Halbe halbe - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 23 / 54

WIEN Halbe halbe

• aus DER SPIEGEL 27/1961
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Unter dumpfen Trauerklängen wird die Leiche der vergifteten Schloßherrin Isabella von der Bühne getragen. Nach dem Exit jubeln helle Fanfaren: Das Jahrhundertfest auf der Rulandburg beginnt.

Dieses Grusel-End, das sich »Jugend« -Autor Max Halbe für seine Schauertragödie »Das Haus an der Mauer« ausgedacht hat, ersparte die regieführende Tochter Anneliese Halbe dem Uraufführungspublikum in der-» Neuen Wiener Bühne im Josefssaal«. Sonst indes ersparte

sie dem Publikum nichts. Unerbittlich erhellte sie alle spinnwebverkrusteten Ecken des väterlichen Dramas, das weder zu Lebzeiten Max Halbes (1865 bis 1944) noch seit seinem Tod jemals aufgeführt worden war. Erstmals zu den »Wiener Festwochen 1961« wurde es gezeigt. »Die Wochen-Presse« urteilte über diesen - Festwochenbeitrag 1961: »Eine schreckliche Sache.«

Ein »beinahe interessantes Stück« nennt dagegen Halbes Tochter Anneliese dieses Spätwerk ihres Vaters, der immerhin und durchaus mit Recht

über Jahrzehnte einer der erfolgreichsten deutschen Bühnenautoren gewesen ist. Anneliese Halbe war eigens aus den Vereinigten Staaten herangereist, um die bisher verborgene Hinterlassenschaff in Szene zu setzen.

»Die Welt kennt Papa nur als Autor von 'Jugend' und 'Der Strom', somit als Wegbereiter des Naturalismus«, dozierte sie. »Das erst 1938 durch totale Umarbeitung eines Frühwerkes entstandene 'Haus an der Mauer' jedoch zeigt seinen Vorstoß zum Symbolismus. Obwohl mein Vater damals bereits 73 Jahre war, betonte er die allgemeinmenschlichen Probleme der Gegenwart und paßte auch die Sprache den modernen Tendenzen an.«

Was Anneliese Halbe für Vorstoß und moderne Sprachtendenzen hält, klingt in der »Neuen Wiener Bühne« freilich eher wie ein Rückfall in längst überwundenes Jahrhundertwenden-Pathos. Ein Sturzregen aus Platitüden prasselt von der Bühne: »Die Sterne lügen nicht... Das Leben brannte in seinen Augen wie eine klare Flamme... Was fallen soll, das falle... Sie allein können die Glut-löschen, Isabell!... Ist es nicht genug, daß du mir einmal mein Glück gestohlen hast?... Leiden heißt Mensch sein... Seine Küsse brannten wie in andern Nächten... Du standest ihm Modell in einem sinnverwirrend dünnen

Gewande... Alexis, ich bin eine Verworfene!... Ich weiß es wohl, daß ich ein Nichtsnutz bin... Mein Herr Neffe hat einen guten Geschmack, potz Wetter! ... Umsonst, Nirwana zu suchen, solange Krischna uns umfängt!«

Diese und noch viel mehr andere Bekenntnisse

und Ausrufe sitzen den handelnden Personen wie angegossen. Zentralgestalt des Schauspiels ist Isabella, die Herrin von Rulandburg, verrucht und mannstoll jedoch mit Seele und laut Stück »ein reiner Quell, aus dem jeder trinken darf«. Für Begriffsstutzige erläutert

der »Express": »Die Dame ist nämlich, was man heutzutage eine Nymphomanin nennen würde. Zur Zeit Max Halbes gab man diesem Zustand weniger wissenschaftliche Namen, zum Beispiel Verworfene.«

Zu Füßen oder ins Bett der Verworfene

stürzen sich die Herren fast reihenweise, allesamt Klischeetypen aus dem Panoptikum der Jahrhundertwende: der angetraute, von allem nichts ahnende Gelehrte; der zynisch-interessante Bohemien und Künstler; der junge edle Graf von Liljefors; ein wohlbeleibter tyrannischer Gouverneur; der Weinwirt vom »Postillon«, der sonderbarerweise einen Turban trägt und indische Götter verehrt.

Dann gibt es noch einen adligen Bordellbesitzer mit Zylinder und den dämonischen Richter Syrius, einen Bösewicht par excellence, dem die Schloßherrin Isabell allerdings als einzigem ihren »reinen Quell« verweigert, obwohl Syrius in seiner Leidenschaft einen Nebenbuhler nach dem andern aus dem Weg räumt.

Konsequenz der unverhofften Zurückweisung: Syrius droht, seine Angebetete in das Freuden-»Haus an der Mauer« zu bringen. An dieser Zukunft, die doch alles nur erleichtern würde, zerbricht die Rulandbürgerin. Sie greift zum Giftfläschchen, während eben das Fest des 600jährigen Burgbestandes mit Fanfarengeschmetter seinen Anfang nimmt. Endlich kann sich »der schamrot glühende Vorhang über diese Tragödie in des Wortes zweifacher Bedeutung* senken« ("Express").

So primitiv wirkt diese dramatische Hinterlassenschaft Max Halbes, dessen Schauspiele immerhin die letzte große Theaterrevolution auf deutschen Bühnen - die Wendung zum Naturalismus - mit eingeleitet hatten, daß einige Kritiker ernstlich Halbes Autorenschaft an diesem Schmierenstück bezweifeln. »Halbe hat ja sein Patriarchenalter bei voller geistiger Frische erreicht«, gab die »Abend-Zeitung« zu bedenken, und »Die Presse« äußerte unverblümt ihre Vermutung, ein Entwurf sei »von der Tochter oder anderer Hand nachträglich zu einem Stück verarbeitet worden«.

»Sag ma lieber, es war nix«, resümierte der »Express« wienerisch, »damit ist der Reputation der Familie Halbe am besten geholfen.«

* Ursprüngliche Bedeutung des Wortes Tragödie (griechisch): Bocksgesang.

Dramatiker Halbe, Tochter Anneliese (1935): Reiner Quell Isabell

Zur Ausgabe
Artikel 23 / 54