SEMINARE Handschuh der Seele
Rein geschäftlich gesehen, da wissen die rund 40 im Konferenzzimmer des Kempinski-Hotels »Gravenbruch« bei Frankfurt gar nicht, was das ist: Unsicherheit. Bernd Remmers nicht, von »Remmers Chemie« in Heidelberg -- knallharter Verhandlungsführer. Carl Glauner nicht, von »Alpirsbacher Klosterbräu« -- demnächst, »aber garantiert«, bundesweit am Markt. Und Kaufhauskönig Martin Stolz aus Fehmarn schon gar nicht, »von Null auf 180«, gemeint sind Firmenangehörige. Nur eines -- und da sind sich alle einig -- fehlt noch zum wirklich perfekten Top-Mann: eine Strategie zur Menschenkenntnis.
Wenn Bierbrauer Glauner beschreibt, was ihn und Kollegen umtreibt, dann klingt das so: »Nie weiß man beim Gespräch, was der andere wirklich denkt.«
Wie gut, daß dafür Samy Molcho da ist, Pantomime, Dozent an der Sommerakademie Köln und längst nicht mehr nur darstellender Künstler. Denn seit 1976 verbreitet Molcho sein Wissen von den Geheimnissen der Körpersprache auch im Wiener Reinhardt-Seminar, als ordentlicher Professor.
Mehr noch. Der 45jährige Israeli durfte Vorträge beim Europäischen Management Symposium in Davos halten, dem Wimbledon der Unternehmensführung. Vor allem aber kennt Molcho die Seelenqualen des Verantwortungsträgers schlechthin. »Leiter des Erfolgs« heißt eine seiner überzeugenden Nummern, darin stellt er dar, wie einer Sprosse um Sprosse nach oben klettert und dann nichts findet als Einsamkeit und Kälte. Seinen Zweitagekurs »Körpersprache des Managers« gibt der gelernte Tänzer für einen knappen Tausender pro Teilnehmer.
Im Trainingslager bringt Molcho die Manager erst mal in Verwirrung. Mit schlaff herabhängenden Fingern reicht er einem die Hand, die Augenlider halb geschlossen. »Was denkst du?« -»Lascher Typ«, sagt der Körpersprach-Schüler, und langt hin. Traurig nickt der Pantomime.
Molcho schlurft weiter. Doch plötzlich zucken die Augenbrauen hoch, und der Brustkorb wölbt sich wie sonst nur bei King Kong. Selbst die schwarzen Locken scheinen sich zur Mähne aufzurichten. Nur die Finger bleiben noch immer schlaff. »Bin ich lasch?« fragt Molcho mit scharfem Atemzug, als käme gleich ein Karatehieb, »bin ich lasch?« Das Opfer zuckt zurück.
Molcho, beschwörend: »Öffnen müßt ihr euch und alle Signale empfangen, die der andere ausstrahlt, nicht S.152 nur eines.« Der Körper sei »eine Ganzheit«, obendrein »Handschuh der Seele« und am empfänglichsten im »Nullpunkt der Ausgeglichenheit«.
Ein bißchen Puna möcht' schon sein im Trainingscamp für -- so Unternehmensberater und Seminarveranstalter Rüdiger Ruoss aus Neu-Isenburg -die »Vertreter der soliden Mittelstandswirtschaft«, darunter auch Ehefrauen und Junioren, wie etwa Tochter Johanna des Äppelwoi-Kelterers Rudolf Höhl ("Der alte Hochstädter") oder Banken-Sproß Moritz von Bethmann.
»Das 'Verdeckenwollen'« echter Gefühle führt zu »Energie-Stauungen«, lehrt Molcho in seinem Grundsatzpapier »Körpersprache«, gegeben zu »Wien, im Jänner 1978«, und »nicht als Wissenschaftler, sondern als Künstler und Pädagoge«. Es gelte, die eigenen Reflexe zu erspüren wie das Schwein die Trüffel.
Die Repräsentanten des soliden Mittelstandes kreiseln um den Antiktisch im Foyer, alle erfahren sinnlich, daß seine Schritte unwillkürlich hemmt, wer plötzlich die Augen aufreißt. Übung: Bewußtes Gehen.
Je nachdem, ob ihnen Molcho an Stirn, Nacken oder Brustbein tippt, pendeln die noch Körpersprachlosen hin und her, nach vorn und zurück. Übung: Entspanntes Stehen.
Die Verhaltensforschung -- lehrt Molcho -- habe gezeigt, daß Menschen wie Tiere ihr Revier verteidigen und auf Eindringlinge gereizt reagieren. Nie mehr wird Kaufhausgründer Stolz seine Mitarbeiter in ihren Büros heimsuchen, ohne anzuklopfen.
Die vergleichende Kulturgeschichte -- lehrt Molcho -- habe gezeigt, daß alle von oben nach unten gerichteten Gesten auf Argwohn stoßen. Nie mehr wird Chemie-Lenker Remmers seinen Ingenieuren allzu majestätisch auf die Schulter klopfen.
Dann wird Molcho unternehmenspraktisch. Wer mit großen Schritten fürbaß schreitet, doziert er zum Thema »Strategie des Verkaufsgesprächs«, will nicht mit Kleinkram behelligt werden. Molcho: »Zackzack, zum Wesentlichen kommen.« Wer aber ausgelatschte Schuhe trägt -- so vielschichtig kann Körpersprache sein --, der hat's gern bequem. Molcho: »Den Service herausstellen.«
Die »Stunde der Wahrheit« (Molcho) schlägt den neuen Sensiblen vor der Videokamera. Das Rollenspiel: »Einer bewirbt sich um einen Job.«
Beide machen alles richtig. Zurückhaltend das Türeklopfen, gemessen der Schritt. Nur: Als einer die Jacke öffnet, fummelt der andere die seine zu.
»Der Besucher«, deutet Molcho die Körpersprache des »Bewerbers« eindeutig, »will etwas haben«, vermutlich den Job.
Das sehen die Wirtschaftslenker schärfer. »Klar will er was!« rufen zwei im Chor. »Der will den Sessel.«
Es gibt Dinge, die spürt ein Top-Mann auch ohne Verhaltensforschung.
Rainer Weber