Halbvoll oder halbleer? - DER SPIEGEL
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Theater Halbvoll oder halbleer?

• aus DER SPIEGEL 31/1993
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Tagsüber ist sie ganz blonde Berliner Mittelstandsfrau, zweite Gattin eines namhaften Ökonomieprofessors, um Jahrzehnte jünger und daher nicht nur vom Vater, sondern auch vom Stiefsohn heiß verehrt.

Tagsüber ist sie die klug parlierende und gebildet seufzende Musterehefrau einer Koryphäe von einem Gemahl; sie möchte sich am liebsten wie eine Zierpflanze liebend und bewundernd an ihm emporranken - auch dann noch, wenn er für ein Jahr nicht da ist, auf größtmöglicher Distanz in Australien weilt. Denn diese Jahresabstinenz haben sich die beiden als Liebesprobe und Eheaphrodisiakum ausgedacht: Es soll, danach, wieder prickeln und zischen.

Nachts jedoch ist sie eine schwarzhaarige Punkerin vom Bahnhof Zoo, wo sie in grell gemusterten Leggings und schwarzem Schlabberkittel Zeitungen verkauft.

Nachts führt sie ein Doppelleben und lechzt nach einem Rocksänger namens Jacques Le Coeur; der Mann ist, klar doch, was fürs Herz.

Lilly Groth, das neueste Geschöpf von Botho Strauß, Protagonistin seines jüngsten Stücks »Das Gleichgewicht« und auf den Salzburger Festspielen von niemand Geringerem als Jutta Lampe, der ewig jungmädchenhaften Schaubühnen-Duse verkörpert, diese Lilly Groth ist eine zerrissene, gespaltene, schizophrene Figur.

Damit gehört sie in die Tradition von Schwarzem und Weißen Schwan, von Jekyll und Hyde, vom besoffenen und nüchternen Brecht-Puntila, von Lope de Vegas »Bei Tag und Nacht« - eine Heldin, die im Dunkel das brünstig begehrt, was sie in der Helle sittlich verflucht. Lilly Groth stammt aber, unverkennbar, auch von Kleists Alkmene ab, die treu nur in der Untreue sein kann. Und so ist sie ein wenig literarisch dünnblütig, mit einer Haut, fein wie Papier, eine Kopfgeburt. Mit dieser Schwierigkeit muß Jutta Lampe einen Abend lang auf der Bühne mehr schlecht als recht leben.

Lilly wehrt die Nachstellung des Sohnes mit blitzender Empörung ab, den Kopf keusch in den Nacken geworfen. Nur einmal fährt sie einer jungen Fensterputzerin _(* Mit Fritz Lichtenhahn, Jutta Lampe und ) _(Kirsten Dene. ) mit den Händen die schlanken Schenkel entlang bis zum Gesäß. Das ist, neben dem prall über der Brust gespannten Leibchen des bejahrten Rocksängers Le Coeur (Hans-Peter Hallwachs, Manneskraft vom Dienst des deutschen Theaters), der einzige Ausbruch körperlicher Sinnlichkeit.

Denn Theater ist, auch bei Strauß, vor allem Maulhurerei, und das neueste Strauß-Stück handelt in gewisser Weise von einer solchen, von Sünden, eher in Worten und Gedanken als in Taten.

»Das Gleichgewicht« beginnt in der Nacht vor der Rückkehr des Gatten aus dem einjährigen Exil in Australien. Panisch hüpft Lillys Herz zwischen freudiger Erwartung und Angst hin und her; vergebens versucht sie Ordnung in ihrer Wohnung und ihrem Leben zu machen, vergebens sucht sie Freunde zu gewinnen, die den Gatten mit ihr am Bahnhof Zoo im dort besonders greulichen Morgengrauen abholen.

Die Angst erweist sich als nicht unbegründet. Zwar fällt das Wiedersehen sexuell klammernd und daher recht zufriedenstellend aus. Aber der Mann (Martin Benrath spielt ihn als imposanten Koloß aus wirklicher und eitel eingebildeter Bedeutung) hat in der Ferne von einem japanischen Kollegen ostasiatische Selbstdisziplin, Zen sowie das dazugehörige Bogenschießen gelernt.

Und als Bogenschütze macht er seine Frau mit einem Schuß knapp neben die Wirbelsäule - bleibend? - zum Krüppel. Nur ein Versehen? Ein Unfall mit Ursache im Unbewußten? Oder doch die Rache eines gehörnten Ehemanns, die Strafe für eine nicht bestandene Liebesprobe?

Das Stück (und auch Luc Bondys ihm bis in jede Verästelung geduldig folgende und dabei sogar Langeweile riskierende Inszenierung) beläßt es beim Fragezeichen. Und es läßt auch, in einem »Verhörakt«, offen, ob Lilly ihren Christoph mit dem Rockstar Le Coeur »nur« in der Phantasie oder auch Haut an Haut betrogen hat.

In einem arg kleistisch angestrengten Bild (das vor epigonaler Anstrengung kaum laufen kann) werden solche Fragen auch als unwesentlich beiseite gewischt: Nimmt man der Frau ihre Untreue, nimmt man ihr auch ihre Treue.

Was soll uns das auf der Bühne? Der Zen-gläubige Ehe-Attentäter, seine in wirre Phantasien entflatternde Ehe-Chaotin, der maliziöse Sohn, bald Mephisto, bald Ohrenbläser, bald abgewiesener Möchtegern-Liebhaber der Mutter, ihr Denunziant beim Vater, dessen Parasit und Gegengewissen in einem - was sollen uns die?

Zunächst, so lautet die erste, pragmatische Antwort, ergeben sich aus dem Einbruch ostasiatischer Etüden in das einheitsverstörte Berlin betörende Bilder und Kontraste (Bühne: Karl-Ernst Herrmann), Haltungen, deren Gegensätze sich einprägsam mitteilen. Dem statuarisch um Haltung bemühten Groth Benraths kontrastiert der sich fletzende und ungeschickt räkelnde Le Coeur Hallwachs''. Sucht der eine sein Gleichgewicht in großen zeremoniellen Gesten des Bogenspannens und des selbstgefälligen Brustreckens, so dreht der andere, um das seine zu finden, nervös einen kreiselnden Aschenbecher - an solchen Details, die Psychologie und Theater in einem sind, ist Bondys Inszenierung überreich.

Wichtiger aber ist: Theater spiegelt in dieser Form Zustände unseres Bewußtseins wider, ob man sie so wahrhaben will oder nicht. Es ist der Bühne völlig egal, ob Groth-Benrath an sein Zen-Zeug und seine Pfeil-und-Bogen-Philosophie glaubt, ob er sie vorschützt, ob sein Autor sie bewundert oder verachtet: In Benraths Darstellung wird aus alledem eins, nämlich ein Hilfloser baut sich einen Halt, ein privat Verstrickter sucht Rettung im Allgemeinen, in irgendeinem Allgemeinen.

Es ist auch gleichgültig, ob der Sohn (Michael Maertens) gegenüber dem liberalen Vater recht hat, wenn er die Deportation von Drogenhändlern fordert, oder ob er den Vater nur provozieren will. Maertens spielt den fanatischen Ausbruch so vieldeutig, daß da Berührungsängste des Opfers ebenso sichtbar werden wie der Hohn auf Phrasen oder der wilde Aktionismus eines Lethargischen.

Eine Nebenhandlung erzählt von einer ehemals idyllischen Straße, in der Spekulationsgier und neue Bauwut, Verkehrschaos und soziale Unsicherheit bereits das Tohuwabohu des neuen Berlin angerichtet haben. Kirsten Dene und Martin Schwab spielen imposant zwei vor dem Ruin stehende Ladenbesitzer, die 15 Jahre Ladentür an Ladentür wohnten und sich finden, und sich dann schnell wieder verlieren. Leider spielen sie auch das Lamento »Früher war alles besser!«.

Der Kaufmann ist ein Altkommunist, dem mit der Einheit auch seine politische Schrebergartenmentalität in die Brüche geht. Auch hier machen Strauß und sein Regisseur Bondy deutlich, daß Überzeugungen nur verschlissene und von Verschleiß bedrohte Korsetts des privaten Scheiterns sind.

Allerdings hat hier die Inszenierung die Herzlichkeit (und Harmlosigkeit) einer bedrohten Spitzweg-Idylle, was auf der Bühne immer rührend und langweilig zugleich ist.

Vollends Weihnachtsgefühle weckt der Stadtstreicher, wie ihn Fritz Lichtenhahn mit stets einsatzbereiter Klopapierrolle und gezückter Zahnbürste bürgerfreundlich spielt: Seine Haßausbrüche gegen Fremde unterschlägt und verniedlicht die Aufführung mit zustimmend nickender Unbedarftheit.

Peter Steins Salzburger Schauspieldirektion ist es im zweiten Jahr bereits gelungen, die Schaubühne, verstärkt durch Benrath und Burgtheater-Stars, wie selbstverständlich in der Festspielstadt heimisch zu machen. Theater auf der Höhe der Zeit. Das mag vielen viel oder wenig scheinen, als halbleeres oder halbvolles Glas, je nachdem. Mehr ist zur Zeit nicht zu haben. Y

* Mit Fritz Lichtenhahn, Jutta Lampe und Kirsten Dene.

Hellmuth Karasek
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