Kunstherz Handliche Prothese
Die Tragetasche, die von der Schulter herunterbaumelt, sieht aus wie ein Pistolenhalfter. Im Innern sind aufladbare Batterien untergebracht, außen ragen dünne Strippen aus dem Etui. Die Drähte bohren sich durch die Haut des Patienten und schließen, unterhalb des Zwerchfells, eine unscheinbare Pumpe an die externe Stromversorgung an.
Die leichte Konstruktion ist für einen Herzkranken nicht beschwerlicher als ein Walkman - nur mit dem Unterschied, daß die kleine Pumpe (Durchmesser: zehn Zentimeter) andere, lebenswichtige Rhythmen erzeugt: Das Gerät soll eine irreversibel geschädigte linke Herzkammer entlasten; dieser wichtigste Teil des pochenden Herzmuskels leistet im Normalfall 85 Prozent der gesamten Pumparbeit.
Bei schwer Herzkranken vermag die mechanische Hilfspumpe eine bisher womöglich todbringende Zeit zu überbrücken. Die Maschine stabilisiert, sobald das geschädigte Herz zu versagen beginnt, den Kreislauf und verhindert, daß weitere Organe wie Leber, Niere und Lunge geschädigt werden. Wenn dann ein geeignetes Spenderherz gefunden ist, kann der Patient durch eine Transplantation gerettet werden.
Den Prototyp einer solchen tragbaren Halbherz-Prothese setzten Chirurgen des Herzzentrums am St. Luke's Episcopal Hospital in Houston (US-Staat Texas) am vorletzten Dienstag erstmals einem herzkranken Mann ein. Das transportable Gerät, angetrieben von einem winzigen Elektromotor, arbeite seit seiner Einpflanzung fehlerfrei, meldete Victor Poirier, Präsident der Herstellerfirma Thermo Cardiosystems Inc. (TCI). Die amerikanische Aufsichtsbehörde FDA hatte bereits Anfang des Jahres eine Genehmigung erteilt, die handliche Herzkammer-Prothese an zunächst fünf Patienten zu erproben.
Der wesentliche Fortschritt gegenüber den stationären Vorgängermodellen rührt von der verfeinerten Pumptechnik her: Bislang brachte, anstelle des jetzt verwendeten Elektroantriebs, ein von außen betriebenes Preßluft-Aggregat die künstliche Herzkammer auf Trab - die Patienten blieben aus diesem Grund an eine kistengroße Konsole gefesselt.
Hingegen wird sich der Herzpatient in Houston, hat er sich von dem Eingriff erst einmal erholt, frei bewegen können. Die Akkus werden aufgeladen, während er schläft. Die US-Wissenschaftler planen, die Herzpatienten auch noch von dem Kabelsalat zu befreien, der aus der Bauchdecke sprießt: Die für den Antrieb benötigte Energie, so die gleichlautende Überlegung bei TCI und dem Konkurrenzunternehmen Novacor, ließe sich auch mit Hilfe magnetischer Felder an die Elektropumpe im Bauch übermitteln.
Als Dauerersatz für das kranke Organ taugen die verschiedenen Pumpen zur Linksherz-Unterstützung nicht. Doch das Problem, die Wartezeit auszufüllen, bis ein menschliches Spenderherz zur Verfügung steht, nimmt an Bedeutung immer mehr zu: 30 000 Kranke warten nach Schätzungen allein in den Vereinigten Staaten auf ein Spenderherz; nur 1600 Transplantationen konnten im vergangenen Jahr durchgeführt werden.
Längstens ein dreiviertel Jahr war ein Patient schon einmal an eine stationäre TCI-Pumpe angekettet. Das tragbare, komfortablere Gerät verschaffe nun »mehr Zeit«, meint der amerikanische Herzchirurg Oscar Frazier, »ein passendes Spenderherz zu finden«. Einen »bedeutenden Schritt« auf dem Weg zur ständigen Halbherz-Prothese nennt auch Claude Lenfant vom Nationalen Herzinstitut der USA die Neuentwicklung von TCI.
Das kranke Herz verbleibt auch bei der neuen Prozedur bis zur Überpflanzung eines Spenderherzens im Körper. Die Elektropumpe bildet gleichsam den Übergang zwischen der linken Herzkammer und der Aorta (siehe Grafik). Über einen Schlauch fließt das in der Lunge mit Sauerstoff angereicherte Blut aus der schwerkranken Herzkammer in den künstlichen Pumpmuskel. Von dort wird der Lebenssaft - jedesmal, wenn die Pumpe prall gefüllt ist - in die Hauptschlagader des Körpers abgedrückt.
Bei Bedarf wird es auch möglich sein, beide Herzkammern gleichzeitig durch Hilfspumpen zu ersetzen: Je zwei durch die Brustwand getriebene Schläuche verknüpfen elektropneumatische Blutpumpen (die sich allerdings außerhalb des Körpers befinden) mit den Herzvorhöfen, der Lungenarterie und der Aorta.
Eine »Katastrophen-Überbrückung« nennt Professor Roland Hetzer, Direktor des Deutschen Herzzentrums Berlin, dieses Verfahren. Mehr als 40mal ist es an seinem Institut seit 1988 schon angewandt worden bei Patienten, die nach dem Ausfall ihres Herzens auf ein Spenderorgan warteten. Seit Ende April dieses Jahres darf das kreislaufunterstützende System, zum Stückpreis von rund 300 000 Mark, auf dem deutschen Markt als Medizingerät verkauft werden.
Das ehrgeizige Ziel, einem Menschen einen kompletten Austauschmotor einzubauen, ist unterdes wieder in weite Ferne gerückt. Die FDA hat bereits vor einem Jahr dem lange Zeit hochgelobten Kunstherz Jarvik-7 die Zulassung entzogen: Die Empfänger waren durchweg an schweren Schlaganfällen gestorben. An den Nahtstellen zwischen den mechanischen Teilen und den Schlagadern hatten sich rote Blutkörperchen (Erythrozyten) verklumpt; die so entstandenen gefährlichen Blutgerinsel wanderten durch das Gefäßsystem.
Zumindest bei den einfacheren Hilfspumpen, erklärt Professor Hetzer, sei das Problem der Blutgerinnung jedoch inzwischen gelöst. Die Auskleidung der TCI-Pumpen beispielsweise verleitet körpereigene sogenannte Endothelzellen dazu, sich als dünner Film an der Geräte-Innenwand anzulagern. Die blutführenden Schläuche weisen am Ende eine ähnliche Struktur auf wie natürliche Blutgefäße - die Erythrozyten fließen praktisch ungehindert hindurch. In vielen Fällen genügt schon eine halbe Aspirin-Tablette am Tag, um das Blut ausreichend zu verdünnen.
Den Forschern ist es noch ein Rätsel, so Herzspezialist Frazier, »wo die Endothelzellen auf einmal herkommen«. Bei Experimenten an Rindern taten sie ihr nützliches Werk noch nicht. Hartnäckige Kalkablagerungen verstopften nicht selten die Pumpleitungen.