Grünes Signal - DER SPIEGEL
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TIERE Grünes Signal

Amerikanische Biologen haben eine Erklärung für die explosionsartige Vermehrung der Lemminge gefunden: Gräser stimulieren die legendären Nager zur Fortpflanzung.
• aus DER SPIEGEL 47/1981
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Diese vom Himmel herabgeregneten Lemars, welche wie die Heuschrecken in ungeheuren Schwärmen auftreten, zerstören alles Grüne ... Wenn sie abziehen wollen, sammeln sie sich wie die Schwalben, manchmal aber sterben sie haufenweise und verpesten die Luft ...«

Wunderliche Berichte wie dieser, verfaßt von dem mittelalterlichen Chronisten Olaus Magnus, schildern seit je Vermehrung und Wanderschaft der Lemminge. Die kleinen Nager, so glaubten einst die Skandinavier, seien auf dem Weg nach Grönland oder suchten gar das sagenhafte Atlantis. Die periodisch massenhafte Vermehrung der Lemminge wurde auf kosmische Strahlung zurückgeführt.

In der modernen Wissenschaft behauptete sich lange die Theorie vom Opfertod der nordischen Wühlmäuse: Jeweils nach dem - unerklärlichen - Geburtenboom reichten die Weidegründe nicht mehr aus.

Biochemischen Ursachen war dann in den vierziger Jahren erstmals der israelische Zoologe F. S. Bodenheimer auf der Spur. Er vermutete, daß - damals noch unbekannte - Stoffe in der Nahrung die abrupte Zu- und Abnahme von Wühlmausvölkern auslösen.

Biologen der University of Utah in Salt Lake City glauben nun das Rätsel der Lemminge gelöst zu haben. Die explosionsartige Vermehrung, so fanden sie heraus, wird tatsächlich durch die Vegetation in Gang gesetzt: hormonähnlich wirkende Substanzen in den jungen Gräsern der Tundren und nördlichen Bergwiesen kündigen den Nagern an, wann die Zeit für Nachwuchs günstig ist. Umgekehrt geben bestimmte Säuren im reifen Grün das Zeichen, die Fortpflanzung zu stoppen.

Die Forschergruppe unter Leitung von Dr. Norman C. Negus und seiner Frau Patricia J. Berger testeten auf der Suche nach dem Fruchtbarkeitsstoff zunächst Winter-Weizen. Aus den jungen Schößlingen isolierten sie eine Kohlenwasserstoff-Verbindung namens Methoxybenzoxazolinon, die anschließend künstlich hergestellt wurde. Im Labor erhielten dann weibliche Versuchstiere winzige Dosen der Substanz mit dem Futter.

Als Reaktion auf den Stimulus, so stellten die Forscher fest, vergrößerte sich die Gebärmutter, die Zahl der befruchtungsfähigen Eier stieg an. Daß die als »6-MBOA« bezeichnete Substanz bei den Lemmingen auch in freier Natur Fruchtbarkeit auslöst, bestätigten Feldversuche in den Wintern 1978/79 und 1979/80.

Auf abgegrenzten Salzwiesen im Staat Utah hielten Dr. Negus und seine Mitarbeiter eingefangene Berglemminge. Eine Gruppe der hamstergroßen Wühler bekam zusätzlich Hafer, der mit der Kohlenwasserstoff-Verbindung versetzt war, die andere Gruppe fraß unbehandelten Hafer. »Ein großer Anteil« der Weibchen in der ersten Gruppe, so fanden die Wissenschaftler, war drei Wochen später trächtig, von den Tieren, die reinen Hafer gefressen hatten, jedoch keins.

Damit hatten die Forscher den Schlüssel zum Vermehrungsverhalten der Lemminge gefunden: In den unwirtlichen Breiten ihres Lebensraumes können Frühling und Pflanzenwachstum zu sehr unterschiedlichen Zeiten einsetzen. Lemminge sind daher - mehr als Tiere in anderen Regionen - auf verläßliche Zeichen angewiesen, die günstige Umstände für die Paarung signalisieren.

Sicherer als die zunehmende Tageslänge ist für den kurzlebigen Nager ein Hinweis, den ihm seine pflanzliche Nahrung liefert: Der Gehalt an 6-MBOA zeigt an, daß die Zeit der Vermehrung gekommen ist. Jedes Elternpaar produziert daraufhin 13 bis 16 Junge.

Etwa alle drei bis vier Jahre werden dann die Lemminge derart zahlreich, daß unter dem Druck der Übervölkerung die sprichwörtlich gewordenen Massenwanderungen beginnen. Vor allem in Skandinavien ergießen sich Ströme der Nager die Täler hinab - viele Tiere sterben auf dem Treck und ertrinken in den Fjorden.

Im »Lemmingjahr« 1868 beispielsweise mußte sich eine britische Brigg vor der norwegischen Küste bei Trondheim 15 Minuten lang durch einen Teppich toter Lemminge pflügen. 1963 zählten Beobachter an Wegkreuzungen in Nordschweden 44 Tiere in der Minute - im folgenden Jahr waren die Ufer des Storsjö-Sees mit Lemmingknochen übersät.

Auch das Ende der Fortpflanzungs-Saison, so vermuten die Forscher, könnten Substanzen in der Nahrung ankündigen. Negus und seine Mitarbeiter isolierten eine Säure, die nur in reifen Gräsern enthalten ist.

Nach solchen pflanzlichen Indikatoren, das wollen die Biologen jetzt nachweisen, richten sich unter ähnlich harten Lebensbedingungen möglicherweise auch Kaninchen, Känguruhs und Wüstennager.

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