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KUNST / HANNOVER Gute Stunde

Hannover strebt vorwärts, und zwar ins Unermeßliche. Kurt Schwitters (1887 bis 1948)
• aus DER SPIEGEL 37/1970
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

»Die Kunst«, so klagte der russische Schwitters-Kollege und Wahl-Hannoveraner El Lissitzky schon im Jahre 1926, »ist eine Privatangelegenheit der Kunst-Wissenschaftler, Kritiker, Liebhaber geworden. Verflucht, noch ein Mal!«

Daran hat sich -- verflucht, noch ein Mal! -- bis heute wenig geändert. Selbst im strebsamen Hannover, wo popbunte Straßenbahnen verkehren, 60 zeitgenössische Skulpturen die öffentlichen Anlagen schmücken und. einmalig in der Bundesrepublik. gleich ser-Brandmauern mit eigenen Motiven bepinseln. Der aus Danzig stammende Architekt Mathias Goeritz konstruierte als Beispiel für »nutzlose Architektur« fünf farbig bemalte Dreieckstürme, die seit 1957 ein Wahrzeichen seiner Wahlheimat Mexiko sind. In Paris wurde die Métro-Station »Louvre« mit Werk-Kopien aus dem Museum zur ersten Untergrund-Galerie der Welt; in der deutschen Elf el-Kleinstadt Monschau setzten dieses Frühjahr 38 Künstler mit Objekten, Aktionen und Konzepten aktuelle »Umwelt-Akzente«.

Doch allein Hannover hatte bislang Mut, den Wunsch nach einer »farbigen Stadt. die mit Kunstwerken angefüllt ist wie mit Bäumen« zum kommunalpolitischen Programm zu erheben: Wenn die Bewohner nach Ablauf der ersten Straßenkunst-Phase (31. August 1973) zustimmen, soll diese »zusätzliche Erlebnisdimension« Motte zunächst drei Jahre lang »das Lebensgefühl der Bürger beeinflussen und steigern«.

Für dieses »Experiment Straßenkunst« hat der Stadt-Rat nach »vieldimensionalen Überlegungen« (de in Motte) und gegen den Willen der Bürger-Mehrheit drei Millionen Mark aus dem Kulturetat (1970: 38,5 Millionen Mark) bewilligt und in »Offenen Briefen an die Objekte- und Projektemacher« um Mitarbeiter geworben*.

Der Ruf aus Hannover erreichte die Künstler zu guter Stunde: Immer häufiger fühlen sich Graphiker, Maler und Bildhauer von der »Unwirtlichkeit unserer Städte« (Alexander Mitscherlich) betroffen; immer öfter produzieren sie statt konventioneller Museumskunst aufwendige, vielfach utopische Landschafts- und Stadt-Entwicklungspläne.

Der Düsseldorfer Lyriker und Graphiker Ferdinand Kriwet etwa will stillgelegte Zechen des Ruhrreviers in »Vergnügungslabyrinthe« verwandeln; der Holländer Constant Nieuwenhuys baut Modelle der Zukunftsstadt »New Babylon«, für »Menschen, die nicht mehr arbeiten müssen«, der aus Ungarn stammende Franzose Nicolas Schöffer entwarf eine »Kybernetische Stadt«, in der »die Menschheit durch genetische Verbesserung nach und nach ästhetisiert werden« soll.

Einige der Stadtverbesserungs-Projekte sind auch schon, in bescheidenem Umfang freilich, realisiert: So wurden bei Ausstellungen in New York, Bristol und Toronto moderne Monumental-Skulpturen vorübergehend über die ganze City verteilt, durften Künstler, etwa in Hamburg-St. Pauli. Häu

* Umfrage-Ergebnis zum Straßenkunstprogramm: 47 Prozent dagegen, 40 Prozent dafür, der Rest ohne Meinung.

zwei Kunstvereine die Moderne exponieren, wird die Kunst noch immer im kleinen Kreise verehrt. Lieber zerstreuen sich die 520 000, nach dem Ergebnis einer Umfrage »sauberen und moralischen, prüden, frigiden und kontaktschwachen« Einwohner beim Rasensport ihres Bundesligaklubs »Hannover 96«.

Doch künftig will die um ihr Image (und ihr knappes, zudem von Abwanderungstendenzen bedrohtes Arbeitnehmer-Reservoir) besorgte Niedersachsen-Hauptstadt die Kunst mindestens so wichtig nehmen wie den Fußball: Kunst-Werke sollen »so selbstverständlich wie Grünflächen« ins provinzielle Stadtbild integriert werden.

Mit farbigen Fahrbahnen, psychedelischen Straßenleuchten, fest installierten Bronzen, Aluminiumplastiken und kinetischen Windspielen, mit temporären Happenings und »Spielobjekten«, Multimedia-Stücken und Wander-Bühnen möchten Oberstadtdirektor Martin Neuffer und sein Kunstvereinsdirektor Manfred de la (Ratsbeschluß) zur Dauereinrichtung werden.

Zum Beginn des Experiments haben sich die Stadtväter Großplastiken der Künstler Kenneth Snelson (USA), Hein Sinken und Walter Kuhn bestellt. Der Wiener Roland Goeschl montierte farbige Kuben an ehrwürdigen Fassaden (so am Alten Rathaus), ein holländisches Künstlerkollektiv schleuste die mit doppelseitigen Illustrierten-Anzeigen herbeigelockten »Menschen, die in großen Städten wohnen«, in einem mannshohen Plastikschlauch über den Maschsee, der Designer Horst Baumann bedeckte Kirchenfassaden mit irritierenden Spiegel-Folien, und der Düsseldorfer Klaus Göhling verstopfte Torbögen mit »sichtbarer Luft« und enge Straßen mit überdimensionalen »Babbelplast«-Ballons.

Solche öffentlichen Kunst-Darbietungen -- weitere Attraktionen: eine Multimedia-Oper, Straßentheater, Freiluft-Projektionen und ein kunstsinniger Hofnarr, der das ganze Projekt in einem Gitterverschlag verunglimpfte ("Kunst wird hier verhunzt") -- hatten die Hannoveraner allerdings zur Vermeidung unerwünschter Schock-Effekte mit einem bierseligen Volksfest verbunden.

Aufgeboten waren: 200 000 Teilnehmer, Beat-Bands, Karussells, Puppenspieler und gebratene »Dinger zum Essen« (Steaks), »Gaukler, Feuerschlucker, Wahrsager und Taschendiebe«, die dann auch dem Oberstadtdirektor die Brieftasche entwendeten. Bei soviel Jahrmarkt-Trubel blieb die Kunst freilich vorerst eine Randerscheinung, kam bestenfalls ihr Spielcharakter zum Zug:

Jugendliche nutzten etwa die Snelson-Plastik zu Kletterübungen, Erwachsene warfen sich befreit auf Göhlings Luftbehälter, Goeschls Riesen-Bauklötze wurden mit Gesang durch die Stadt transportiert.

Gewiß, im kommenden Straßenkunst-Alltag, für den sich mittlerweile schon die Olympiade-Orte Kiel und München, die Städte Berlin, Göttingen und Essen, der Deutsche Städtetag und die Kasseler Documenta interessieren, erhält möglicherweise auch die dionysische, zum Denken anstiftende Seite der Kunst ihre Chance.

Schwerer jedoch wiegt der Einwand, daß die neue Öffentlichkeits-Arbeit mit Kunstmitteln -- ohne Zweifel die zukunftsträchtigste Kunst-Praxis der siebziger Jahre -- zu spät in die Städte vordringt:

Denn stärker als ihre grauen Mauern dürften demnächst Luftverschmutzung, Wasserverseuchung, Verkehrsnotstände und Mietpreis-Boom die deutschen Großstädter bedrücken. Und als ästhetische Ablenkung von solchen Existenzproblemen liefe auch ein seriöses Straßenkunst-Experiment Gefahr, das zu werden, was es nach den Worten seines Miterfinders de la Motte am wenigsten sein will: ein »Verschönerungs und Verschleierungsprogramm«.

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