Grabenkrieg - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 79 / 140

Am Rande Grabenkrieg

• aus DER SPIEGEL 9/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der gemeine Intendant ist, wie alle Schöngeister, ein Sensibelchen. Die Widrigkeiten des Lebens - knappe Kassen, nörgelnde Zuschauer, kurzsichtige Kritiker - treffen ihn deshalb mit besonderer Härte. Am meisten setzt dem Prinzipal indes der notorisch schwarz gewandete Stand der Regisseure zu. Diese feinfühligen Anarchisten sind umtriebig, hoffärtig, kostspielig und undankbar. Insofern ist es nur menschlich, dass Christoph Albrecht, dem Intendanten der Dresdner Semperoper, neulich die Geduld riss: So, wie ihm der Regisseur Peter Konwitschny die »Csárdásfürstin« vergewaltigt hatte, wollte er sie seinem frohgemuten Publikum nicht zumuten. Wieso Pulverdampf statt Talmi und statt Puszta einen Kriegsschauplatz? Warum eine kopflose Leiche, wo doch »tausend kleine Engel singen«? Ebenso entsetzt wie beherzt griff Zensor Albrecht ein, der Regisseur ging vor Gericht, und die Kadis gaben ihm erst mal Recht. Ob das auf Dauer allerdings ein Segen ist für die inszenierenden Schwarzkittel? Denn nach dem »Csárdásfürstin«-Urteil müssten sie sich künftig auch gegen die Amputationen wehren, die viele Opernhäuser ihren Eversellern regelmäßig antun. Genau das aber tun sie bislang nicht. Über Jahre, gar Jahrzehnte lassen sie ihre Inszenierungen laufen. Sie gucken zu und noch lieber weg, wenn ahnungslose Dramaturgen an ihrem erhabenen Kunstwerk rumfummeln und dieses bis zur Unkenntlichkeit entstellen. Und warum? Weil es für Wiederaufnahmen vom Intendanten einen Trostpreis gibt: noch mal Gage. Da drückt man gern ein Auge zu.

Zur Ausgabe
Artikel 79 / 140