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Chirurgie Großer Bogen

Ein computergesteuerter Mini-Tauchsieder läßt überflüssiges Prostatagewebe wegschmelzen. Macht der Eingriff die Prostataoperation entbehrlich?
• aus DER SPIEGEL 29/1991
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn der Harnstrahl älterer Herren dünn wird wie eine Bleistiftmine und so kraftlos, daß er die Schnürsenkel benetzt, dann kommt die hohe Zeit der Kürbiskerne: Sie gelten seit altersher als probates Heilmittel bei Harnverhaltung, in Konkurrenz zu Extrakten aus Kastanien, Brennesseln, der Sägepalme und dem Roten Sonnenhut. Als Erfolg gilt, wenn der Strahl nach der Tablettenkur die Schuhspitze trifft.

Deshalb müssen sich rund 120 000 deutsche Männer auch in diesem Jahr auf die OP-Tische der Urologen legen. Noch hilft gegen Harnverhaltung nur das chirurgische Handwerkszeug. Damit verkleinert der Medikus auf blutige Weise die vergrößerte Prostata, Quelle des Übels.

Das soll nun anders werden. Die Vorsteherdrüse, gelegen zwischen Blase und Penisansatz, wird durch Mikrowellen erhitzt. Die »Thermotherapie« bringt Teilen der Drüse den Tod; ihre Zellen schrumpfen, die blockierte Harnröhre wird wieder frei.

Das neue Behandlungsverfahren wird in der Urologischen Klinik der Medizinischen Hochschule Hannover bereits erfolgreich praktiziert. Dort steht das »Prostatron«, eine aus Frankreich importierte High-Tech-Maschine. Sie kostet 925 000 Mark und kombiniert Computer, Glasfasern, Kühlsystem und einen Mikrowellenkatheter. Damit läßt sich die heilende Hitze - 45 bis 55 Grad - genau dorthin plazieren, wo sie wirken soll.

Seit langem wissen die Ärzte, daß Überwärmung Körperzellen abtötet, in Abhängigkeit von Temperaturhöhe und Einwirkungszeit.

Als problematisch erweist sich jedoch die zielgenaue Anwendung. Kranke und überzählige Körperzellen sind zumeist von gesundem Gewebe umgeben. Die Hitze macht fast unterschiedslos beiden den Garaus. Dieses Dilemma ist beim Prostatron auf pfiffige Weise gelöst: Der kleine Katheter, durch die Harnröhre vorgeschoben bis zur vergrößerten Prostata, enthält an seiner Spitze zweierlei - ein Kühlsystem, das die gesunde Schleimhaut der Harnröhre vor Hitzeschäden bewahrt, und die miniaturisierte Mikrowellen-Strahlungseinheit, die der Prostata einheizt.

Das ist eine Gratwanderung, die durch Thermosensoren und die Software des Computers überwacht und gesteuert wird. Während der einstündigen Behandlung registrieren die Thermosensoren die Temperatur der Harnröhrenschleimhaut; auch im Enddarm mißt eine mit dem Computer verbundene Sonde fortlaufend die Temperatur. Auf diese Weise läßt sich die Mikrowellenintensität bis zum erwünschten Maximum steigern, und die gesunden Gewebe nehmen dennoch keinen Schaden (siehe Grafik).

Der Patient, umsorgt von einer Krankenschwester und dem Arzt am Bedienungspult des Computers, spürt nur ein leichtes Brennen in der Harnröhre. Vom Zugrundegehen der Prostatazellen merkt er nichts, denn die Drüse selbst enthält keine sensiblen, schmerzleitenden Nervenfasern. Auf Narkose oder örtliche Betäubung kann deshalb verzichtet werden.

Weltweit sind bisher rund 3000 Patienten mit dem Prostatron kuriert worden. In Betrieb sind gegenwärtig 57 Apparate. Nach Hannover werden jetzt auch urologische Kliniken in Essen, Düsseldorf und Augsburg das teure Stück erwerben. Der Trend, urteilt Professor Udo Jonas, Chef in Hannover, geht eben auch in der Urologie zu den unblutigen ("nichtinvasiven") Behandlungsverfahren, also zu Thermotherapie, Laserbehandlung oder Mikrochirurgie.

Angesichts des hohen Lebensalters vieler Patienten mit gutartiger Prostatavergrößerung - 80 Prozent der 80jährigen leiden daran, bei den 50jährigen ist es immerhin jeder fünfte - ist die Vermeidung von Operation und Narkose nicht nur aus psychologischen Gründen wünschenswert. Bei einem chirurgischen Eingriff, meist von der Harnröhre aus vorgenommen, sterben immerhin fünf von jeweils tausend Prostatikern.

Die Überwärmungsbehandlung hingegen ist, wie ihre Verfechter schwören, völlig ungefährlich. Zwar schwillt die erhitzte Drüse vorübergehend an, danach werden die abgestorbenen Zellen jedoch komplikationslos resorbiert. Nur sicherheitshalber und der Wissenschaft zuliebe werden in Hannover die Patienten einen Tag stationär aufgenommen. Sorgsam registriert man die meßbaren Veränderungen der Drüse und des Harnstrahls.

Die Thermotherapie der Prostata hat der französische Mediziner Marian Devonec vor fünf Jahren ersonnen. Devonec, Urologe am Hopital de l'Antiquaille in Lyon, war unzufrieden mit den Ergebnissen, die eine einfache Überwärmung der Drüse vom Enddarm aus bewirkte. Dabei wird die Prostata nur auf gut 40 Grad aufgeheizt, zu wenig für nachhaltige Erfolge.

Vorerst wird das neue Verfahren nicht bei allen Prostatakandidaten angewendet. Der Patient, erläutert Urologie-Oberarzt Klaus Höfner, darf nicht voroperiert sein, darf keinen Herzschrittmacher und im knöchernen Becken keine Metallimplantate (nach Knochenbrüchen) tragen. Idealerweise sollte die vergrößerte Prostata ein bestimmtes Volumen erreicht, aber noch nicht überschritten haben. In gesunden Tagen ist die Vorsteherdrüse - sie produziert bei der Ejakulation das milchige Sekret und zieht sich dabei lustvoll zusammen - nur walnußgroß und 20 Gramm schwer. Die Vergrößerung, deren Ursachen noch immer unbekannt sind, kann das Drüsenvolumen vervielfachen, schlimmstenfalls auf 200 Gramm.

Die Beschwerden sind nicht von der Größe allein, sondern vor allem von der lokalen Kompression der Harnröhre abhängig. Häufiger Harndrang, vor allem in Streßsituationen, nach Alkoholkonsum und des Nachts, Brennen beim Wasserlassen, dazu lästiges Harnträufeln sind die klassischen Krankheitszeichen. Die chirurgische Therapie hat, außer dem Operations- und Narkoserisiko, einen gravierenden Nachteil: Nach dem chirurgischen Eingriff, der die Prostata verkleinert, erfolgt der Samenerguß beim Orgasmus nicht mehr nach außen, sondern in die Harnblase ("retrograde Ejakulation"). Das macht den Mann nicht impotent, wohl aber zeugungsunfähig und schlägt gewöhnlich aufs Gemüt.

Die dosierte Verkleinerung des Organs mittels Thermotherapie vermeidet diese Nachteile. Professor Jonas, 48, glaubt deshalb vorerst an zwei Zielgruppen: vergleichsweise jüngere Männer um oder über 50, die ihre Zeugungsfähigkeit aus guten Gründen nicht drangeben wollen, und alte Herren, denen Operation und Narkose nicht mehr zugemutet werden können.

In den nächsten Jahren erwartet Jonas für Prostatakranke ohnehin weitere Therapiefortschritte, etwa »minimal invasive EDV-kontrollierte Operationen«, vielleicht auch »Roboter-Op's mit Laser« und zylinderförmige Drahtgitter ("Stent"), welche die bedrängte Harnröhre weiten und in Form halten - nur leider keine Pille, die nebenwirkungsfrei und verläßlich allen Geplagten wieder zum großen Bogen verhülfe. o

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