SEX Hang zu Orgien
Manchmal macht es bei zwei Leuten »klick«, und niemand weiß so recht, warum. Doch das ist ja die Frage. um die sich alles dreht: »Was eigentlich macht uns an. wodurch, womit. wieso?«
Die Antwort darauf schürften jetzt zwei Londoner Universitätsdozenten, beide Anfang Dreißig, aus dem -- Ehrensache -- Unbewußten hoch: »Jeder von uns«, so erläutern Glenn Wilson und David Nias, »beherbergt unbewußt eine Liste von Charakteristika, die er sich beim Partner wünscht:
Und wenn er nun einen möglichen Partner trifft. »so registriert das Unbewußte blitzschnell, wie viele Punkte aus der Checkliste da vorhanden sind und reagiert dementsprechend«. Allerdings. so fügen die Autoren beruhigend hinzu: »Beide Partner sind auch bereit, es für weniger zu machen.«
In ihrem gerade veröffentlichten Buch über »Love's Mysteries"*, von dessen fleischfarbenem Umschlag befremdlich ein großes blaues Frauenauge mit herzförmiger Pupille starrt. werten Wilson/Nias hauptsächlich die zahlreichen Liebesstudien aus angloamerikanischen Instituten, aber auch die Untersuchungen der Hamburger Sexforscher Giese, Schmidt und Sigusch aus.
* Glenn Wilson/David Nias: »Love's Mysteries. The Psychology of Sexual Attraction«. Open Books. London; 168 Seiten: 3,95 Pfund.
Ehrgeizige Universitäten nämlich wetteifern neuerdings gern auf erotischem Gebiet mit sogenannten empirischen Forschungen und münzen das Material in schon wissenschaftlich anmutenden Tabellenbänden aus. Dabei umfaßt die neue Variante des alten Themas nicht nur Sex, sondern auch Liebe: Da werden Test-Studenten für Freibier mit ihnen unbekannten Mädchen zusammengebracht, nach einem Paarungsschlüssel« den sich ein Computer ausdenkt. Und bei intimeren Forschungen wird mitunter per Radio-Telemetrie ihr Hormonhaushalt kontrolliert.
Während junge Mädchen (zu über 30 Prozent) eher auf Intelligenz und sozialen Status achten, werden besonders die jungen Männer (zu mehr als 50 Prozent) hauptsächlich vom Aussehen eines Mädchens angezogen. Was da im einzelnen wie wirkt, hat ein Team der Universität von Illinois erforscht:
Demnach gieren Playboy-Leser, aber auch Sportler, Promiskuitäter und Raucher nach großen Busen, Antialkoholiker, Depressive, Kriecher und Kirchgänger bevorzugen flache Fronten. Knackige Rund-Hintern locken Leidenschaftliche und Law-and-order-Typen, Platt-Pos befriedigen Unsportliche. Kolossale Beine ermuntern die Verklemmten, üppige Figuren die Alkoholiker. Und die modisch Dünnen wirken auf Introvertierte und auf die Oberschicht.
So ganz nebenbei -- »in einer vornehmlich amüsanten Studie«, sagen die Autoren -- ergibt sich, daß der nach Freud »orale Typ«. der aus angestammter Abhängigkeit am Groß-Busen hängt, in Ohio längst zur Gegenpartei übergelaufen ist: Statistisch tendiert er da bereits deutlich zur Flach-Brust.
Und umgekehrt? Während Männer immer noch glauben, das Erregendste an ihnen seien athletischer Brustkorb, muskulöse Schultern und Arme sowie ein ehrfurchtgebietendes Penismaß, haben die Damen da offenbar inzwischen andere Wertmaßstäbe.
An der Spitze ihrer Hochschätzung rangiert ein knäbisch-jungfräuliches Hinternprofil. gefolgt von »Schlankheit« und »kein Bauch«, Letztlich, Hoffnung aller Korpulenten, zählt auch noch ein »bestimmter Augenausdruck« (welcher. verdammt noch mal?).
Die Geschlechtshormone verklären die Autoren zu potenten »Chemikalien der Liebe«. Und das männliche Hormon Testosteron. das, in der Tat unisex, den Triebdruck bei Herren wie Damen ankurbelt, wird besonders ausgiebig behandelt. Ergebnis: »Was auch immer »Women"s Lib« dazu sagen mag«. trumpfen die beiden Autoren auf, »Männer haben nun mal im Schritt den stärkeren Sex-Drang -- sie haben einen stärkeren Hang zu Orgien und Pornos und sind viel häufiger polygam als Frauen.«
Andererseits sind, entgegen allen Erwartungen, Männer für romantische Liebesbeziehungen anfälliger als Frauen. Gerade junge Männer aus geschiedenen Ehen oder aus der einst rebellischen Generation suchen romantische Bindungen.
Beziehungen, die sich auf Ähnlichkeit der Partner gründen. scheinen sich dabei als die dauerhafteren zu erweisen:« Das gleiche schöne Profil also«, mokiert sich die »Sunday Times«. »und gemeinsames Interesse an Briefmarken und Kierkegaard.«
Mädchen indes, die sich rar machen, spornen damit potentielle Liebhaber nicht mehr unbedingt an. Eine der amerikanischen Studien ergab, daß die meisten Test-Studenten mit dem erstbesten Ja-Mädchen völlig zufrieden waren. Begehrenswert wäre ihnen allenfalls noch ein Mädchen erschienen. das bei allen anderen erkennbar »nein« und nur bei ihnen sofort »ja« gesagt hätte.
Wilson und Nias wagen auch Prognosen. Neuerdings, sagen sie, seien die Quoten des ehelichen Beischlafs rückläufig, das Masturbieren bei Ehemännern nehme zu. Und es folgt die Prophezeiung: »Romantische Liebesbeziehungen werden weniger häufig und intensiv sein. In Zukunft werden an die Stelle von »Liebe und Ehe' andere, rationalistischere Paarungen treten.«
Dennoch sehen die Londoner Liebesforscher nicht schwarz. »Dafür werden nichteheliche Beziehungen«, so weissagen sie, »die sexuelle Liebe unabhängig und frei zum Erblühen bringen.«
Wohlan, auch diese Zukunft hat schon begonnen.