Heil Hit - DER SPIEGEL
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SPRACHE Heil Hit

Der Wiener Schriftsteller Hans Weigel persiflierte die Sprache der Soziologie und der Werbung. Sein »Antiwörterbuch« erzielte einen überraschenden Erfolg.
• aus DER SPIEGEL 33/1974
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Ermutigt und inspiriert vom Dienst an der besseren Sprache«, machte sich Hans Weigel, der flinke Wiener, ans neue Werk: »Die Leiden der jungen Wörter«. Für ihn ist »der schrecklichste der Schrecken ... die Mehrheit unserer Zeitgenossen, die nicht Deutsch kann und die redet und schreibt, als sprächen und schrieben Professoren und Markthelfer durcheinander«. Die schreckliche, aber immer wieder befragte Mehrheit »simpler Zivilisten« und »kompetenter Funktionsträger«, die sich laut Weigel vor den Mikrophonen von Rundfunk und Fernsehen mit »Oldtimer-Phrasen« und »Jung-Kauderwelsch« tummelt, mag jedoch sein Buch mit dem Titel aus Kalau.

Am 5. April erschien das »Antiwörterbuch« -- ein Antiwörter-Buch, kein Anti-Wörterbuch -- des 66jährigen Schriftstellers und Molière-Übersetzers in einer Auflage von 6800 Exemplaren. Im Juli kamen weitere 3000 hinzu, und im August plante der Verlag bereits neuen Nachschub von rund 5000 Stück*.

Obschon sich die Funktionsträger, Politiker und hohen Beamten »sprachlich kaum auf der Höhe ihrer Ämter« befinden, wie Weigel aufweiglerisch moniert, sieht er nicht in ihnen und auch nicht in Professoren oder Journalisten die »Sprach-Hunnen dieses Jahrhunderts«. Hunnen sind vielmehr die »Markthelfer« mit ihrem Werbe-Deutsch, denn »sie wissen, was sie sagen« -- die Professoren nicht, weswegen sie Weigel oft »leidtun«.

Die Markthelfer« poetischer: »Barden des Körpergeruchs« oder »Psalmisten der Achselnässe«, haben laut Weigel aus der angeblichen Neuzeit das »Waschmittelalter« gemacht. Das Waschmittelalter, das für Weigel trotz aller Werbemärchen dem rechten Glauben der »Linksmünder« zu verfallen scheint, gefährdet die deutsche Sprache. »Wie nie zuvor« ist sie von »Zersetzung« bedroht.

Früher war das anders. Früher schrieben die Zeitungen »einigermaßen ordentlich« -- Karl Kraus, dem Weigel

* Hans Weigel: »Die Leiden der jungen Wörter. Ein Antiwörterbuch«. Artemis Verlag, Zürich und München: 176 Seiten; 19,80 Mark.

sein Buch gewidmet hat, weint aus dem Grabe -, und früher konnte ein junger Mann immerhin »aus der dumpfen Enge von Courths-Mahler und Ganghofer in die höheren Regionen reiner Sprache gehoben werden«.

In den höheren Regionen muß ein milder Vater wohnen: Es ist Hans Weigel, der Sprachkundige, dessen »ganz persönliche Antworten zu Buch« stehen, »als Versuch der Legung eines Ariadnefadens im Jargonlabyrinth«. Sein Ariadne-Faden ist ein Leitfaden für Gutwillige, er soll bilden und belehren -- und diese Milde bei seinem »Graben nach dem rechten Sprachschatz« nahm die sonst unkriegerische »FAZ« übel: »Manches sollte lieber tödlich wirken.«

Tödlich wirken Weigels Witze nicht, auch dann nicht, wenn er gegen Linke streitet, was er noch lieber tut, als sich über Werbe-Hunnen zu alterieren.

Das Wort »antiautoritär« gefällt ihm freilich, denn es bedeutet »Widerstand gegen ... alle, die Macht ausüben und anstreben, also auch gegen alle, die antiantoritäre Prinzipien durchsetzen wollen« -- und damit hat Weigel recht und nicht Manfred Sack in der »Zeit«, der antiautoritär mit »unautoritär« übersetzt und die Anti-Autoritären für einen eingetragenen Gesangverein hält.

Zu anderen Modewörtern des Soziologen-Jargons fallen Weigel hübsche Pointen ein: »Man verwendet das Bewußtsein gegenwärtig bis zur Bewußtlosigkeit«; »er gab mir einen Denkanstoß, daß ich taumelte«; »die Gruppe grassiert wie die Grippe«; »mit dem Plural Zwänge hört alles auf«.

Auch »elitär«, »enttabuisieren«, »Konservatismus«, »manipulieren«, »Repression«, »schulisch«, »signifikant« glossiert Weigel mit bedenkenswertem Spott, wenngleich manches unvollständig bleibt. So will er Repression überall durch »Unterdrückung« ersetzen. Aber als Modewort ist Repression über Herbert Marcuse aus dem Englischen entlehnt, und da bedeutet es auch »Verdrängung": Erst die Ambivalenz des Begriffs erlaubt der Ideologie, die individuelle Verdrängung immer auch als Ausdruck sozialer Unterdrückung hinzustellen.

Bei »motivieren« und »umfunktionieren« trifft Weigel ins Schwarze: »Motivieren heißt begründen, erklären, ein Motiv nennen. Man motiviert, man hat motiviert, aber weder wird noch wurde jemand motiviert.« Motivieren ist eben nicht mit bewegen identisch, wie das Soziologen-Deutsch vorgibt. Ähnlich steht es mit umfunktionieren: Jemand oder etwas funktioniert, aber niemand und nichts wird funktioniert, also auch nicht umfunktioniert.

Erstaunlich ist Weigels Auskunft, das Wort »Image« decke »einen Bedarf«. Ein Markthelfer hätte nicht besser argumentieren können. Und die Sprachtarantel »Image-Kosmetik« hält der Meister für »besonders witzig und treffend«, Damit aber »liegt« auch sein »Ohr am Herzschlag des Konsums«, wie er den Werbe-Hunnen vorwirft.

In anderen Fällen wieder plagt ihn die Ideologie des Waschmittelalters. So hat Weigel die »Demokratisierung« satt, zumindest das Wort. Es deutet für ihn an, »daß wir uns nicht innerhalb der Demokratie bewegen«. Das trifft zu, weil Radikale gern die parlamentarische Demokratie als Klassen-Diktatur ausgeben. Es trifft aber auch nicht zu, denn Demokratisierung heißt ebenso: mehr Demokratie -- und das stünde Institutionen und sogar Redeweisen, etwa von Richtern in Gerichtssälen, auch in einer Demokratie gut an.

Ebenso scheut Weigel das Wort »Diskussion«. Er behauptet, die Demokratie sei besser als ihr angeblicher Inhalt, eben die Diskussion, sie erfülle sich vielmehr in »Debatten«. Die Diskussion »wird angesetzt«- die Debatte nicht? Das Gespräch hingegen »findet statt« -- wird eine Diskussion angesetzt, ohne daß sie stattfindet?

Weigel im Talar der Ideologie: »In der Diskussion wird geredet, im Gespräch wird gesprochen.« Das mag sein. Doch bleibt immer denkbar, daß Menschen in Gesprächen, Diskussionen, Debatten reden oder sprechen, ohne etwas zu sagen -- genauso wie er in seinem Diskussionsbeitrag.

Manfred Sack hält in der »Zeit« diesen Beitrag für »die hilflosen Turnübungen eines Reaktionärs an einer Fiktion, die er sich dafür hergerichtet hat« -- aber Sacks Satz müßte erst einmal ins Deutsche übersetzt werden, denn das Turnen an Fiktionen findet ja -- zumindest sprachlich -- zuallererst im Kopfe des Erfinders statt.

Weigel wiederum findet Wörter, »um die uns andere Sprachen ... beneiden sollten, z. B. Weltanschauung«. Dieser Fund ist sein gutes Recht, denn bei ihm stehen Worte auch »in einem sinnträchtigen Zusammenhang« statt in Sätzen oder Redeweisen. Da macht es nichts aus, daß er sich unbehaglich fühlt, wenn die »heile Welt« wohin kommt -- »ins Gespräch kommt«.

Schließlich deckt für ihn das schöne Wort »Hit« den »notorischen Bedarf nach dem Wort für den erfolgreichen Schlager«, ein »Fachausdruck«, den er mit »Heil Hit!« dankbar entgegennimmt.

Was schreibt Weigel über »frustriert«? »Wir kommen um frustriert nicht herum.« Eben.

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