MEDIZIN / GELBSUCHT Halb gar
Die Krankheit wird als Leckerbissen serviert. Feinschmecker -- so warnte jetzt ein amerikanisches Arzte-Team aus Boston (US-Staat Massachusetts), dem Zentrum neuenglisch-feiner Lebensart -- laufen Gefahr, Gaumenfreuden mit Gelbsucht bezahlen zu müssen.
Drei Jahre lang untersuchten Dr. Raymond S. Koff und seine Mitarbeiter an zehn Bostoner Kliniken alle Patienten mit ansteckender Leberentzündung (Virus-Hepatitis). Das Resultat, jüngst im »NeW England Journal of Medicine« veröffentlicht: »Ebenso häufig wie durch gelbsüchtige Kranke wird Hepatitis durch Austern und andere Muscheln übertragen.«
Die Champagner-Zukost aus dem Meer, auch als erotisches Stimulans begehrt, wurde seit langem als Wirt von Krankheitskeimen verdächtigt. Jeder dritte Patient mit Paratyphus, so hatten zu Anfang dieses Jahrhunderts britische Ärzte vermutet, habe die Erreger mit den herben Happen geschluckt. Austern, so erkannten die Mediziner, können zahlreiche Magen- und Darminfektionen verursachen.
Die Rate der Verdauungsbeschwerden nach Muschel-Verzehr sank, als fortan viele Austernbänke in ausgesucht sauberen Gewässern angelegt wurden. »Wenigstens eine der immer rarer werdenden Lebensfreuden«, vermerkte das »New England Journal« rückblickend, »schien ohne Gefahr für die Gesundheit zu sein.«
Die kulinarische Lebensfreude trübte sich wieder, als 1955 erstmals schwedische Ärzte Austern als Ursprung einer Hepatitis-Epidemie entlarvten; 600 Schweden erkrankten damals. Weitere vier Epidemien wurden seither in den Vereinigten Staaten auf verseuchte Muscheln zurückgeführt.
Schwieriger als bei solchen Epidemien ist bei sporadischen Hepatitis-Erkrankungen die Infektionsquelle aufzuspüren. Denn die Erreger -- eine oder mehrere Virusarten -- konnten bislang weder im Labor gezüchtet noch im Elektronenmikroskop sichtbar gemacht werden.
Die meisten Hepatitis-Kranken, soviel wissen die Mediziner, haben sich bei anderen Gelbsucht-Kranken infiziert oder durch eine Bluttransfusion, wenn das Blut des Spenders unbemerkt die Krankheitskeime beherbergte. Als Überträger der Viren wurden vor allem Wasser, Milch und Speisen identifiziert. Noch immer jedoch bleibt ein großer Teil der Ansteckungsfälle unaufgeklärt.
Den Schluß, daß Muscheln nicht nur epidemisch, sondern auch in Einzelfällen Hepatitis übertragen können zogen der Bostoner Mediziner Koff und seine Mitarbeiter, als sie an zehn Kliniken Gelbsucht-Patienten mit unbekannter Erkrankungsursache genauer befragten. Ergebnis: 34 der Untersuchten hatten zuvor rohe Muscheln oder Austern geschlürft, von einer Vergleichsgruppe hingegen nur zehn. Der Zusammenhang zwischen Meeres-Kost und Gelbsucht, schloß das Koff-Team, sei -- nicht nur bei gelegentlichen Epidemien -- »signifikant«.
Um das Hepatitis-Risiko zu senken, mochten die Bostoner Mediziner gleichwohl nicht zur Austern-Abstinenz raten. Sie empfehlen, die Weichtiere gründlich durchzukochen: Das würde die Viren zerstören.
Gourmets aber würde es wohl verstören. Das klassische Koch-Ritual schreibt vor, daß Muscheln nur so lange im heißen Sud bleiben dürfen, bis sie sich eben öffnen. »Halb gar« das gesteht auch Koff zu, »ist genau die Zubereitungsart, die die Kenner schätzen.« Desgleichen die Viren.