Große Geste - DER SPIEGEL
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RUHRFESTSPIEL-HAUS Große Geste

• aus DER SPIEGEL 25/1965
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Ruhr-Stadt Recklinghausen gab

»unseren schönsten Platz« (so Stadtbaudirektor Küsters) und acht Millionen Mark. Die Bundespräsidenten Heuss und Lübke spendeten Zuspruch und Weiheworte. Der einstige Gewerkschaftsboß Böckler und der einstige Hamburger Bürgermeister Brauer förderten das Vorhaben nach Kräften. Zwei unbekannte Architekten schließlich türmten es in Stein und Stahlbeton, und letzte Woche wurde es eröffnet: das neue »Haus der Ruhrfestspiele« nahe der Cäcilienhöhe im Recklinghausener Stadtgarten.

Als »Kraftquelle kulturellen Lebens« feierte Bundeskanzler Erhard den Neubau in einer Festschrift, und Ludwig Rosenberg, Chef des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), schwärmte: »Eine heilige Stätte des Willens zum Schönen, zum Edlen, zur wahren Kultur« - die Sendlinge der »Düsseldorfer Nachrichten« indes standen »ratlos ... vor einem steinernen Kubus«.

Die Architektur des neuen Fest-Hauses ist schlicht und geradlinig wie das Denken der Ruhrkumpels, die Ausmaße sind monumental: Von der Kellersohle bis zum Bühnenhausdach sind es 34 Meter, die Vorderfront mißt 60 Meter, die Seitenlänge des Betonkastens gar 100 Meter. Das Portal ähnelt einem Hangar für Stratosphären-Jets, die Eingangshalle würde, zwar nicht ihrer Ausstattung, doch ihrer Größe nach jedem europäischen Flughafen genügen.

Der plattenbelegte Vorplatz, geziert von einer bronzenen Henry-Moore-Plastik ("Große liegende Figur Nr. 5"), nimmt zusammen mit dem Bauwerk die anderthalbfache Fläche eines Fußballfeldes ein (10 000 Quadratmeter). Kein Automobil soll ihn befahren: Glanzvolle Auffahrten vor dem Portal schicken sich nicht für ein Spielhaus, das Werktätigen zugedacht ist. Lediglich letzten Freitag, zur Einweihung des 21-Millionen-Baues, wurde eine Ausnahme gemacht: Der Mercedes des Bundespräsidenten durfte direkt vor die Tür rollen. Der Rest der Ehrengäste - Ludwig Erhard, der Bundes-, und Franz Meyers, der Landesvater, hatten Vertreter entsandt - folgte zu Fuß.

Seit 1946 hatten sich die Festspiele mit dem Städtischen Saalbau behelfen müssen, einem nach dem Ersten Weltkrieg errichteten Gebäude, dessen Zuschauerraum allein im Foyer des neuen Festspielhauses Platz fände.

Damals waren Hamburger Schauspieler zu einem »Dankgastspiel« nach Recklinghausen gekommen, um sich für eine Ruhrkohlenspende zu revanchieren, die Hamburgs Bühnenleben im Eiswinter 1946 vor dem Kältetod bewahrt hatte. Aus dem einmaligen Gastspiel wurde eine Dauereinrichtung, als im darauffolgenden Jahr der DGB und die Stadt Recklinghausen unter dem behördendeutschen Namen »Gesellschaft zur Durchführung der Ruhrfestspiele« die kulturelle Aufrüstung der Ruhrkumpels zum Anliegen von Amts wegen erhoben.

Im Jahre 1951 griff Recklinghausens, damaliger Oberbürgermeister Josef Dünnebacke dann die Anregung seines Kollegen, des SPD-Hanseaten Brauer, auf, den Kumpel-Festspielen ein eigenes, großes, mit aller modernen Theatertechnik gerüstetes Haus zu errichten. Doch erst fünf Jahre später, 1956, wurde ein Architekten-Wettbewerb ausgeschrieben, zu dem allerdings nur westdeutsche Architekten eingeladen wurden, darunter Egon Eiermann und Hans Schwippert sowie der Kölner Architekt Wilhelm Riphahn. Versuche, auch internationale Größen wie Alvar Aalto, Mies van der Rohe und Walter Gropius zu beteiligen, schlugen fehl.

Den Preis errang einer der konservativsten Entwürfe, ausgearbeitet von den Recklinghausener Architekten Ganteführer und Hannes. Doch unter der Hand nahm ihr ursprünglicher Plan gigantische Züge an: Das Volumen des Festspiel-Kubus wuchs schließlich von 63 000 auf mehr als das Doppelte, auf 130 000 Kubikmeter umbauten Raumes; aus dem Theater wurde ein riesiger Mehrzweck-Bau, in dem auch Kongresse abgehalten werden sollen.

Viele Schauspieler und Regisseure sahen dem neuen Kulturpalast indessen mit Unbehagen entgegen. Der alte Saalbau hatte Biertische und Eisenklappstühle im kiesbestreuten Vorgarten und knarrendes Holzgestühl im Zuschauerraum. Prominente Schauspieler wie Werner Krauss und Bernhard Minetti äußerten, dies alte Provisorium, dem ein »Charme des Vorläufigen« ("Süddeutsche Zeitung"), dem eher Wirtshaussaal- als Kunstraum-Atmosphäre eignete, sei ihnen ans Herz gewachsen.

Mißfallen regte sich auch noch aus anderer Richtung: Festspielleiter Otto Burrmeister, ehemals DGB-Kulturreferent, doch mittlerweile den Zügeln der Gewerkschaft entwachsen, teilte oft nicht deren Vorstellungen über die Weiterentwicklung der Ruhrfestspiele. Er wurde durch Beigesellung eines »technischen Organisators« und einer neuen Dramaturgin gemaßregelt. Und »Christ und Welt« wußte schon zu berichten, »hinter den Kulissen« werde heftig gestritten, ob Burrmeister »nach der Einweihung des Festspielhauses in Pension geschickt« werden solle.

In der Tat haben die Ruhrfestspiele von ihrem einst glanzvollen und progressiven Geist eingebüßt. Gustaf Gründgens als Josef K. (in Kafka-Gide -Barraults »Prozeß"), Hermine Körner als »Die Irre von Chaillot«, Jean Vilar als »Der Geizige« und Werner Krauss als »König Lear« - so glorioses Bühnenschaffen und einige bemerkenswerte Ansätze zu Avantgarde-Theater waren den Ruhrkumpels während der Aufbruch-Ära dargeboten worden.

Doch in den letzten Jahren überwogte klassisches Repertoire-Theater die Recklinghausener Festspielbretter. So stimmten die Auguren in den Feuilletons der Presse schon Klage-Chöre an: »Stimmen die Ziele in Recklinghausen?« ("Frankfurter Abendpost"), »Nur noch bürgerliches Bildungstheater?« ("Die Welt"), »Triumph des Bürgerlichen« ("Handelsblatt").

Die Architektur des neuen Hauses wurde den Kritikern zum Symbol des Geistes, der darin zu herrschen sich anschickt. Die bis zum letzten Fensterrahmen konsequent verfolgte Formenstrenge, die kaum unterbrochene Monotonie der Farben Grau und Weiß machten die kritischen Betrachter frösteln. »Man bekommt Alpträume«, gestand die »Welt« und fragte: »Warum ... dieses Pathos, diese große Geste, diese Manifestation von Macht bei diesem Bau?« Und die »Süddeutsche Zeitung« bemängelte: »Geheimnislose Hallen und Gänge ... nur wenig, woran das Auge sich festhalten könnte.«

Tatsächlich ist jeder Versuch, belebende Bauformen zu finden, unterblieben, nicht nur in der äußeren Gestalt, auch innen: grauer Teppichbelag, fast schmucklos weiße Wände und Decken, graue Steinplatten in der Eingangshalle, dunkles Parkett in den Foyers. Wandtäfelung aus gleichfalls grauer und westfälischer Eiche. Einzig das amphitheatralisch gestaffelte Zuschauer-Parkett - 1061 Plätze, rot gepolstert, blaue Decke - vermittelte den Kritikern Annehmlichkeits-Gefühle: »Überraschend intim«, notierte der Feuilletonist Schwab-Felisch, »und in der warmen Farbgebung sogar unprätentiös festlich.«

Auch der variable Bühnenraum, die mehrfach teilbare Bühne, die elektronische Lochkarten-Steuerung der Scheinwerfer und weitere theatertechnische Raffinessen fanden Beifall. Doch überwiegt der Unmut über das allzu herkömmlichmonumental geratene Gemäuer, das, wie die »Düsseldorfer Nachrichten« bissig anmerkten, »einer Diktatur zur Ehre gereichen würde« und in dem sich nach der düsteren Mutmaßung der Kritiker kein progressiver Geist entfalten könne.

»Seit acht Jahren ununterbrochen«, klagte die »Frankfurter Rundschau« schon im vergangenen Jahr, »in jeder Spielzeit wenigstens ein Werk von Schiller.« Doch ebenso unbeirrt wie seine Architekten verfolgt Ruhrfestspielleiter Burrmeister die klassische Linie. Eröffnungsvorstellung am letzten Freitag: Schillers »Räuber«.

Burrmeister, sein Anliegen formulierend: »Experimentiertheater ist nicht geeignet, einfachen Leuten die Grundzüge europäischer Kultur zu vermitteln.«

Neues Ruhrfestspiel-Haus in Recklinghausen: Triumph des Bürgerlichen ...

Foyer im neuen Festspielhaus

... in geheimnislosen Hallen

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