Heiliger Haufen - DER SPIEGEL
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Beutekunst Heiliger Haufen

200 000 Bände der Dresdner Landesbibliothek wurden 1946 nach Rußland verschleppt. Kehren sie zurück im Tausch gegen neue Bücher?
• aus DER SPIEGEL 24/1995
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Den Transport zahlte die Deutsche Bank: Wertvolle Druckwerke aus dem 16. Jahrhundert, allesamt aus den Beständen der Russischen Staatsbibliothek in Moskau, reisten im vergangenen Herbst nach Frankfurt. Der Zweck des Unternehmens: eine Ausstellung, in der die »Verbundenheit des intellektuellen Russen mit der abendländischen Kultur« demonstriert werden sollte.

Die edlen Bände, so erklärte der Ausstellungstext, seien um die Jahrhundertwende von »durch Europa reisenden Russen, die überwiegend dem Adel angehörten«, gesammelt worden - eine äußerst wohlwollende Umschreibung.

Jochen Stollberg, einst Bibliothekar an der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden und seit 1986 im Westen, erkannte beim Besuch der Frankfurter Schau »mindestens 30« Prachtbände mit Signaturen seiner alten Wirkungsstätte. Tatsächlich hatten sowjetische Beutekommissare 1946 mehr als 200 000 Bücher und Handschriften der Dresdner Bibliothek abtransportiert. Keine andere deutsche Bibliothek erlitt ähnlich hohe Verluste.

Nun ist Wolfgang Frühauf, 49, Direktor der Sächsischen Landesbibliothek, seinen Büchern nachgereist. Bei einem Besuch in Moskau, Mitte Mai, hat der Dresdner die Lage sondiert und nach Wegen gesucht, auf denen der Bücherschatz 50 Jahre nach Kriegsende wieder in die Heimat gelangen könnte.

Das Ergebnis der Recherchen: Noch ist die russische Seite zerstritten. Igor Filippow etwa, Chef der Russischen Staatsbibliothek, will sich von seinen Dresdner Büchern vorerst nicht trennen. Jekaterina Genijewa hingegen, die Direktorin der Bibliothek für ausländische Literatur, wäre gern großzügiger und gesteht, daß die russische Praxis »gegen internationales Recht« verstoße, im übrigen nützten die alten Bücher den Russen auch wenig.

Endgültig entschieden wird über die Rückgabe durch das russische Parlament. Aber »von größter Bedeutung«, weiß Frühauf, werde dabei die Haltung der russischen Bibliothekare sein. »Und genau hier müssen wir ansetzen«, meint der Kollege aus Dresden, »wir müssen ihnen das geben, was sie wirklich brauchen, nämlich neue wissenschaftliche Literatur.«

Um ihre Ansprüche zu untermauern, berufen sich die Dresdner auf ein Dokument der Sowjets: Am 4. Mai 1946 befahl der Chef des Stabes der Sowjetischen Militäradministration, Generalleutnant Michail Dratwin, »entsprechend der Zugehörigkeit 998 Kisten mit Büchern an die Sächsische Landesbibliothek und die Höhere Technische Lehranstalt in Dresden« zurückzugeben.

Zuvor hatten sowjetische Beutekommissare eben diese Bücher, die auf den Schlössern in der Umgebung der sächsischen Hauptstadt ausgelagert waren, requiriert und zum Bahnhof Radeberg gebracht. Doch Dratwins Befehl blieb folgenlos. Drei Tage später, am 7. Mai, rumpelten die Kisten in Güterwaggons gen Moskau.

Zu den kostbarsten Stücken zählten 985 Druckschriften aus der Werkstatt des berühmten Renaissance-Buchbinders Jakob Krause. Bis in den Zweiten Weltkrieg hinein wurden sie im Allerheiligsten _(* Mit dem Faksimile einer aus den ) _(Beständen der Sächsischen ) _(Landesbibliothek geraubten Druckschrift. )

der Landesbibliothek, dem Zimelienzimmer im Japanischen Palais, ausgestellt. Goethe und Schiller besichtigten einst die edle Sammlung, auch Lord Nelson und Napoleon I.

Nicht alle Bände fielen freilich in die Hand der Eroberer. Bibliothekar Helmut Deckert spürte 1946 noch einige Schätze im Hof von Schloß Schieritz bei Riesa auf: »Von einer wertvollen Handschrift fand ich Reste an einen Nagel gespießt als Toilettenpapier auf dem Klo; andere lagen zerfetzt, verdreckt oder mit abgerissenen Einbänden herum.« Unter den Restauratoren galten sie seither als »heiliger Haufen«. Historische Karten, erinnert sich Deckert, »hatten die Besatzungssoldaten zur Polsterung in ihre Betten gestopft«.

Von den in die Sowjetunion geschafften Büchern gelangten 1958 etwa 5700 Stück wieder nach Dresden. Weitere Bände, so behaupteten die Russen, seien nicht mehr auffindbar.

Erst im Juli 1990 bestätigte ein Sprecher der Leninbibliothek in einem Interview mit Moskowskije nowosti das »Vorhandensein von Beständen der Sächsischen Landesbibliothek«. Wertvolle Bände, so erklärten russische Bibliothekare, seien jedoch von Mitarbeitern des KGB umsigniert worden - allerdings so schlampig, daß ihre wahre Herkunft erkennbar blieb.

Im Mai 1993 schließlich schien die Rückkehr der Dresdner Bücher beschlossene Sache. Eine deutsch-russische Expertenkommission hatte ein Protokoll mit »Maßnahmen« zur »Rückführung kriegsbedingt verlagerten Kulturgutes« vorgelegt. Bis zum 15. Juni desselben Jahres sollten beide Seiten unterzeichnen - die Unterschrift der Russen fehlt bis heute.

Direktor Frühauf ist denn auch des Wartens müde. Seine jüngste Idee, ein Handel Buch gegen Buch, dürfte zwar in Bonn und bei den ebenfalls auf Beutekunst wartenden Kollegen auf Kritik stoßen. Doch eine Alternative sieht er nicht: »Wenn wir den Russen keinen Ersatz für unsere Bücher liefern, sehen wir die so schnell nicht wieder.«

Vorerst ist das Projekt allerdings nicht mehr als eine große Goodwill-Aktion: Die betroffenen Bibliotheken in Rußland dürfen jene Titel nennen, die sie aus dem Westen brauchen. Frühauf wiederum will die Bücher beschaffen und per Lkw in den Osten schicken: »Mal sehen, was dann passiert.« Y

* Mit dem Faksimile einer aus den Beständen der SächsischenLandesbibliothek geraubten Druckschrift.

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