Große Flecken - DER SPIEGEL
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FORSCHUNG MARS Große Flecken

• aus DER SPIEGEL 34/1969
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Fast hundert Jahre währte schon der Gelehrtenstreit. Er begann mit einem Übersetzungsfehler.

»Canali«, schrieb der italienische Astronom Giovanni Virginio Schiaparelli 1878, habe er auf dem Mars gesehen: Wasserläufe -- aber die Kollegen in anderen europäischen Ländern übersetzten »canali« mit »Kanäle.

So entstand jene Fama, die seither durch Science-fiction-Bücher, aber auch durch wissenschaftliche Werke geisterte: Intelligente Wesen, »nicht von Gestalt, aber im Geist uns Menschen ähnlich« (so 1895 der amerikanische Astronom Percival Lowell), hätten vielleicht auf dem rötlich schimmernden Nachbarplaneten ein Bewässerungssystem gegraben, das riesige Wüstenflächen fruchtbar mache.

Durch die Atmosphäre von Erde und Mars -- und vielleicht auch durch Phantasie -- war der Blick irdischer Astronomen getrübt worden. Daß sich die Rätsel endgültig würden klären lassen, durften die Wissenschaftler nun -- im Jahre der Eroberung des Mondes durch den Menschen -- hoffen: Zwei kamerabestückte Raketen näherten sich dem roten Planeten bis auf wenige tausend Kilometer.

Aber nun ist es fast wieder wie vorher: Das kosmische Vexierbild Mars hat sich nicht entwirren lassen.

Ende Juli, als Mariner 6, die erste der beiden Mars-Sonden, ihre Tele-Photos zur Erde funkte, schienen alle Spekulationen selbst von primitivem Leben auf dem Mars schon widerlegt. »Krater, nichts als Krater«, so das US-Nachrichten-Magazin »Newsweek«, waren zu sehen, und kein Anzeichen für Leben.

Aber dann gab es -- durch Zufall -- doch wieder eine Wende im Weltbild. Eine kosmische Kollision mit einem Meteor hatte die dichtauf folgende Zwillingssonde Mariner 7 am 29. Juli aus Ihrer ursprünglichen Bahn geworfen. Der Forschungs-Roboter flog nun etwas langsamer und wurde um rund 200 Kilometer nach Süden gedrängt. So geriet der Mars-Südpol ins Blickfeld seiner Kameras -- und eben dort hoffen nun einige US-Wissenschaftler doch noch auf Erfüllung alter Menschheitsträume: Zumindest primi-

* Oben: nach der Vorstellung des französischen Astronornen Camille Flammarion (1842 bis 1925); Mitte: Mars-Karte, gezeichnet 1888 von Giovanni Schiaparelli; unten links: Übersichtsaufnahme; unten rechts: mit Tele- Objektiv aufgenommener Ausschnitt, photographiert aus 4500 Kilometer Entfernung vorn Mars.

tive Lebensformen, meinen sie, seien in jenen Mars-Regionen möglich.

Daß der Mars vielleicht doch belebt sei, will beispielsweise der Chemiker Professor George Pimentel (Universität von Kalifornien, Berkeley) einer Reihe von Mariner-7-Befunden entnehmen: Die Infrarot-Messungen bestätigten, daß die Mars-Atmosphäre Methan und Ammoniak enthält. Nun ist aber

* Ammoniak eine Verbindung aus Wasserstoff und Stickstoff -- mithin wäre der lebenswichtige Stickstoff auf dem Mars reichlich vorhanden;

* Methan, auch Sumpfgas genannt, auf der Erde ein Abfallprodukt von Lebensvorgängen; sogenannte anaerobe (ohne Sauerstoff lebende) Bakterien erzeugen es etwa im Faulschlamm der Sümpfe oder in tierischen Gedärmen.

Das martianische Methan könnte, nach Ansicht von Pimentel, ähnlichen Ursprungs sein. Die Hauptmasse des Mars-Methans wird in der Gegend des Mars-Südpols erzeugt, und dieser Befund, so meint der kalifornische Chemiker, könnte die Indizienkette für das Leben auf dem Mars schließen: Die Südpolgegend (sie erscheint auf den Fernsehbildern als weiße Kappe) sei offenbar von einer dünnen Eisschicht bedeckt, die im Frühling schmelze -- dort sei also das Wasser-Reservoir für die auf dem Mars möglichen Mikro-Lebewesen. Darüber schwebe eine Wolkendecke aus gefrorenem Kohlendioxid (auf der Erde als »Trockeneis« bekannt), die aus der Sonnenstrahlung das tödliche UV-Licht herausfiltere.

Dieser Schilderung einer idyllischen »gastfreundlichen Region« (Pimentel) auf dem Mars wurde allerdings heftig widersprochen. Die meisten Kollegen des kalifornischen Professors glauben nicht an die schützende Kohlendioxid-Wolke über dem Südpol. Das Trockeneis liege vielmehr als etwa einen Meter mächtige Schicht am Boden: Also gebe es kein Wasser zum Leben, und todbringende Ultraviolett-Strahlen der Sonne durchdringen ungehindert die Mars-Atmosphäre.

Das Sumpfgas in der Marsluft wäre dann nicht lebendigen, sondern vulkanischen Ursprungs -- genau wie der Methanreichtum in der irdischen Lufthülle vor vier Milliarden Jahren. Überhaupt zeigen die Marsphotos, wie der Geologe Robert Sharp von der Technischen Hochschule Kaliforniens erläuterte, einen Planeten zu Beginn seiner Entwicklung, gleichsam eine Ur-Version der Erde.

Eine weitere, von Mariner 7 erstmals im Detail photographierte Mars-Landschaft fasziniert die Forscher ebenso stark wie die Südpolregion: die Ebene Hellas, zwischen 40 und 50 Grad südlicher Breite gelegen. Während alle übrigen Mars-Gegenden von Kratern übersät sind, ist Hellas fast völlig eben, nur von wenigen Kratern durchsetzt,

Da Meteor-Einschläge in der Hellas-Ebene sicherlich genauso häufig sind wie in anderen Gebieten, so folgern die Forscher, muß es einen Prozeß auf der Mars-Oberfläche geben, der die Hellas-Krater wieder beseitigt. Was aber auf Hellas vorgeht -- darüber gibt es derzeit nicht einmal vage Vermutungen.

Und mindestens einer der amerikanischen Wissenschaftler, Dr. Bradford Smith von der Universität New Mexico, will auf den Mariner-Photos sogar wiedererkannt haben, woran niemand mehr recht glaubte: »relativ große, relativ unregelmäßige, verwaschene Flecken« (Smith), in streng linearer Anordnung -- genau an den Orten, wo frühere Astronomen Kanäle ausgemacht hatten.

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