Kunst Große Palette
Die Figur in der Robe sieht zum Fürchten aus -- statt Menschenaugen starren Gewehrläufe. Gequälte winden sich im Hintergrund, ein Buch verzeichnet die Namen gehenkter Nazis. Doch aller Gewalt und Falschheit entrückt, schwebt droben zwischen Stars und Stripes ein wohlbekanntes Frauenantlitz. »Angela Davis und ihr Richter«, gemalt von Willi Sitte aus Halle.
Ein Prominentenbild in doppelter Bedeutung; denn wie die farbige Sozialistin zur Zeit wohl das beliebteste Modell für DDR-Bildner in Holz, Bronze und öl ist, so rangiert Sitte, 51, als Meler-Fürst des Landes. Neuestes Indiz: Bei der »VII. Kunstausstellung der DDR« in Dresden wird er jetzt so repräsentativ gewürdigt wie kein zweiter.
Dabei ist Sitte immerhin ein Mann, der sich 1963 zu der Selbstkritik veranlaßt fühlte, er habe »nicht immer in vollem Umfang die Positionen meiner Partei vertreten«, ein Künstler, dem von Orthodoxen noch kürzlich formalistische »Farbrinnsale«, »verschämt-unverschämte Tachismen« angekreidet wurden.
Tatsächlich, Sittes oft mit collagehaft kombinierten Symbolen vollgepackte Bilder sind in einem gleichsam vibrierenden, Bewegung vortäuschenden Malstil hingefetzt -- eine Art von sozialistischem Futurismus. Na und?
In der DDR geht gegenwärtig das Schlagwort von der »großen Palette« um; Kunst-Doktrinen werden elastischer als früher gehandhabt -- »so offen wie möglich«, behauptet etwa Sittes Zunft-Genosse und Dresdens Akademie-Rektor Gerhard Kettner, 44. Er kokettiert sogar damit, er sei sich »bis heute nicht im klaren, ob meine Arbeiten sozialistischer Realismus sind«. Denn: »Der Begriff entwickelt sich mit unserer Gesellschaft.«
Er entwickelt sich -- nur scheinbar paradox -- zumal in die Vergangenheit. In einem Staat, der sein Selbstbewußtsein gern durch Besinnung auf das »nationale Kulturerbe« (Slogan: »NKE") kräftigt, der den Stechschritt mit gleicher Liebe konserviert wie die Weimarer Klassik und der in diesem Jahr nachdrücklich Lucas Cranach gefeiert hat, entspringt kultureller Fortschritt oft aus Rückgriffen: Viele der besten DDR-Künstler haben von den alten Meistern gelernt.
Solche Lockerungsübungen und Wendungen zur Tradition offenbart nun die Dresdner »Siebte«, die offizielle Kunst-Bilanz der Republik. Sie soll, besagt das Katalogvorwort, bereits die »schöpferischen Impulse« des achten SED-Parteitags wiedergeben, auf dem der Vorsitzende Honecker der »Suche nach neuen Formen volles Verständnis« zugesichert hatte.
Die periodische Bestandsaufnahme (durchschnittlich alle vier Jahre), die jetzt erstmals den Staatsnamen im Etikett trägt, wird von einem Komitee aus Künstlern und Kulturfunktionären verantwortet. Das Gremium sah sowohl auf Regionalproporz als auch auf thematische »Breite«, wollte aber »nicht unbedingt einen Qualitätsschnitt« (Komitee-Mitglied Kettner) ermitteln.
Gnade fand ziemlich viel: Das Museum »Albertinum«, wo für die fast halbjährige Ausstellung (bis März 1973) die Galerie Neuer Meister ausgeräumt wurde, ist mit rund 2000 Exponaten prall gefüllt. Neben Bildern und Plastiken von Profis und Hobbykünstlern ("Bildnerisches Volksschaffen") stehen auch Gebrauchsgraphik, Design und Kunsthandwerk zur Schau.
Während die angewandten Künste dank Formgefühl und Experimentierlust ganz ungezwungen internationalen Standard erreichen, gerät die Plastik überwiegend bloß gefällig oder verquält monumental -- ein ungeschlacht-pathetisches Galilei-Monument ("Und sie bewegt sich doch") vom Nationalpreisträger Fritz Cremer, 66, hält schon die Spitze. Eigentlicher Prüfstein für den Anspruch der »großen Palette« ist naturgemäß die Malerei.
Verzeichnenswert ist deren Spielraum allerdings. Daß aber schlichtweg alles »erlaubt war, was gefällt und manchmal auch nicht« (so Ost-Berlins satirische Gazette »Eulenspiegel") -- davon kann nur im Spaß die Rede sein.
Poetisch Versponnenes, Abgründiges etwa, wie es der im Westen bekannteste DDR-Künstler Gerhard Altenbourg hervorbringt, hat in der »Siebten« keinen Platz. Abstraktes wird, nach Kettners Kenntnis, ohnehin nur noch von alten Künstlern produziert und wurde nicht mehr eingereicht. Die anerkannte Malerei der Republik bleibt auf dem Boden solider Tatsachen stehen.
Zu ihren bevorzugten Gegenständen zählen
* verdiente Arbeiterbrigaden, wie -- Schützengilden der Rembrandt-Zeit repräsentativ ins Bild gesetzt;
* diskutierende Gruppen, oft mit dem »Neuen Deutschland«;
* Huldigungen an die Über-Macht ("Deutsch-Sowjetische Begegnung«, »Leningrader Paar");
* vorbildhafte Historien: zweimal wird die Pariser Kommune mehrteilig gefeiert;
* aktuelle Prominenz: viermal Angela Davis.
Freilich gibt es da auch so manche Landschaft, deren gesellschaftliche Botschaft höchstens dem Titel zu entnehmen ist ("Unser Wald"), so manchen Blumenstrauß und manches Privatporträt.
Stilistisch ist das Gros der Bilder unverkennbar von jenen sowjetischen Vorbildern geprägt, die den Künstler der DDR seit je in strengerer Zucht gehalten haben als die malenden Brüder in Polen, Ungarn oder der Tschechoslowakei: eine großflächige, meist fleckig aufgerauhte Werbe-Kunst. »Angela« -- Maler Sitte ist kaum mehr als ihr kühnster, raffiniertester Vertreter.
Vergleichsweise neue -- und höhere -- Qualitäten demonstriert dagegen eine Künstlergruppe aus Leipzig, die schon bei ihrer vorangegangenen Regionalausscheidung ("Bezirksausstellung") auch westlichen Besuchern auf-
* Galilei-Skulptur von Fritz Cremer.
gefallen war (SPIEGEL 15/1972). Ihre »sachliche, scharf konturierte, zeichnerisch-plastisch betonte, detailreiche Malerei« (so die Wochenschrift »Sonntag") wird in der DDR erbittert diskutiert; wohlwollende Rezensenten mußten sie gegen den Vorwurf des »Skeptizismus« und des »Kritizismus« in Schutz nehmen.
So nüchtern-überscharf, wie Volker Stelzmann, 32, seinen »Schweißer« hingepinselt hat, sind es die DDR-Werktätigen tatsächlich nicht gewöhnt. Monumental ist er trotzdem: aus geradezu ehrfürchtiger Untersicht gegen einen strahlend blauen Himmel abgesetzt.
Bei Stelzmann und vielen anderen Leipziger Malern wird Kunstgeschichte fruchtbar; in ihren Bildern spukt die nun 50 Jahre alte »Neue Sachlichkeit« (Protagonist: Otto Dix). Auch Max Beckmann ist gelegentlich im Spiel, und mancher Künstler lernt bei noch weitaus älteren Meistern.
Offenkundig bis zum Zitat macht das Heinz Zander, 33. Auf seinem altmeisterlich-brillant gemalten, in Grünewald- und Altdorfer-Tönen schwelgenden Triptychon vom »Großen Deutschen Bauernkrieg« tritt beispielsweise Albrecht Dürer leibhaftig auf.
Werner Tübke, 43, jongliert souverän mit Stilmitteln aus Renaissance und Manierismus. Sein (eben vom Dresdner Albertinum angekauftes) beziehungsreiches »Bildnis eines sizilianischen Großgrundbesitzers mit Marionetten« ist, so DDR-Schriftsteller Rolf Schneider, »geheimer Star der Ausstellung«.
Derart »außenseiterische« Qualitäten (Zeitschrift »Bildende Kunst") haben sich freilich vor einem Massenpublikum zu bewähren. In Dresden, wo Museumsdirektoren stolz einen Über-Andrang in ihren Schauräumen beklagen, kamen schon im ersten Monat 160 000 selbstbewußte Besucher (teils in Schul- und Betriebsgruppen) zur »VII. Kunstausstellung«.
Da ist jede Kühnheit heikel: Vor einer unkonventionellen Liebespaar-Darstellung des Leipzigers Wolfgang Mattheuer, 45, diskutieren auch erwachsene Leserbriefsehreiber ernsthaft die Kinderfrage: »Mutti, was macht der Onkel mit der Tante?«
Und so rechtfertigt Zander die zwielichtige »Entnaturalisierung« seiner Bauernschlacht vorsichtshalber mut einer astronomischen Erscheinung ("Sonnenhalo"). Tübkes schöne Rätselbilder sind vor dem Dogma der Verständlichkeit nur durch das Argument zu retten, sie appellierten« so der »Sonntag«, eben »an unsere Allgemeinbildung«. Denn der zuständige Minister hat verfügt, »daß man keinen Snobismus in der Kunst dulden kann«.
Ohnehin spricht Volkes Stimme, die entscheidende, vorerst kaum für Mattheuer, Zander oder Tübke. Bei einer Umfrage der Berliner »Wochenpost« ergab sich. daß die meisten Einsender an ihrem Arbeitsplatz lieber als andere Gemälde aus der »Siebten« ein Werk des Volksschaffenden Manfred Mitzscherling aus Friedrichsroda sähen -- eine rührende Moskauer Kinderszene im Bilderbuchstil. Titel: »In guter Obhut«.