Heiliger Strohsack - DER SPIEGEL
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Film Heiliger Strohsack

»Betty und ihre Schwestern«. Spielfilm von Gillian Armstrong. USA 1994.
• aus DER SPIEGEL 20/1995
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Früher war man etepetete, früher trugen junge Damen in Gesellschaft Handschuhe, früher rief man, wenn man sich mit einem deftigen Fluch Luft schaffen wollte: Heiliger Strohsack! Das war die gute alte Zeit.

In dieser guten alten Zeit machte mit frommem Fleiß die aus New England stammende Louisa May Alcott (1832 bis 1888, Tochter eines idealistischen, also armen, aber honorigen Reformpädagogen und Philosophen) als Schriftstellerin Karriere. Unter ihren unglaublich zahlreichen Werken, zu deren Stärken gewiß in aller Regel die Rührseligkeit gehörte, hat eines, dem sie später mehrere Fortsetzungen anhängte, ihren Nachruhm gesichert: »Little Women«, erschienen 1868.

Es ist die - deutlich autobiographisch grundierte - Geschichte von vier Schwestern, die allein mit ihrer Mutter im ländlichen Massachusetts heranwachsen, während der Vater als Pastor im Bürgerkrieg für Gott und die gute Sache der Nordstaaten kämpft. Sie enthält soviel Heiteres und Herzbewegendes, daß sich »Little Women« in den USA von Generation zu Generation als Evergreen der Literaturgattung Jungmädchen-, Backfisch- oder Teenie-Roman bewährt hat - wobei sich, zwangsläufig, das zu seiner Zeit als emanzipatorisch geltende Buch in ein Kultstück der Heile-Welt-Nostalgie verwandelt hat, das nicht trotz, sondern wegen seiner ungenierten Verkitschtheit geliebt wird.

Erstmals, so steht in Lexika, ist »Little Women« 1917 verfilmt worden, zuletzt 1978 für das amerikanische Fernsehen. In der berühmtesten Kinofassung spielte 1933 Katharine Hepburn die zweitälteste der vier Pfarrerstöchter, Jo (in der Louisa May Alcott sich selbst porträtiert hat), in einer anderen Filmversion, 1949, tat sich Elizabeth Taylor als koketter Star-Teenager in der Rolle der Jüngsten hervor.

Und daß Louisa May Alcott - halb Hedwig Courths-Mahler, halb Enid Blyton - noch immer die Mädchenherzen rührt, beweist der US-Erfolg des neuen Films, der die Frömmelei des Buches dämpft, sich aber mit allem Willen zur Treuherzigkeit dessen biedermeierliche Moral zu eigen macht: Kinder, Küche, Kirche als höchstes Lebensziel der Frau. Das wäre nicht weiter von Belang, wenn nicht lauter Frauen (statt diesem Ziel nachzustreben) das Filmprojekt zu ihrer Herzensangelegenheit gemacht hätten: Drehbuchautorin, Produzentin, Regisseurin sowie sieben Hauptdarstellerinnen mit Susan Sarandon an der Spitze, die als Mutter eine wahrhaft übermenschliche Backofenwärme ausstrahlt, und mit Winona Ryder als Jo, deren Rolle durch Anleihen an der Biographie von Louisa May Alcott zur Zentralfigur ausgebaut wurde:

Jo will Schriftstellerin werden, und damit sie das schafft, muß sie lernen, sich zur Wahrhaftigkeit ihrer Gefühle zu bekennen - doch der Film, der das erzählt, gerät niemals auch nur in die Nähe eines Moments von Wahrhaftigkeit. Natürlich spielt Winona Ryder so innig, daß kein Auge trocken bleibt, doch diesmal handelt es sich nur um die Kunst, Süßholz zu raspeln.

Übrigens heißt eines der vier Mädchen Betty. Sie ist die Unauffälligste, die Stillste und still Kränkelnde, bis sie, schluchz, schluchz, von Gott zu sich gerufen wird. Er also, wenn schon sonst niemand, wird auch wissen, warum dieser Film auf deutsch »Betty und ihre Schwestern« heißt.

Urs Jenny

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