SOWJET-UNION Halbgefrorenes
Mit macchiavellistischer Geschicklichkeit hat das Zentralkomitee der sowjetischen Staatspartei, der KPdSU, Ende des vergangenen Monats in geheimer Sitzung ein aktuelles Problem sowjetischer Kulturpolitik gelöst. Es hat eine stalinistische Entscheidung aufgehoben und gleichzeitig bestätigt.
Das hohe Parteigremium vermied es dabei schlau, einen taktischen Fehler zu wiederholen, der ihm bei der Entstalinisierung auf dem Gebiet der Literatur unterlaufen war. Dort hatte das parteipolitische »Tauwetter« - so der symbolträchtige Titel eines Romans von Ilja Ehrenburg - nach Stalins Tod dazu geführt, daß Schriftsteller den sowjetischen Alltag mit unerwünschter Offenheit zu beschreiben und zu kritisieren begannen.
Die beträchtlichen Erfolge, die Romane wie Dudinzews »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein« beim sowjetischen Publikum und im Westen und Pasternaks »Dr. Schiwago« im Westen hatten, machten es den Partei-Instanzen schwer, gegen solche Veröffentlichungen mit gewohnter Härte vorzugehen. Die Partei mußte das Risiko der Unpopularität auf sich nehmen, als sie diese Bücher und deren Verfasser verurteilte.
Durch diese unbehagliche Erfahrung belehrt, entschloß sich das Zentralkomitee nun zu einer vorsichtigeren Maßnahme. Es hatte sich als notwendig erwiesen, endlich auch die Prominenteren der Sowjetkomponisten wie etwa Dimitri Schostakowitsch und Aram Chatschaturjan von jenem Odium zu befreien, das ihnen seit Stalins scharfen Parteiurteilen über die von ihnen komponierte moderne Musik noch immer anhaftete. Gleichzeitig aber sollten unerwünschte liberale Folgen dieser Rehabilitierune vermieden und daher die stalinistischen Forderungen nach volksverbunden-sowjetsozialistischer Musik aufrechterhalten bleiben. Statt mit Tauwetter sollen sich die sowjetischen Musiker mit Halbgefrorenem begnügen.
Stalin hatte vor mehr als zehn Jahren, im Februar 1948, einen Zentralkomitee-Beschluß herbeigeführt, in dem die Premiere der modernen Oper »Die große Freundschaft« von Muradeli zum Anlaß genommen wurde, nahezu die gesamte Produktion sowjetischer Komponisten, soweit sie international irgend nennenswert war, mit aller Schärfe als formalistisch zu diskriminieren.
In seiner geheimen Sitzung hob nun das Zentralkomitee diesen Beschluß feierlich auf und faßte einen neuen - er wurde erst einige Zeit später veröffentlicht -, in dem es den früheren seinem Inhalt nach bestätigte. Das Parteigremium - so die offizielle Verlautbarung - stellte ausdrücklich fest, »daß der Beschluß des ZK vom 10. Februar 1948 über die Oper Muradelis 'Die große Freundschaft' im ganzen eine positive Rolle bei der Entwicklung der sowjetischen Musikkunst gespielt hat. In diesem Beschluß wurden die Aufgaben der Entwicklung der Musikkunst auf der Grundlage der Prinzipien des sozialistischen Realismus aufgezeigt. Die Entwicklung der sowjetischen Musik in den darauf folgenden Jahren bestätigte die Richtigkeit und Rechtzeitigkeit dieser Hinweise der Partei.«
»Gleichzeitig«, so formulierte aber die sowjetische Partei-Instanz weiter, »waren die in diesem Beschluß enthaltenen Beurteilungen des Schaffens einzelner Komponisten in einer Anzahl von Fällen unbegründet und ungerecht. Talentierte Komponisten wie die Genossen Schostakowitsch, Prokofjew, Chatschaturjan, Schebalin, Popow, Mjaskowski und andere ... wurden als Vertreter einer antivolkstümlichen, formalistischen Richtung in Bausch und Bogen verdammt.«
Die sowjetischen Komponisten sehen sich nun der paradoxen Entscheidung konfrontiert, daß sie zwar persönlich rehabilitiert sind, die Verurteilung ihrer Werke dagegen sanktioniert wurde. Auch das Zentralkomitee hatte sich aber offenbar außerstande gesehen, diesen Widerspruch aufzuhellen. Es delegierte daher die Ausführung dieser Seiltanz-Akrobatik an dieselbe Instanz, an die parteiamtliche Zeitung »Prawda«, die seinerzeit Stalins Beschluß begeistert interpretiert hatte, »was«, wie das Zentralkomitee monierte, »eine Äußerung der für die Periode des Personenkults charakteristischen negativen Züge war«.
Das Zentralkomitee beschloß einfach, jene frühere Interpretation »in den redaktionellen Artikeln der Zeitung 'Prawda' als falsch und einseitig anzuerkennen und die Redaktion der 'Prawda' (Genossen Satjukow) zu beauftragen, auf Grund des vorliegenden Beschlusses einen redaktionellen Artikel mit einer allseitigen und eingehenden Analyse der Grundfragen der Entwicklung der sowjetischen Musikkunst zu verfassen.«
Dem Genossen Satjukow von der »Prawda« wurde dabei - ebenso wie allen anderen Partei-Instanzen - aufgetragen, »in den Künstlerverbänden und den Kunstinstitutionen die erforderliche Aufklärungsarbeit im Zusammenhang mit diesem Beschluß durchzuführen«. Die Beauftragten sollen dabei »die Erhöhung des ideologischen und künstlerischen Niveaus der sowjetischen Musik« und, in bester stalinistischer Lesart, eine weitere »Festigung der Verbindungen der Kunst mit dem Leben des Volkes im Auge haben«.
Komponist Schostakowitsch
Musik schlecht, Musiker gut