Heide Simonis, 80 - Nachruf - DER SPIEGEL
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Gestorben Heide Simonis, 80

• aus DER SPIEGEL 29/2023
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Werner Schuering

Schon zu Lebzeiten war die SPD-Politikerin sicher, was der Pastor dereinst an ihrem Grab sagen würde: »Hier ruht die Frau, die viermal nicht gewählt wurde.« Viermal hatte ein Verräter oder eine Verräterin aus den eigenen Reihen Heide Simonis bei der Ministerpräsidentenwahl am 17. März 2005 im Kieler Landtag die Unterstützung verweigert und die im Lande populäre Ministerpräsidentin durch einen, wie sie sagte, »hinterhältigen Dolchstoß« politisch erledigt. Jener Donnerstag markierte das demütigende Ende einer politischen Karriere, in der die 1943 in Bonn geborene Simonis in vielerlei Hinsicht Maßstäbe gesetzt hatte – als Haushaltsexpertin im Bundestag, als Finanzministerin und Ministerpräsidentin in Schleswig-Holstein. Zwölf Jahre lang hatte sie als erste Frau ein Bundesland regiert. Tief enttäuscht zog sich Simonis aus der Politik zurück, die, wie sie in entwaffnender Offenheit zugab, immer auch eine Art Droge war: »Wenn mich auf fünf Schritte keiner erkennt, werde ich depressiv.«

1976 kam die Diplomvolkswirtin als jüngste Abgeordnete in den Bundestag und machte sich schnell einen Namen. 1988 wechselte Simonis in die Landespolitik, zog nach Kiel und wurde Finanzministerin im Kabinett des damaligen SPD-Hoffnungsträgers Björn Engholm. Er fiel 1993 über eine Falsch­aussage in einem Untersuchungsausschuss, sie trat seine Nachfolge an. Als sie bei der Eröffnung der Kieler Woche viel Spaß wünschte und »macht keinen Scheiß« hinzufügte, wurde sie zur Minister­präsidentin der Herzen. Wie hart Simonis sein konnte, zeigte ihr haushaltspolitischer Konsolidierungskurs, der Schleswig-Holstein vorübergehend zurück in die Reihe der Geberländer beim Länderfinanzausgleich brachte. Dass all dies von der »Heide-Mord« genannten Niederlage bei der Wahl zur Ministerpräsidentin überschattet wurde, war ein traumatisches Erlebnis. Es hinderte Simonis aber nicht, sich fortan gesellschaftlich zu engagieren. Sie wurde 2005 zur ehrenamtlichen Vorsitzenden von Unicef Deutschland gewählt und unterstützte diverse große Hilfskampagnen in aller Welt, insbesondere für Kinder. Ihre Ausdauer und Disziplin blieben, auch nachdem sie 2012 an Parkinson erkrankt war. Sie engagierte sich als Präsidentin des Schleswig-Holsteinischen Sängerbundes und schrieb einen Kriminalroman. Als sie 2018 mit der Willy-Brandt-Medaille ausgezeichnet wurde, saß sie bereits im Rollstuhl. Heide Simonis starb am 12. Juli in Kiel.

GLA
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