Grimm Brothers - DER SPIEGEL
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Grimm Brothers

• aus DER SPIEGEL 45/1961
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Auf der Leinwand wird eine Kanone in Stellung gebracht. Ihr Rohr Ist drohend ins Publikum gerichtet. Sekunden später schießt ein Feuerstrahl hervor, und die Kinoleinwand reißt plötzlich nach beiden Seiten auf: Aus einer Bildfläche, die sechsmal so groß ist wie das gewöhnliche Kinobild, marschieren Napoleons Soldaten in geschlossener Schlachtordnung auf das Publikum zu.

Mit diesem altgedienten Scherz des Cinerama-Films** beginnt ein neues amerikanisches Lichtspiel, das zur Zeit mit einem Kostenaufwand von 32 Millionen Mark (Herstellungskosten eines deutschen Unterhaltungsfilms: eine Million Mark) gedreht wird. Das aufwendige Kinostück soll Schaulustige in aller Welt an die Quellen deutschen Gemütes führen, in die - so der Filmtitel - »Wunderbare Welt der Gebrüder Grimm«.

Nachdem die Cinerama-Filmer ihre Atelieraufnahmen in Hollywood gekurbelt hatten, fanden sie sich vor kurzem in der Bundesrepublik ein, um idyllische Kulisse aufzunehmen. Den deutschen Rhein zwischen dem Lorelei-Felsen und Koblenz klapperten die Filmleute auf einem Schaufelraddampfer ab (Tagesmiete 4000 Mark).

In Regensburg heuerten sie die »Domspatzen« an, die Mozarts »Ave Verum« zu singen hatten. Bei Rothenburg ob der Tauber bewässerten sie das ausgetrocknete Bett eines Bächleins, damit einer der Film-Grimms, Wilhelm, mit einem »hölzernen Manuskript-Köfferchen den Wasserlauf überqueren« konnte. Das restliche Milieu beschafften sich die Filmleute in Dinkelsbühl und auf den Schlössern Welkersheim und Neuschwanstein.

Aus der Biographie des Bruderpaares Grimm, das nicht nur Märchen und altdeutsche Heldensagen sammelte, sondern auch eine wissenschaftliche Grammatik der deutschen Sprache und ein monumentales Wörterbuch schuf (SPIEGEL 20/1961), pickten die Filmhersteller lediglich bestimmte Zeitabschnitte heraus: Produzent George Pal und Regisseur Henry Levin wollen zeigen, wie Jacob (Karlheinz Böhm) und Wilhelm (Laurence Harvey) in den Besitz ihrer deutschen »Kinder- und Hausmärchen« gerieten.

Für das Cinerama-Publikum nimmt sich das so aus:

- »Die alte Blumenfrau an der Ecke macht ein Zeichen« - sie hat wieder ein neues Märchen für die Brüder.

- Eine alte Frau, die ihre Hütte stets vor den schnüffelnden Grimms verschlossen hielt, kommt versehentlich zu Fall. Doch Wilhelm weilt in der Nähe. Er eilt prompt zu Hilfe, und aus Dankbarkeit verrät die Alte ihm Märchen.

Schneewittchen, Hänsel und Gretel sowie Rumpelstilzchen erscheinen dem kranken Wilhelm im Fieberwahn und bitten quasi um literarische Registrierung.

Daß sich das amerikanische Publikum für die deutsche Märchenwelt und deren Erschließung durch die Grimm Brothers interessiert, halten die Filmhersteller für selbstverständlich. Produzent Pal: »Es gibt in den Staaten kaum ein Buch, das so populär ist wie die Grimmschen Märchen.« In der Tat wurde die Auflage der Märchenbücher zeitweise sowohl in Deutschland als auch in den USA nur noch von der Bibel übertroffen.

Überdies haben sich Cinerama-Filme ausnahmslos als Kassenschlager erwiesen. Das erste Lichtspiel dieses Typs ("Das ist Cinerama") spielte 40 Millionen Dollar ein (120 Millionen Mark), sämtliche fünf bislang gedrehten Cinerama-Filme erbrachten zusammen rund 120 Millionen Dollar (480 Millionen Mark).

In der Bundesrepublik gibt es vorerst nur sechs Lichtspielhäuser, die Cinerama-Filme aufführen können (in Berlin, München, Hamburg, Hannover, Bremen und Mannheim) Für Kleinstadtkinos lohnt sich der Einbau aufwendiger Cinerama-Anlagen nicht. Doch haben die Filmleute einen Ausweg ersonnen: Sie wollen sich als Wanderschausteller betätigen.

Die Firma Cinerama hat ein neues Verfahren entwickelt, »das es erlaubt, in wenigen Minuten ein aufblasbares Cinerama-Zelt für 3000 Personen aufzustellen«.

** Cinerama-Filme werden mit drei synchron arbeitenden Kameras aufgenommen. Bei der Projektion auf die halbkreisförmig angebrachte Leinwand ergibt sich für die Zuschauer ein ungewöhnlich weiter Blickwinkel von 146 Grad.

Amerikanischer Brüder-Grimm-Film*

Im Fieberwahn Schneewittchen gesehen

* Karlheinz Böhm (r.) als Jacob Grimm, Walter Slezak als Buchhändler Stossel.

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