Gruscht gerettet - DER SPIEGEL
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STÄDTEBAU Gruscht gerettet

In der schwäbischen Kleinstadt Rottweil sanieren Jugendliche Altbauten, die auf der Abbruchliste stehen. Mit dem Nationalpreis für Denkmalschutz wurden die »Instandsetzer« jetzt belohnt.
• aus DER SPIEGEL 47/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Weihnachten nahte, und die Mitglieder des Kirchengemeinderates von Rottweil-Altstadt überlegten, wie sie ihrem gerade neu antretenden Pfarrer eine Freude machen könnten. Beschlossen wurde: Er bekommt eine Doppelgarage für sein Auto.

Der Betonkasten sollte unmittelbar neben das Pfarrhaus gestellt werden. Lediglich eine heruntergekommene Pfarrscheuer aus dem 17. Jahrhundert war den frommen Plänen noch im Weg. »Der Gruscht« müsse eben verschwinden, befanden die Kirchenmänner und beauftragten ein Unternehmen mit dem Abriß.

Die Scheune läge längst auf der Rottweiler Bauschuttdeponie, hätte nicht der damals 18jährige Abiturient Alfons Bürk »aus reiner Neugier« das verwahrloste Gemäuer inspiziert. Der Pennäler klopfte an einigen Stellen den maroden Putz von den Bruchsteinwänden und stieß schon nach wenigen vorsichtigen Hammerschlägen auf erhaltenswerte Bausubstanz.

Bürk schrieb an das Landesdenkmalamt in Freiburg. Die Beamten reagierten: Sie stellten die Fachwerkscheune unter Denkmalschutz. Nun durfte sie nicht mehr abgerissen werden - doch die Sanierung sollte 150 000 Mark kosten, zuviel für die Pfarrgemeinde Rottweil.

Da ergriff Schüler Bürk wieder die Initiative. Er mobilisierte eine Jugendgruppe des Stadtjugendringes. 20 Jungen und Mädchen, sonst in ihrer Freizeit damit beschäftigt, Filmabende und Wettspiele zu organisieren, arbeiteten 8500 Stunden in dem erhaltungswerten Fachwerkhaus. So wurde - zu einem Drittel der geschätzten Kosten - die Pfarrscheuer eines der schönsten Gebäude am Rande der Rottweiler Altstadt.

Das war, 1977, nur ein Anfang. Inzwischen haben die Jugendlichen von Rottweil, die sich »Instandsetzer« nennen, 30 Fachwerkhäuser, zwei Kapellen und einen Bauernhof vor dem Verfall oder der Abrißbirne gerettet.

Dafür ernteten sie Lob. Im letzten Jahr ehrte Landesvater Lothar Späth die Gruppe mit einer »Bürgermedaille«. Anfang dieses Monats erhielten sie den »Deutschen Preis für Denkmalschutz«; Bayerns Kultusminister Hans Maier überreichte die dazugehörige »Silberne Halbkugel«.

Holger Rabenstein ist mit 36 Jahren ältester Sanierer in der Gruppe. Er formulierte die Motive der ungewöhnlichen Bürgerinitiative: »Viele von denen, die heute im Gemeinderat über das zukünftige Aussehen unserer Stadt entscheiden, sind schon über 60 Jahre alt. Wir aber werden hier unser ganzes Leben verbringen.«

Gemeinderäte und Behörden neigten stets - wie in anderen deutschen Kleinstädten auch - zu »Totallösungen": Jahrhundertealte Fachwerkbauten, denen lediglich eine gründliche Inspektion gefehlt hätte, um sie wieder instandzusetzen, wurden kurzerhand plattgemacht. Doch inzwischen geht in der 25 000-Seelen-Gemeinde am Rand des Nordschwarzwalds in Fragen der Stadtsanierung nichts mehr ohne die Jugendgruppe. Nicht nur durch tätige Sanierungshilfe, sondern auch durch kommunalpolitische Aktionen haben die Rottweiler S.270 »Instandsetzer« Zustimmung und Zuspruch der Bürger gewonnen. Mit wachsender Sympathie registrieren viele Rottweiler, wie die Jugendlichen Stadträte aller Fraktionen ins Gebet nehmen, wann immer die Rede von Abriß ist.

So auch, als in der Innenstadt gleich drei Wohnhäuser (siehe Bild) auf einen Streich eingestampft werden sollten, um attraktive Bauplätze für gewerbesteuerbringende Großunternehmen kahlzuschlagen - eine Flächensanierung großen Stils.

»Die Innenstadt darf nicht langsam aussterben, die Häuser müssen erhalten bleiben«, forderte der Nachwuchs - und gewann. Die Räte verzichteten schließlich auf den Rundumschlag.

Die jugendlichen Sanierer helfen nach wie vor kostenlos, wenn Rottweiler Bürger Altbauten sanieren wollen. Sie legen Fachwerk frei, wechseln Dachgebälk und Ziegel aus, streichen auch mal einen Zaun und beraten die Bauherren, wie und wo sie Zuschüsse beantragen können. Statt Geld erwarten die Jugendlichen »symbolischen Lohn« - Mitsprache bei der Planung und Bauausführung.

Stets geht es ihnen dabei um die »größtmögliche Nähe zum Originalzustand«. Da werden nachträglich eingebaute Garagentore ebenso rigoros wieder herausgerissen wie »modernisierte« Fensterflächen. Für die Sanierung werden nur »alte Baustoffketten« wiederverwendet: Kalk von der Schwäbischen Alb, Neckarkiesel, Fichte und Tanne aus dem nahen Schwarzwald.

Wer sich dem sanften Diktat der Freizeitsanierer nicht beugen mag, muß auf die billigen Dienste der Truppe verzichten: »Wir sind schließlich keine Heinzelmännchen und keine selbstlosen Trottel«, erläutert Rabenstein. Ihre Arbeitskraft gilt den Instandsetzern als »die einzige Waffe, über die wir verfügen«.

Daß in Rottweil das Instandsetzen ohne Instandbesetzen möglich ist, erklärt Sprecher Rabenstein damit, daß »die Verhältnisse hier anders sind als in Berlin«. Die Beamtenstadt in der schwäbischen Provinz ist bisher von Wohnungsnot, Spekulation und Miethaien weitgehend verschont geblieben.

Zudem kennt in Rottweil - wichtigster Unterschied zur Sanierungsszene etwa in West-Berlin - jeder jeden; Besitzverhältnisse sind, anders als bei verschachtelten Maklerfirmen und Wohnungsbau-Konzernen, leicht zu durchschauen. Der Kontrahent ist deutlich auszumachen.

Für die Jugendlichen ist es denn auch »typisch«, daß sie ihre bisher einzige Schlappe im Gefecht mit einer »anonymen Behörde«, der Bundespost, erlitten haben. »Da fühlte sich von denen niemand betroffen oder gar kompetent.«

Die Verhandlungen scheiterten; ein Gebäude aus dem Jahre 1820 wurde abgeräumt. Auf dem nutzlos brachliegenden Gelände läßt die Post inzwischen Gras über die Sache wachsen.

S.267Links: Bürk; knieend: Rabenstein.*

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