Große Masche - DER SPIEGEL
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Mode Große Masche

»Modebewußte Frauen sammeln sie wie Juwelen« ("New York Times"), Mädchen fallen über sie her »wie die Motten« ("Time") -- Pullover wurden zum gewinnträchtigen Modeartikel.
• aus DER SPIEGEL 10/1972
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Einen »fröhlichen Frühling« verhieß Anfang des Monats die »Freundin« den Pullovermädchen: »Jetzt stricken« -mit Streifchen auf der Brust und Herzchen auf dem Ärmel.

»Lässig bequeme Eleganz« empfiehlt die französische Strickwarenfirma »Rodier« den Herren -- mit orangefarbenem Rollkragenpulli unter schwarzem Blazer.

Doch nicht nur die Münchner Mode-Redaktion und die französischen Wirkwarenhersteller setzen auf einen neuen Frühling für das körpernahe Maschenzeug. Von London bis Rom werden Damenpullover in Flickwerk ("Patchwork«-)Muster empfohlen, bunt wie Lutschbonbons, so eng und kurz, als seien sie eingelaufen.

Die Herren sollen nicht nur in schwarzer, weißer oder roter Strickware am Schreibtisch oder am Computer sitzen, sondern in Farben »wie aus dem Kindertuschkasten« (Rodier) oder gar in »Flammdessins« (McGregor) -- die Form: slim und hüftlang, mit rustikalem Gürtel.

Solches freilich sind nur die jüngsten Erfolgszacken im großen Pullover-Boom: Einst geradezu ein Stück Antimode -- handgestrickt von der sparsamen Hausfrau und allenfalls Kleinbürger-Tugenden signalisierend -, hat sich der Pullover rund um die Uhr und in allen Lebensbereichen etabliert.

Das gestrickte Ding aus glänzendem Lurex oder flauschigem Angora, aus Seidenjersey oder derber Shetland-Wolle, mit und ohne Ärmel, gilt dem amerikanischen Mode-Journal »Vogue« sogar als »der einzig wirkliche Beitrag des 20. Jahrhunderts« zur Modegeschichte -- die große Masche für die Wirkwarenmacher ist es seit Jahren ohnehin.

»Wie wahnsinnig« verkauft die Bremer Strickkünstlerin Monika Golunski ihre Kreationen an Boutiquen. Der Herrenausstatter Selbach (Düsseldorf, Hamburg, Berlin) meldet einen »Boom in Strickwaren«. Mode-Händler Redde in West-Berlin, Lieferant der Film- und Fernsehschickeria: »Wir verkaufen sehr, sehr viel.«

Die deutsche Maschenindustrie zählt zu den hoffnungsfrohen Wachstumsbranchen: Sie konnte ihren Umsatz von 1960 bis 1970 verdoppeln. Ihre Produktion stieg von 47 Millionen Pullovern im Jahre 1960 auf etwa 78 Millionen 1971. »Der Trend zur Masche«, so das Fachblatt »Textil-Wirtschaft«, »ist eine hervorstechende Generallinie der Entwicklung auf dem Bekleidungsmarkt.«

Mehr noch nahm der Import zu -- von fernöstlichen Billigproduzenten aus Hongkong oder Taiwan, vor allem aber aus dem Stricker-Dorado Italien: Innerhalb von zwei Jahren stieg die Pullover-Einfuhr nach Westdeutschland 71 Millionen im Jahr 1969 auf über 120 Millionen Exemplare im letzten Jahr.

Einen frühen Auftritt auf der Modeszene hatte der Pullover schon 1937 gehabt, als das damals 16jährige Sweatergirl Lana Turner in einer Hollywooder Milchbar entdeckt wurde -- später waren es dann Stars wie Jayne Mansfield und Silvana Mangano, die dem Pullover Leinwand-Format verliehen.

Unentschieden blieb anfangs die Frage: Viele oder wenige Maschen, Strickwaren in Übergrößen, bis weit über das Gesäß hinab, trugen noch die Apo-Bräute -- im Gefolge der Chansonette Juliette Gréco. die nach dem Zweiten Weltkrieg in den Kellern von Saint-Germain-des-Prés aufgetreten war.

Nun aber konstatierten auch die Wissenschaftler unter den Modebeobachtern, so der Kölner Soziologie-Professor René König, die Wende: »Anfangs war der Pullover Ausdruck eines gelockerten Lebensgefühls«, dann aber wurde er »auch Symbol eines neuen erotischen Empfindens, das die Brust als das sichtbarste sekundäre Geschlechtsmerkmal der Frau nachmodelliert.

Nun sind die Maschen »ehrlich, weil sie hauteng sind« (so Adrian Garland, Besitzer der Boutique »Mr. G. Shop« in Beverly Hills). Immer kürzer, knapper wurden die wollenen Oberteile, oft sind sie schon (in Kombination mit Blusen) zum ärmellosen Mini-Überzieher geschrumpft, der aussieht, als sei die Trägerin längst herausgewachsen.

Die Herren, nun selber mit gewirktem Rollkragen, aber auch »Rundhals« und T-Shirt ausgestattet (Mode-Professor König: »Beitrag zur Entbürgerlichung der modernen Wirtschaftswelt)« haben nichts dagegen -- sie dulden die modischen Appetizer in ihren Vorzimmern. Denn das amerikanische Nachrichtenmagazin »Time« hat, hoffentlich ein für allemal, festgestellt: »Pullover-Mädchen gehen ohne BH.«

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