FERNSEHEN / WDR Halb so schlimm
Der NPD-Werber sagt, wie es ist: In Bonn ist wieder mal »die politische Kacke am Dampfen«. Doch den Bergmann Fritz Piontek macht das nicht Irre; er bleibt, obgleich arbeitslos, seiner Gewerkschaft treu, wählt unverdrossen SPD und läßt sich, auf Staatskosten, als Starkstromelektriker ausbilden.
Dieses schöne Vorbild richtet, am Donnerstag dieser Woche, der Westdeutsche Rundfunk mit .seinem Kohlenpott-Fernsehspiel »Umschulung« auf, das (so ein WDR-Bulletin) die »spezifischen sozialen Probleme« des Ruhrgebiets verdeutlichen soll.
Kumpelnöte im Spiel zu zeigen -- das hatten die Kölner TV-Redakteure schon fast drei Jahre lang im Sinn gehabt, doch immer wieder war ihr Projekt auf Hindernisse gestoßen. Eine zunächst geplante mehrteilige Serie etwa verwarf der WDR-Fernsehspielchef Günter Rohrbach frühzeitig als »viel zu kompliziert« Zugunsten eines abendfüllenden Einzelstücks; das sollte ein Autor schreiben, »der sich durch mehrere volkstümliche Stücke einen Namen gemacht hat« (Rohrbach).
Der ungenannte Namhafte, der seit Jahren auf einen moritatenhaften Ruhr-Realismus eingeübte Dortmunder Arbeiterdichter Max von der Grün, lieferte freilich ein Manuskript ab, dessen Personenschilderung der WDR-Mann schlicht als »Schablone« empfand. Und nach der Erinnerung des Pütt-Poeten beanstandete Rohrbach auch einen »Opa auf dem Plumps-Klo« -- so altväterisch gehe das nicht mehr zu. Von der Grün:« Da kennen Sie das Revier schlecht.« Sein abgelehntes Drama (Titel: »Schichtwechsel") verkaufte der Autor rasch dem Hessischen Rundfunk, der es bereits im vorigen Herbst unter Presse-Applaus ("Süddeutsche Zeitung": »Ein großer Anlaut zu einem neuen Realismus") ausstrahlte. Der WDR entsandte unterdessen eine Redaktionsassistentin an die Ruhr.
Die Ausbeute dieses »verdammt mutigen Mädchens« (Rohrbach) -- 30 Stunden Gespräche aus Arbeiterkneipen und von NPD-Treffen. mit Gewerkschaftlern und Bergbau-Invaliden, über Staublunge und Stundenlohn -- ließ Rohrbach im Herbst 1907 dem Stückeschreiber Daniel Christoff, 42, in Ockenheim bei Bingen zukommen.
Der überraschte Literat ("Ich weiß auch nicht, wie die auf mich verfallen sind") hatte zuvor mit Bühnendramen ("Noah ist tot«, »Rückkehr von Elba") nicht eben viel Erfolg gehabt; zum Ruhrgebiet besaß er »keinerlei Beziehungen«.
Deswegen vermittelte der WDR ihm eilig Besuche in Bergarbeiter-Familien und ließ ihn auf der Bottroper Zeche »Leopold Baldur« 900 Meter tief in die Grube fahren. Christoffs Eindruck von der Ruhr-Reise: Das Revier kriselt, die Kumpel sind anfällig für Neonazi-Parolen.
Entsprechend düster ließ der Autor dann auch seine »Umschulung« zu Ende gehen: Protagonist Piontek wird
»Ausdruck seiner Unsicherheit, seiner Not« -- in eine NPD-Versammlung gelockt.
Dagegen protestierten, zunächst vergebens, der Essener WDR-Redakteur Rolf Buttler, der sich noch gut an die Empörung über eine TV-Reportage »Frauen an der Ruhr« (SPIEGEL 3/1968) erinnerte, sowie der von Rohrbach vertraulich informierte Gewerkschaftssekretär Werner Skaliks aus Bottrop.
Jedoch auch Unbefugte hatten offenbar das Textbuch gelesen (Christoff: »Irgendwie war plötzlich eine Kopie aus dem Funkhaus verschwunden"); denn als zu Anfang dieses Jahres das WDR-Team bei Zechen und Glashütten anrückte, zogen die Firmen die anfangs erteilte Dreherlaubnis zurück.
Erst als die Krise an der Ruhr und, auf Rohrbachs Geheiß, in gleichem Maße die »Umschulung« entschärft war, vermochte Skaliks den Filmern ein neues Dreh-Terrain zu verschaffen.
Denn bei gewandelter Wirtschaftslage braucht Kumpel Piontek nun nicht mehr zur NPD zu gehen; er fällt nur noch -- privates Pech -- bei der Umschulungsprüfung durch,
Und auch das ist halb so schlimm: Plötzlich haben die Hauer wieder Chancen, und Piontek fährt mit einem fröhlichen »Glückauf« wie früher unter Tage ein.