BIOGRAPHIEN Graf Siebenmal
Wer war Pauline, die sich ihm in einer Vollmondnacht in London hingegeben hatte? Wer könnte jene Lucrezia Castelli gewesen sein, die er so heftig liebte, daß dabei das Bett zusammenbrach? Wer waren die drei Mädchen, mit denen er sich nach einem Besuch bei Voltaire »in höchst unkonventioneller Weise« unterhalten hatte?
Von solchen Fragen werden seit gut hundert Jahren die »Gasanovisten« geplagt, die als Profis oder Amateure viel Fleiß darauf verwenden, Ort, Zeit und »Opfer« der amourösen Abenteuer des Giacomo Casanova exakt zu identifizieren, um den immer wieder aufkommenden Verdacht aus der Welt zu schaffen, der venezianische Frauenheld sei ein großer Aufschneider gewesen.
Als in den Jahren 1822 bis 1828 Casanovas Memoiren vom Leipziger Verlag Brockhaus erstmals veröffentlicht wurden, stieß sogar diese puritanisch gestutzte Ausgabe auf den Unglauben vieler Zeitgenossen. Besonders die phänomenalen Kohabitations-Leistungen des »Graf Siebenmal« (Casanova über Casanova) galten -.- und gelten noch immer -- als pure Flunkerei.
Einer der ersten Verteidiger Casanovas war der Greifswalder Geschichtsordinarius Friedrich Wilhelm Barthold, der mit seiner 1846 veröffentlichten wissenschaftlichen Untersuchung über »Die geschichtlichen Persönlichkeiten in Jacob Casanovas Memoiren« die Casanovistik begründete.
Der Versuch des pommerschen Professors, die Zweifler an Casanovas Aufrichtigkeit und Manneskraft zu bekehren, machte Schule. Casanovisten aus Italien, Frankreich und Deutschland gingen auf die Suche nach »M. M.« und »C. C.«, nach »Madame de« und »Madame F.«, nach »Mlle. X. C.V."' nach »Henriette«, »Clementine«, »Charlotte« und »Pauline«, die Casanova genossen, doch als Kavalier in seinen Memoiren nie mit vollem Namen genannt hat.
Es waren keineswegs bloß lüsterne Voyeure' die den Spuren des Venezianers in ganz Europa nachsehlichen, sondern auch renommierte Gelehrte und Literaten: etwa der Sorbonne-Mathematiker Charles Henry, der italienische Literaturhistoriker Alessandro d'Ancona und sein Landsmann Pompeo Molmenti' Historiker und nach dem Ersten Weltkrieg Unterstaatssekretär. Auch der Philosoph und Polyhistor Benedetto Croce betrieb Casanova-Studien. Nach dem Zweiten Weltkrieg gründete der ehemalige US-Diplomat J. Rives Childs die Zeitschrift »Casanova Gleanings«, die der Schweizer Casanovist Helmut Watzlawick unlängst als »Mittelpunkt der modernen Casanovistik« feierte.
Leichtfertiger Umgang mit dem Helden aus Tausendundeinem Bett sei völlig unangebracht, meint auch Childs in seiner kürzlich erschienenen Casanova-Biographie**. Schließlich gehe es doch um die »fundamentale Frage": »Entsprechen Casanovas Memoiren der Wahrheit, oder sind sie frei erfunden?«
Daß die Wahrheit gar nicht so einfach herauszufinden ist, beweist der Fall Pauline. Bekannt ist nur, daß ihr Vater in Casanovas Memoiren »X ... mo« heißt, die Großtante die »Marquise x ... mo« war. Pauline den Grafen »FI ... heiraten sollte, aber schließlich den Grafen »Al ... ehelichte, mit dem sie vor »FI ... nach London geflohen war.
Aus diesem Buchstaben-Salat wirkliche Namen zu machen, ist zwar bislang noch nicht gelungen, doch Childs ist guten Mutes: »Das Geheimnis um Pauline kann entschlüsselt werden, vielleicht entdeckt ein Genealoge einmal die wahre identität der Marquise X. . . mo, von X. . . mo' dem Vater, von Graf Fl ... und dem Grafen
Das Vertrauen Childs' in die detektivischen Fähigkeiten der Casanovisten ist durchaus berechtigt. Das zeigt die erfolgreiche Fahndung nach Lucrezia Castelli, mit der Casanova das Bett zertrümmerte, und ihrer Schwester Angelica. Obwohl Croce an dem Fall ge-
* Gemalt um 1750 von seinem Bruder- Francesco. ** J. Rives Childs: »Casanova« Blanvalet Verlag. München; 352 Seiten: 39.80 Mark.
scheitert war, gab Childs nicht auf. Er ging dem Hinweis Casanovas nach, daß die Mutter der beiden Schwestern Cecilia Monti hieß, im Minerva-Viertel von Rom wohnte, und daß Angelica im Januar 1745 geheiratet habe.
In den Kirehenbüchern von Santa Maria sopra Minerva entdeckte Childs, daß in dem angegebenen Monat nur eine Hochzeit eingetragen war: »Am 17. Januar hatte eine Lucrezia d'Antoni... einen Filippo Tomasi geheiratet«. Den Verdacht, daß Casanovas »Angelica« in Wirklichkeit Lucrezia hieß, fand Childs in anderen »Dokumenten« bestätigt, aus denen hervorging, daß sich die Mutter der beiden Schwestern tatsächlich Cecilia nannte.
Wer aber war die »Lucrezia« der Memoiren? »Nach langer, geduldiger Suche« (Childs) wurde sie entdeckt. Sie hieß Anna Maria und war mit einem Alessio Vallati verheiratet. Das Rätsel war also gelöst: »Lucrezia« hieß Anna Maria und »Angelica« war Lucrezia Tomasi.
»Die Identifizierung dieser Personen«, so freut sich Childs' »ist darum so wertvoll, weil durch sie bewiesen wird, daß es sich um Menschen aus Fleisch und Blut handelt und nicht um reine Erfindungen, wie unverbesserliche Spötter behaupten.«
Auch die Namen der beiden venezianischen Nonnen »M. M.« und »C. C.« denen Casanova von November 1753 bis Ende 1754 unfromme Kurzweil verschaffte, glauben die Casanovisten entdeckt zu haben. Zuerst identifizierten sie »P. C.«, den Bruder von »C. C.« als Pietro Capretta, dann war es nicht mehr schwer, Pietros Schwester Caterina als Casanovas »C. C.« zu entlarven.
Bedeutend mehr anstrengen mußten sich die Casanova-Forscher, um herauszufinden, wer »M. M.« gewesen sein könnte, denn in einem Dokument aus dem Jahre 1760 sind nicht weniger als acht Nonnen des Klosters 5. Maria degli Angeli mit den Initialen M. M. aufgeführt. Die Suche nach »M. M.« fand erst im vorletzten Jahr ein Ende. Der französische Casanovist Pierre Gruet ist überzeugt, »M. M.« als Marina Maria Morosini identifiziert zu haben: Sowohl ihr Alter als auch ihre Herkunft würden mit den Angaben der Memoiren übereinstimmen.
Was also der venezianische Kavalier diskret verbergen wollte, haben seine weniger galanten Anhänger unbarmherzig aufgedeckt: »die Identat der Frauen, die ihn geliebt hatten«. Doch Casanova konnte eben nicht voraussehen, »daß sieh die Forschung eines Tages bemühen würde, den Tatsachen auf den Grund zu kommen
Sogar das genaue Datum jener Nacht, in der Casanova der noch unbekannten Pauline beischlief, ist bekannt geworden: Am 24. Juli 1763 war Vollmond.