»Heilige Objekte der Evolution« - DER SPIEGEL
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»Heilige Objekte der Evolution«

• aus DER SPIEGEL 35/1991
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im sogenannten Burgess Shale, einer Schieferzone hoch oben in den Bergen von Britisch-Kolumbien, wurde vor genau 82 Jahren eine Fülle versteinerter Meerestiere aus dem Kambrium freigelegt. Den sensationellen wissenschaftlichen Rang der Entdeckung haben jedoch erst in den letzten zwei Jahrzehnten englische und irische Paläontologen ermittelt, die sich aufmachten, die eine halbe Milliarde Jahre alten Organismen noch einmal neu zu analysieren.

Was dabei herauskam, reicht aus, so glaubt nun der Harvard-Professor Stephen Jay Gould, die vertrauten Vorstellungen von einer stetig nach oben führenden und im Menschen gipfelnden Lebensentwicklung zu erledigen. In einer schwelgerischen Betrachtung über den Burgess Shale wirbt dieser derzeit prominenteste Paläontologe und Evolutionsforscher Amerikas dafür, die gesamte, wohl oder übel uns betreffende Naturgeschichte neu zu definieren**.

Was die kanadischen Rocky Mountains da hergaben, ist die bislang üppigste Spur höher organisierten Lebens aus dem Kambrium. Gould mißt ihr größeres Gewicht bei als der Entdeckung der Dinosaurier und der frühesten menschlichen Gebeine. Das hat etwas mit dem Zustand der Burgess-Fossilien zu tun. Noch nie sind wirbellose Tiere aus der Vorzeit so bis ins feinste Detail ihrer Weichteile inklusive Darminhalt erhalten gewesen. Darüber hinaus erregt den Paläontologen Gould die unerwartete anatomische Vielfalt und biologische Komplexität dieser Fauna aus der ersten gewaltigen Expansionsphase des Lebens auf der Erde.

Beweist das alles doch, wie schnell das aus dem präkambrischen Schlamm aufsprießende Leben sich schon zu enormer Perfektion und Diversifikation verästelt haben muß. Gould geht so weit, bei der Betrachtung der mutmaßlich bei einer kambrischen Umweltkatastrophe erstarrten Krabbel-, Kriech- und Schwimmwunder von »heiligen Objekten« zu sprechen.

Für Charles Doolittle Walcott, den ruhmreichen amerikanischen Paläontologen, der 1909 die ersten Funde von dort oben ins Smithsonian Museum von Washington gekarrt hat, waren sie das ** Stephen Jay Gould: »Zufall Mensch«. Hanser _(Verlag, München; 380 Seiten; 49,80 Mark. ) _(* Im Burgess Shale. ) keineswegs. Er hat sie pauschal und unbedenklich für Vorläufer späterer und heutiger Arten erklärt. Und das, obwohl schon mit den damaligen Methoden erkennbar gewesen wäre, wie sehr sich die Anatomie des hier Versteinerten von allem Vergleichbaren abhob.

Von Gliederfüßlern, mit denen der Vergleich sich anbot, gibt es reichlich eine Million Arten, und sie lassen sich vier Hauptgruppen zuordnen. Doch allein zwei Dutzend der erst einmal überwiegend für Gliederfüßler oder Würmer gehaltenen Burgess-Tiere sind anatomisch soviel opulenter ausgestattet, daß sie in keine der Gruppen passen.

Beispielsweise befindet sich unter ihnen ein winziges Panzertier, das anmutet wie eine surreale Gondel auf 14 spitzen Stelzen. Hallucigenia taufte es der Wiederentdecker. Es gibt »Opabinia«, eine Art Garnele mit Rüssel und fünf Augen. Es gibt »Anomalocaris«, ein Zangentier mit kreisrundem Maul und Riesenaugen. Und es gibt ein biegsam feingeripptes Wesen, das Walcott seinerzeit für einen Ringelwurm gehalten und »Picaia gracilens« gestempelt hat.

Jetzt erst begreifen die nachmessenden und nachschürfenden Enkel seines Fachs, daß sie es da offenbar mit dem allerfrühesten Entwurf eines Wirbeltiers zu tun haben. Gould spinnt das aus: So bald also schon sei eine Spur von dem im Schlamm gewesen, was dereinst den Menschen möglich machen sollte.

Er glaubt zu wissen, wieso der Entdecker Walcott damals seine Ausbeute derart hat mißverstehen können. Auch in dessen Kopf habe eben ein elitäres Schubladensystem die Urteile vorgegeben. Eines, das die dem Menschen genehme, weil zum Menschen heraufführende Evolutionsleiter bestätigt.

Weil »die Welt einen für uns Menschen erfaßbaren Sinn« haben solle, darum, meint Gould, werde aus einer in Wahrheit schon sehr frühen und üppigen Verzweigung der Lebensevolution im Grunde bis heute »eine einzige Linie des Fortschritts« herausgelesen.

»Das Leben«, so verlange es dieses Konzept, »beginnt mit dem Beschränkten und Einfachen und schreitet dann ständig aufwärts zu einem Mehr und, als natürliche Folge, zum immer Besseren.« Selbst von den ausländischen Übersetzungen der Bücher Goulds, in denen eben diese Topographie der Aufwärtsentwicklung ad absurdum geführt wird, erschienen manche, ehe sich der Autor versah, mit Titelbildern, die wie gehabt im Menschen gipfeln.

Nun aber wird, wenn es nach Gould geht, Schluß gemacht mit dieser »törichten Vorstellung«. Jene »schmuddeligen kleinen Geschöpfe von einem 530 Millionen Jahre alten Meeresboden«, findet er, machen das leicht. Hallucigenia, Opabinia und besonders Picaia, das präsumtive Wirbelwesen, dürfen uns nicht Hekuba sein. Diese kambrischen Lebensbeweise mindestens ebenso wie die Gerippe der 465 Millionen Jahre später ausgelöschten Dinosaurier erteilen uns im Geiste Goulds eine Lektion zu dem großen Schicksalsthema der Evolution, das »Ausmerzung« heißt. Zahllose überaus taugliche und frühverzweigte Ansätze der Lebensevolution haben, darauf läuft das hinaus, nur deshalb nicht weitergeführt, weil ein kosmischer oder geologischer Zwischenfall sie aus dem Fitneß-Rennen herausbeförderte.

Was übrigblieb, seine Chancen behielt oder sie dann erst richtig bekam, sei, folgert Gould, mitnichten das Tüchtigere oder gar Höhere. Eher schon sei es Nutznießer eines unverdient besseren Loses in der Lotterie der Evolution.

Natürlich zielt der wortmächtige Fossilien-Kommentator aus Harvard auf uns. Ist der Mensch für ihn keine höhere Spezies mehr, so verdient er ja doch weiterhin höchstes Interesse. Gould also weist uns via Burgess Shale ein in das, was wir uns bequemen müssen zu sein: »Der Zufall Mensch«. Immer wieder neu versetzt er sich so um die 500 Millionen Jahre zurück und zeigt, wie überaus unwahrscheinlich das Auftauchen von Selbstbewußtsein gewesen, wie verstiegen die Einbildung ist, so habe es kommen müssen und könne sich so noch einmal herausmutieren.

Da es uns immerhin gibt, müsse, so rechnet er andersherum, nach jener Katastrophe, über die der Burgess Shale Meldung erstattet, von der Spezies Picaia gracilens wenigstens soviel übriggeblieben sein, daß es weitergehen konnte bis zu dem Rückgrat, welches schließlich den Menschen möglich werden ließ.

Seine Phantasie bedient ihn wie eine Wünschelrute. Dazu animiert wohl das Dunkel, in dem die Paläontologen sich durch die Erdzeitalter tasten. Gould spult zurück, was er »das Band des Lebens« nennt. Jede erneute Bespielung kann nur gedacht werden wie ein pausenloses Auswerfen von 1024 Würfeln mit jeweils unausdenklichen schwindelerregend anderen Ergebnissen.

Es sieht aus, als schrumpfe Darwins kategorischer Leitgedanke einer fortwährend Arten formenden oder Arten verzehrenden Anpassungskonkurrenz zur Quantite negligeable angesichts der von Gould aufgeblätterten Schicksalspartitur. Die ausschlaggebende Ursächlichkeit und Richtungsbestimmung in der Entwicklung der Arten sucht er nicht mehr in den ehernen Prinzipien der Natur, sondern im Einwirken des Unberechenbaren, Zufälligen, dessen, was er Ereignis nennt oder »Kontingenz«.

In der Evolution entscheide sich letztlich alles wie in einem Roman von Tolstoi durch solche schicksalhaften Impulse, die von ungefähr und von außen kommen. Geschichtlichkeit regiere auch sie, genauso wie Kulturen und Dynastien.

»Wie ein Königreich verlorengehen kann, weil es an einem Hufnagel gefehlt hat«, so Gould, bestimme »das unmittelbare Ereignis« über Aufstieg und Abgang von Arten. Fast alle seien sie wieder verschwunden, und der Mensch werde keine Ausnahme sein.

Ihm selber, sagt der krebskranke Paläontologe Gould, vermittle die Einsicht in die Verkettung unerhörter Zufälle, welche ausgerechnet unsere Art möglich gemacht habe, Freiheit, nicht Leere. So erst werde die unvermeidliche Wirksamkeit allen Handelns begreifbar, die »Erlaubnis, an der Geschichte teilzunehmen«. _(* Rekonstruktion durch Charles E. ) _(Knight, 1940. ) Das sei etwas, worauf »unsere Psyche reagiert«.

Etwas bleibt anzumerken. Unvorhersehbare Ereignisse, sie fallen nicht nur, ja nicht einmal vorwiegend von außen ein. Es wird das Schicksal wie das Ende von Arten ausgiebig und still durch verborgene Wechselfälle und Schaltungen im Zellkern beeinflußt. Heutige Molekularbiologie, die sich auf mehr als Versteinerungen stützen kann, bietet dafür reichlich Hinweise. An ihren Erkenntnissen hat Gould wohl nicht von ungefähr vorbeigesehen.

Wenn aber Arten in sich selber, nämlich genetisch, erlöschen oder den Keim für ganz neue Arten entwickeln können, ist dann nicht doch darwinistische Auslese ausschlaggebend für die Geschichte des Lebens?

** Stephen Jay Gould: »Zufall Mensch«. Hanser Verlag, München; 380Seiten; 49,80 Mark. * Im Burgess Shale.* Rekonstruktion durch Charles E. Knight, 1940.

Peter Brügge
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