THEATER Großes Gequietsche
Vorletzte Woche konnte der Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann froh verkünden, daß das seit Monaten schwer und schwerer kriselnde städtische Schauspiel in Kürze einen neuen Direktor bekomme, den Regisseur Adolf Dresen.
Hoffmann aber hat da noch ein Problem: Es gibt nämlich einen Schauspieldirektor, den Regisseur und Bühnenbildner Wilfried Minks, und dessen Vertrag dauert noch bis 1983. Minks ist, auch wenn man ihn schon wie einen toten Mann behandelt, nicht gesonnen, seinen Stuhl zu räumen. Mag sich bei den Kulturmachern des Magistrats und der Presse der Wind noch so gedreht haben -- Minks hält mit der sturen Gelassenheit und Zuversicht dessen, der sich im Recht weiß, an dem Auftrag fest, den die Stadt ihm erteilt hat; er will ein Prinzip retten, das einmal die Hoffnung einer halben Generation von Theatermachern war: die Mitbestimmung.
Seinem Auftrag treu, bald schon nibelungentreu, hat Wilfried Minks nun in Frankfurt die erste westdeutsche Aufführung von Heiner Müllers Schauspiel »Der Auftrag« inszeniert: mit Gläubigkeit, Ernst und einem inständigen Pathos, das diesem theaterscheuen Kunst-Stück heftige Bühnenwirkungen abtrotzt.
Müllers »Auftrag« handelt von drei Männern, die nach dem Sieg der Französischen Revolution nach Jamaika entsandt worden sind, um einen Sklavenaufstand ins Werk zu setzen, der auch dort die Ideale der Revolution verwirklichen soll. Doch als endlich alles zum Losschlagen bereit wäre, kommt Nachricht aus Frankreich, daß da diese Ideale längst abserviert worden sind: Napoleon, der neue starke Mann, hat die Macht übernommen. Einer der drei Revolutionäre stürzt sich daraufhin mit masochistischer Wollust dem Verrat in die Arme, die andern beiden bleiben -ihrem Auftrag treu bis in den Untergang.
Die Hoffnung liegt, wie schon immer bei Heiner Müller, jenseits dieses Untergangs. Seine Revolutions-Eschatologie ist Jean Genets pompösen Totenfesten näher als jedem realen oder je realisierbaren Sozialismus. Das gibt seinem blutdampfenden Werk das Ehern-Erhabene: Es läßt sich ja schön in Fleischesqual und Todesbrunst wühlen, in zähnefleischenden Metaphern voll Kannibalismus und Nekrophilie, wenn man als Trost die »Auferstehung der Toten« in petto hat.
In Frankfurt wollte man Müllers »Auftrag«, der nun von Minks und seinen Schauspielern als ein schroff-imposanter Monolith auf die Bühne gestellt wurde, in bestimmte Zusammenhänge rücken: Die Erinnerung an »Dantons Tod«, mit dem die um Minks und seinen Co-Direktor Johannes Schaaf versammelte Mannschaft im November ihre Arbeit begonnen hatte, sollte mitschwingen (im »Auftrag« erscheinen Danton und Robespierre als Clownsfiguren), und im April sollten, von B. K. Tragelehn inszeniert, zwei frühere Müller-Stücke Premiere haben, zwei sperrigere Variationen seines revolutionären »Credo quia absurdum«.
Doch der »Danton«-Regisseur Schaaf hat das Frankfurter Unternehmen längst für bankrott erklärt und sich innerlich davon verabschiedet, und dem Regisseur Tragelehn hat Hilmar Hoffmann Anfang April fristlos gekündigt, wie auch der dritten, vom Ensemble gewählten Direktorin, der Schauspielerin Eos Schopohl.
Da stehen Minks und seine Ensemble-Getreuen nun mit ihrem »Auftrag«, so trotzig im Gegenwind und so verlassen wie Heiner Müllers letzte, untergangssüchtige Missionare des Prinzips Demokratie im Dschungel Jamaikas -ihr Auftrag ist annulliert.
Die Mitbestimmung sei zur »Selbstbedienung verkommen«, stellte Hoffmann im April fest und setzte sie außer Kraft -- »vorläufig« und »zum Zwecke ihrer Verbesserung«, sagte er damals noch. Jetzt ist auch davon nicht mehr die Rede: Der neue starke Mann soll alleinverantwortlich walten.
Adolf Dresen, der aus der DDR stammt und seit 1977 hauptsächlich in Wien arbeitet, hat ein paar Wochen bevor Hoffmann ihn zum Retter für Frankfurt erkor, prophetisch genau erklärt, warum die Einrichtung einer Mitbestimmungs-Insel innerhalb eines bürokratisch dirigierten Kulturapparats »immer ein Spiel mit dem Feuer« bleiben müsse: Die Basis-Demokratie braucht gegen die Trägheit des Apparats ständigen Fluß und Wandel -- und folglich kann oder muß es »eben passieren, daß der Apparat sich hinterrücks rächt und dann alles in einem großen Gequietsche untergeht«.
Dem großen Gequietsche wenigstens sucht die Stadt Frankfurt zuvorzukommen. Minks will nicht weichen, vor dem Bühnenschiedsgericht steht eine Klage der fristlos Gekündigten zur Entscheidung an, vor dem Verwaltungsgericht eine Ensemble-Klage gegen die Aufhebung der Mitbestimmung -- doch wenn der neue Mann erst regelrecht inthronisiert ist, könnten die Opfer, auch wenn sie dann recht bekämen, es erst bei der Auferstehung der Toten durchsetzen.
Einzig »Die Welt« hat die Liquidierung der Mitbestimmung in Frankfurt als ein Signal übers Theater hinaus begriffen: Es gestattet endlich wieder das öffentliche Nachdenken über die Vorzüge starker Männer. Da in Kunst-Dingen der »demokratische Parlamentarismus nachgewiesenermaßen vernichtend« sei, erlaubt die »Welt« sich die Frage, ob denn dieses Prinzip »wirklich ausgerechnet in der Politik das Nonplusultra sein muß«.