Luftfahrt Großes Flattern
Wenn der Riesenvogel Federn läßt, schlagen sie gleich einen Krater. Es war nur eine Klappe von dem runden Dutzend an jedem Tragflügel einer Boeing 747, die ein Jumbo Ende letzten Monats beim Landeanflug auf Frankfurt in der Nähe von Mainz verlor. Aber das Trumm Metall ist immerhin zwölf Meter lang -- fast so lang wie eine komplette Tragfläche der Lufthansa-Maschinen von 1955.
Die bislang letzte Generation von Passagiermaschinen war, nach einer fast schon gesetzmäßigen Entwicklung im Flugzeugbau, wieder doppelt so groß geraten wie die Vorgänger-Klasse. Aber die gleichfalls fortgeschrittene Technik, so versicherten die Hersteller. werde die Schwärme der nahezu schallschnellen Ungetüme auch mindestens doppelt so sicher machen wie frühere Jet-Generationen.
191 Super-Jets vom Typ Boeing 747 sind bislang in die Luft gegangen. Tatsächlich haben sie ohne größere Pannen oder gar Abstürze insgesamt bereits 450 Millionen Meilen durchmessen; und die Pulks der Passagiere, mittlerweile mehr als 30 Millionen, konnten meist reibungsloser als befürchtet durch die Terminals geschleust werden.
Doch jetzt warnen amerikanische Luftfahrt-Experten vor allzu sorglosem Umgang mit den Jumbos. Ihre Größe
-- die über den Wolken kreuzenden Salonschiffe sind just doppelt so lang wie die von den Brüdern Wright 1903 beim ersten Motorflug zurückgelegte Strecke und ihre Schubleistung bergen vordem ungekannte Risiken:
* Mehr als 40 Unfälle auf Flughäfen, ausgelöst durch orkanartige Böen aus den gigantischen Strahltriebwerken, hat die US-Verkehrssicherheitsbehörde schon registriert.
* Bis zu 15 Kilometer lange Wirbelfelder. so ermittelten Strömungsfachleute bei Testflügen. werden von Großflugzeugen wie der Boeing 747 oder dem Militärtransporter Lockheed C-5 A »Galaxy« aufgerührt; dicht nachfolgende Maschinen können darin absacken, kleinere Flugzeuge gar abschmieren.
Ursprünglich hatte Amerikas Luftfahrtbehörde (FAA) gehofft, sie könnte die Riesenwirbel am Himmel wie am Boden gefahrlos verpuffen lassen. Wenige Stunden bevor am 21. Januar 1970 erstmals ein Boeing-Jumbo in Liniendienst ging, gab die FAA -- deren Bestimmungen weltweit anerkannt werden eine Sonderorder heraus.
Hinter jedem Super-Jet sollten demnach die Luftstraßen zehn Meilen weit gesperrt sein (statt wie bei anderen Maschinen nur drei bis fünf Meilen weit). Bei Start und Landung eines Jumbos durften die Fluglotsen erst nach vier Minuten (statt wie sonst schon nach 30 Sekunden) die Piste wieder freigeben.
Diese Vorsichtsmaßregeln erregten freilich, wie damals der »Industrie-Kurier« vermerkte, »beinahe einen Schock bei Flughafendirektoren und Verkehrsleitern der Airlines«. Die Luftfahrt-Manager prophezeiten kostspielige Verzögerungen und riskante Staus an den Knotenpunkten des Flugverkehrs.
Wenige Wochen später erklärte die FAA ihre Jumbo-Sicherheitsmargen selbst wieder für »exzessiv«. Die Wartefrist nach Start und Landung wurde auf zwei Minuten gesenkt; in der Luft dürfen die monströsen und leichtere Flugzeuge seither auf fünf Meilen Distanz gestaffelt sein.
In dichteren Luftschichten und bei geringer Geschwindigkeit, insbesondere also beim Landeanflug, so ergab nun eine Studie der Nasa, sind in diesem Mindestabstand allerdings nicht einmal Interkontinental-Jets etwa vom Typ Boeing 707 sicher. Denn die Maschinen der Jumbo-Klasse erzeugen durch ihre Masse und Ausdehnung (Boeing 747: 70 Meter Länge. 60 Meter Spannweite, über 350 Tonnen Startgewicht) Turbulenzen, die noch in 75 Kilometer Entfernung meßbar sind.
Noch zehn Kilometer hinter einem Düsen-Schwerlaster vom Typ »Galaxy« waren die Wirbel so stark, daß die Crew einer Convair 990 (vergleichbar der Boeing 707) kaum gegenhalten konnte. Knapp fünfeinhalb Kilometer hinter der Galaxy drehte sich die Convair trotz härtestem Steuerausgleich um 40 Grad aus der Horizontalen -- eine typische unstabile Lage vor Abstürzen. Für kleinere Maschinen können die Luftstrudel noch in mehr als 15 Kilometer Distanz gefährlich sein. Ein Starfighter sackte 450 Meter durch; ein Manager-Jet-Pilot notierte in diesem Abstand »unkontrollierbares Flattern«.
Notmanöver wie im Nasa-Test ergeben sich offenbar auch im Linienverkehr. Die britische Luftfahrtbehörde etwa gab zu, »Vorfälle« durch Jumbo-Turbulenzen hätten selbst Großflugzeuge in Schwierigkeiten gebracht.
Schiere Fahrlässigkeit gegenüber der Sauriergewalt der Super-Jets enthüllte schließlich der Report, in dem US-Flugsicherer erstmals Jumbo-Zwischenfälle am Boden analysierten:
* Die Scheibe eines Restaurants ging zu Bruch, als 25 Meter entfernt die Düsen eines Massen-Carriers anliefen -- drei lunchende Stewardessen wurden verletzt.
* Menschen kamen ebenfalls zu Schaden, als ein anrollender Jet eine Flughafenbaracke über elf parkende Autos blies.
* 45 Meter weit geschleudert und dabei schwer verletzt wurde ein Mechaniker, der 40 Meter hinter einem Düsentriebwerk gestanden hatte.
Vor allem wenn sich die Jumbos in Bewegung setzen, erläuterten die Sicherheitsbeamten, »gleicht die Strahlgeschwindigkeit zerstörerischen Hurrikanen«. Und weil dies schwer vorstellbar ist, gebrauchten die Unfallreport-Autoren einen weiteren Vergleich: »Niemand würde eine Rakete von einem belebten Flugplatz starten, aber Flugzeuge setzen dort jeden Tag ähnliche Energien frei.«
In der Tat -- die Schubleistung einer Boeing 747 (maximal 85 Tonnen) übertrifft noch den Rückstoß jener Thor-Delta-Raketen, die erstmals serienweise Satelliten in den Weltraum hoben.