GASTRONOMIE Heiliger Trinker
Es las sich fast wie ein Nachruf auf ein Stück Frankreich. Mit der gefühlvollen Schlagzeile »Der langsame Tod des kleinen Bistro« signalisierte der Pariser »Matin« seinen Lesern, daß die französische Trink- und Tresenherrlichkeit vom Aussterben bedroht ist.
Roland Sparfel, ein Spezialist im Dienst des Nationalen Statistischen Amtes, hatte eindeutige Zahlen zum Krankheitsbild dieser typisch französischen Mischung von Cafe und Kneipe: Von 148 370 Bistros im Jahr 1960 sind noch 76 000 übriggeblieben, gerade die Hälfte.
Vor allem auf dem Land ist der Aderlaß beträchtlich. Manche traditionsreiche Variante wie das Tanz-Cafe mit Frisiersalon oder die Kombination mit dem dörflichen Tante-Emma-Laden gehört bereits der Vergangenheit an. Die letzten »Bougnats«, die sowohl Trinkbares als auch Kohle und Holz verkaufen, sind heute Kuriositäten für Touristen.
Dabei hat Frankreich auf dem Gebiet der »Cafes, Bistros und Compagnie« (so der Titel einer Ausstellung im Pariser Centre Pompidou) eine jahrhundertealte Tradition zu verteidigen. Schon 1686 war in der heutigen Pariser Rue de l''Ancienne-Comedie das erste Cafe der Welt aufgemacht worden, das noch heute beliebte »Procope«, benannt nach seinem sizilianischen Gründer Procopio dei Coltelli.
Neu war nicht nur ein exotisches Getränk namens Kaffee, neu war der große Zuspruch, den der Ausschank bei der literarischen, politischen und philosophischen Elite fand. Im 18. Jahrhundert zählte das »Procope« zu seinen Stammgästen Geister wie La Fontaine, Rousseau, Voltaire, die Revolutionäre Danton, Marat und Robespierre, später dann Balzac, Victor Hugo, Verlaine und Anatole France.
Am Ofenrohr des »Procope« wurden regelmäßig die neuesten Nachrichten angeschlagen, was Neugierige in Scharen anlockte. Das Etablissement wurde, so heißt es in einer 1929 erschienenen Geschichte
des Hauses, »zum Treffpunkt für Faulenzer und Schöngeister, zum Nachrichtenbüro und zum Mittelpunkt von Diskussionen und Ideen«.
Das »Procope« wurde in großer Zahl nachgebaut, zunächst im Viertel Saint-Germain, später an den großen Boulevards, in immer prunkvollerer Ausstattung. Das Cafe paßte sich seiner Kundschaft an: dem Pariser Bürgertum.
Als »stille Orte, die prunkvoll mit Marmortischen, Spiegeln und Kristallüstern geschmückt sind«, definierte 1723 das »Grand Dictionnaire du Commerce« die Cafes rechts und links der Seine.
Für die kleinen Leute war das ein paar Nummern zu fein. Sie fühlten sich in einer gewöhnlicheren Kaffeehaus-Variante wohler - dem Bistro, das im 19. Jahrhundert vor allem in den Pariser Arbeitervierteln entstand. Statt Glanz und Glitter gab es da menschliche Wärme - und vor allem Hochprozentiges zum Hinunterspülen des bedrückenden Alltags.
Was Wunder, daß sich im 19. Jahrhundert auch die aufsteigende Schicht des Kleinbürgertums ihre Form des Cafes schuf: die Brasserie. Hier dominierte das Bier, nicht Kaffee oder Absinth, pseudodeutsche Gemütlichkeit und Eichentische traten an die Stelle des kalten Marmors. Zusätzliche Attraktion: die erste weibliche Bedienung anstelle der gewohnten Garcons. »Die Brasseries nach deutschem Vorbild«, berichtete 1865 die »Revue du Lyonnais«, »öffnen überall ihre Tore mit ihren artigen und keineswegs unzugänglichen Serviererinnen.«
Letztere schienen den Begriff »bedienen« zeitweilig sehr weit auszulegen. So machten die beliebten »Brasseries a femmes« etwa zur Zeit der Pariser Weltausstellung von 1867 den traditionellen Bordellen der Vergnügungsviertel ernstlich Konkurrenz.
Über die Zeiten hinweg blieb vor allem eine Tradition: das Cafe als Treffpunkt, ja Arbeitsplatz für Geistesschaffende aller Art.
Berühmt ist das Bild des Dichters Verlaine in seinem Stammcafe »Vachette«, das Glas Absinth vor sich auf dem Marmortisch, »auf den er in der Trunkenheit immer mit seinem schweren Stock zornig hieb, um sich Respekt zu verschaffen« (so Verlaine-Verehrer Stefan Zweig).
In vergleichbarer Umgebung inspirierte sich auch der österreichische Schriftsteller Joseph Roth. Sein Stammplatz war im »Cafe de la Poste«, gleich hinter dem Jardin du Luxembourg. Hier erinnert heute eine Gedenktafel an den durstigen Verfasser der »Legende vom heiligen Trinker«.
Nicht ohne Promille ging es natürlich auch bei Ernest Hemingway ab, der sich am Montparnasse in der »Closerie des Lilas« am wohlsten fühlte. In seinen Pariser Memoiren schwärmt der trinkfrohe Hemingway: »Ich konnte mich immer im Cafe zum Schreiben niederlassen und einen ganzen Vormittag vor einem Cafe-creme arbeiten, während die Ober den Saal saubermachten und kehrten.«
Spötter behaupten, ohne Cafes hätte es das Phänomen Sartre nie gegeben. Im »Cafe de Flore« etwa, an der Kirche Saint-Germain-des-Pres, hielt der Meister hof, hier arbeitete er täglich von neun Uhr morgens bis Mittag, dann wieder zwischen vier und acht, an einem Marmortischchen.
Freilich: Die Zeiten sind vorbei, da sich das berühmte »Deux Magots« nebenan auf seinen Rechnungszetteln als
»Treffpunkt der intellektuellen Elite« bezeichnen konnte. Heute dominieren hier die Touristen genauso wie im »Cafe du Dome« am Montparnasse, das der pariskundige Schriftsteller Walter Mehring einmal als »Kunstbebenzentrum der Ultra-Moderne« einstufte. Schräg gegenüber, im »Select«, hockten die Expressionisten.
Der Boheme- und Literatenglanz der feineren Pariser Cafes ist verblaßt. Doch erhalten hat sich das Bistro in seiner Funktion als eine Art Parlament des kleinen Mannes. Was dem Deutschen der Stammtisch, ist dem Franzosen der Tresen seiner Eckkneipe. Hier werden ohne falsche Bescheidenheit die Politiker beim Pastis belehrt, wird bei einem Glas Rotwein die Welt verändert.
Schon der Philosoph Montesquieu hatte das gesehen. Für ihn war das Cafe ein Ort, »wo das Gespräch die Realität schafft, wo gigantische Pläne und utopische Träume geboren werden, ohne sich von seinem Stuhl zu erheben«.
Der gleiche Montesquieu witterte dahinter aber auch Gefahr: »Wenn ich der Herrscher dieses Landes wäre, würde ich die Cafes schließen, denn die Leute, die an solchen Orten verkehren, erhitzen sich dort nur unnötig das Gehirn.«
In den »Salons der Demokratie«, so der linke Leon Gambetta über die Cafes, herrschte auch zu Zeiten autoritärer Regierungen Rede- und Phantasiefreiheit. In einem Bistro, dem »Cafe du Croissant« in der Rue Montmartre, starb bei Kriegsausbruch 1914 der Linkssozialist und Pazifist Jean Jaures, einer der bedeutendsten Politiker der Dritten Republik, durch die Kugel eines Geisteskranken.
Eine Art öffentliche Funktion haben Bistros auch heute noch, obschon sie in der Amtssprache etwas restriktiv als »Getränkeausschank« (Debit de boissons) geführt werden. So besitzen sie nahezu das Monopol für Tabakwaren aller Art. Im »Cafe-Tabac« gibt es gleichzeitig auch Briefmarken und die verhaßten Gebührenmarken zur Bezahlung von Strafmandaten. Hier werden Lotto- und Pferdewettscheine angenommen, vor allem am Sonntagmorgen, zur Stunde des kategorischen Aperitifs.
Falsch ist allerdings die verbreitete Meinung, jeder Kneipenwirt sei verpflichtet, die Toilette seines Etablissements auch Passanten offenzuhalten, die nichts bestellen. Selbst das Telephon, an dem der Wirt allemal verdient, ist nicht öffentlich. »Nur für Gäste, die konsumieren«, heißt es häufig vor dem Griff nach dem Hörer.
An der Engstirnigkeit des Patrons oder der Gereiztheit des Personals liegt es dennoch nicht, wenn die Zahl der Arbeitsplätze in französischen Bistros während der letzten zwölf Jahre um über 40 000 zurückgegangen ist. Cafe-Statistiker Sparfel führt das vielmehr auf »soziologische Veränderungen« zurück.
Nach seiner Überzeugung entsprechen die Bistros »nicht mehr einer immer spezialisierteren Nachfrage, vor allem von seiten der jungen Leute«, die auch in Paris die Hamburger-Shops bevölkern. An die Stelle der Bistros treten oft Tee-Salons, Pubs und Snacks, sowenig französische Erfindung wie der Drugstore.
Das amerikanische Monstrum fand vor ein paar Jahren sogar vor der Academie francaise Gnade, der obersten Sprachinstanz im Lande. Es darf seitdem, dank der Aussprache »Droegstor«, als französisch gelten. _(Links: im Cafe »de Flore«; rechts: im ) _(Cafe »Procope«. )
Links: im Cafe »de Flore«; rechts: im Cafe »Procope«.