Heiße Zellen - DER SPIEGEL
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FORSCHUNG Heiße Zellen

Fachleute halten die kalifornische Tat für nobelpreiswürdig: das Kreuzen von Bakterien mit Ratten-Genen zur Insulin-Produktion.
• aus DER SPIEGEL 24/1977
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Forscher selbst deuten ihr Werk als »großen Schritt voran.« Wohin?

»Zur Massenproduktion von Insulin«, erläuterte vorletzte Woche der Biochemie-Professor Howard Goodman von der University of California. Ihm und sechs Kollegen ist es gelungen, genetisches Material, das die lebenswichtige Insulinproduktion steuert, auf Bakterien zu übertragen.

Am Ende, so sehen es die Schrittmacher dieser Methode, könnten ganze Kolonien solch gekreuzter Keime kranken Menschen dienlich sein. Von insulin-herstellenden Bakterien zum Beispiel würden Millionen Zuckerkranker profitieren, die bislang auf den Bauchspeicheldrüsen-Extrakt knapp werdenden Schlachtviehs angewiesen sind.

»Diese Technologie«, so gab das »New England Journal of Medicine« in der letzten Maiwoche zu denken, »hat dieselbe Kraft, lebende Organismen zu verändern, wie es die Atomspaltung mit der Materie getan hat.«

Leitartikler Richard Goldstein, dem die Kunde von dem »wissenschaftlichen Durchbruch« ("Washington Star") in Kalifornien zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt war, kann sich im nachhinein bestätigt fühlen: Goodman und seine Mitarbeiter haben eine bakterielle Kreatur geschaffen, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat.

Nachdem sie von Ratten-Genen eine perfekte biochemische Kopie gefertigt

* Vor dem Erbmolekül eines Colibakteriums.

hatten, klinkten die Kalifornier diese in die Erbsubstanz von Darmbakterien ein. Der hierfür notwendige Platz in den Keimen vom Typ Escherichia coli war zuvor mit Hilfe von Fermenten ausgehoben worden.

Ergebnis der »Cloning« genannten Prozedur: Als die Bakterien begannen, sich wie sonst zu teilen, wurde der transplantierte Insulin-Code mitvererbt.

Schon innerhalb des nächsten halben Jahres werde es gelingen, die Darmbakterien zur Produktion von Ratten-Insulin zu stimulieren, erklärte Goodman optimistisch. »Da gibt es nichts, das muß einfach klappen.«

Seine Kollegen, unter ihnen der 33 Jahre alte Axel Ullrich, Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft aus dem südbadischen Rastatt, stimmen damit überein. 1979, so ließen sie auf einer Pressekonferenz erkennen, wären die ersten Insulin-Gene von Menschen übertragungsreif; mit der Fabrikation könne von 1982 an gerechnet werden.

Freilich: Von ihrem Fernziel, die Zellen Zuckerkranker so zu verändern, daß sie selbst genügend Insulin-Hormone bilden, wären die Gen-Veränderer auch dann noch weit entfernt. Gleichwohl könne der jetzt eingeschlagene Weg helfen, die Ursachen von Diabetes besser zu ergründen, wehrt Goodman jetzt schon seinen Kritikern. Der MIT-Professor Jonathan King etwa hatte Goodmans Gen-Manipulation prompt zum »Sicherheitsrisiko« erklärt.

Versuchen mit menschlicher Genmaterie steht einstweilen noch der amerikanische Kongreß im Wege. Entsprechend einer Empfehlung der National Institutes of Health und nach kalifornischem Vorbild, wo »gefährliche biologische Experimente« seit kurzem staatlicher Kontrolle unterworfen werden, wollen nun auch die Kongreß-Abgeordneten zumindest bestimmte Auflagen erlassen.

Voraussetzung etwa für das Verschmelzen von menschlicher Erbmasse mit Bakterien oder Viren ist der Bau ultrasicherer Labors der Kategorie

-»heißen Zellen« ähnlich, wie sie bei der Aufbereitung radioaktiver Stoffe wie etwa Plutonium vonnöten sind.

P-4-Zellen aber, aus denen keine geclonten Keime in die Außenwelt entfleuchen können, gibt es an der Goodman-Universität noch nicht. Nur eine, mit Millionen-Dollar-Aufwand installierte Anlage ist neuerdings betriebsbereit: am Sloan-Kettering-Krebsforschungszentrum New York.

Sie wurde letzten Monat in Betrieb genommen, wobei ein Ehrengast das politische Gewicht einer Zukunft mit manipulierten Genen unterstrich. Der neue Forschungszweig, meinte US-Vizepräsident Walter Mondale, werde »uns allen helfen«.

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