischen Konsequenzen der elektronischen Dokumentation nicht diskutiert.

Die Fronten sind seit langem klar: Halten die Bonner Henrichs vor, bei der Auswahl der Stichworte subjektive Vormeinungen nicht ausschalten zu können, so kontert er, die Bonner Speicherung müsse zu »ungeheurem Informationsballast« führen. Das eben befürchtet er für seine Methode nicht; der in Düsseldorf erzeugte Informationsdruck, so meint er schadenfroh und reichlich optimistisch, »mag zum »Tod« mancher »Philosophen« führen, nicht aber zum Tod der Philosophie, im Gegenteil«.

** Kants Werke. Akademie Textausgabe. I bis IX. De Gruyter, Berlin; 4370 Seiten; 88,20 Mark.

*** Wortindex zu Kants gesammelten Schriften. Bde. 16 und 17. De Gruyter, Berlin; 1672 Seiten; 200 Mark.

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