UNTERHALTUNG Hellers Mohrenköpfe
Über die Lautsprecher dröhnt eine schräge Mixtur aus Synthie-Pop und afrikanischer Volksmusik. Vor einem grellen Graffiti-Prospekt tanzen buntgekleidete Gestalten, deren Bewegungen zwischen Großstadthektik und archaischen Stammesritualen hin und her pendeln. Vier weißgekleidete Schwarze präsentieren, ehrfürchtig in den Bühnenhimmel starrend, einen Sklavengesang aus der Zeit um die Jahrhundertwende. Vor einer stilisierten Polarlandschaft schlägt ein Pfau Rad, tappt ein Eisbär durch die Kulissen, geben sich drei singende Pinguine ein groteskes Stelldichein.
Andre Heller - Zuckerbäcker-Sproß und Musen-Multi aus Wien - holte vergangenen Freitag im Deutschen Theater München zu einem erneuten Anschlag auf die Kunst aus. Anlaß war die Premiere seiner Nummernrevue »Body & Soul«.
Bewegen will er, wie immer, viel; mehrere Lkw-Züge transportieren den Bühnenzauber durch die Lande: Über 2000 Scheinwerfer erhellen das Geschehen, 40 Akteure beschäftigt die Regie auf der Bühne, insgesamt tragen 72 Mitwirkende zum Gelingen bei. Fast vier Millionen Mark hat das illustre Spektakel bisher verschlungen, für den auf allen Hochzeiten tanzenden Mentor eine eher bescheidene Summe.
Von Schallplatten, Film, Funk, Fernsehen, Büchern, Theater, Zirkus und Rummelplatz bestens bekannt, ließ der mittlerweile 40jährige »Berufs-Wiener« weder zu Wasser noch zu Lande mit Feuer oder in der Luft ein Show-Element aus.
Aufmerksamkeit verschaffte sich Heller durch garstige Bonmots, mit denen er ganze Landstriche denunzierte. So schmähte er seine Heimatstadt Wien als »Robert-Stolz-Wüste«, in der es »selbst ein Lipizzaner bei guter Führung zum Bürgermeister bringen kann«, Deutschland beschrieb er, fürchterlich wahr, als »einziges Land, in dem Schlagersänger so aussehen wie ihre Lieder«.
In den achtziger Jahren wandelte sich der »poetische Muskel«, wie ihn Bob Dylan nannte, zum Schaf im Wolfspelz, wurde er vom engagierten Nachdenker über etablierte Kunst zu ihrem Vordenker.
Den Berlinern verkaufte er Klangwolken, Schneeflocken und Irrgärten, den Portugiesen Knallkörper und den Amerikanern heiße Luft. Heller entwickelte sich zum rührigen Kunstgewerbler, fand seinen Platz als nützliches Glied in der Kulturlandschaft.
Mittlerweile hat er auch die Nase im Trend: Rechtzeitig bevor drei schwarze Musicals Deutschland bereisen, präsentiert er dem durch den Erfolg von Michael Jackson und Tina Turner farbenfroh gestimmten deutschen Bildungsbürgertum eine geeignete Einstiegsdroge.
Bekannte Namen wie Mercedes Ellington, die Enkelin des verstorbenen Big-Band-Altmeisters, als Choreographin, der »amerikanische Picasso« Roy Lichtenstein und Graffiti-Papst Keith
Haring wurden angeheuert, den Europäern neue Sichtweisen auf die Kunst der Schwarzen zu eröffnen. »Faszinierende Abteilungen in der Musik, im Tanz und der Bühnenablaufkunst, die über weite Strecken noch unbekannt sind«, versprach der Organisator dem ergriffenen Publikum.
In New York, über das er noch in den siebziger Jahren dichtete: »Du schwangerer Foxterrier, erhöre uns«, bemühte er sich nun höchstpersönlich um den großen Wurf. Dort wählte er Tänzer und Sänger aus, probte er mehrere Monate am Broadway. »Wir haben die erste Garnitur, die keiner kennt«, annoncierte Heller gewohnt vollmundig.
Die Palette spannt sich von dem Sänger Victor Cook, einem 18jährigen Talent, der im letzten Jahr die wichtigsten New Yorker Nachwuchswettbewerbe gewann, bis zu Marion Ramsey, deren Luxuskörper schon für sechs Folgen »Police Academy« herhalten mußte.
Gängige Broadway-Shows erwähnt der Wiener Kunstreisende nur mit Abscheu, für ihn symbolisieren sie »Klischees«, in denen sich »weißer Geschmack anbiedert«. Er selbst will zwar keinen »Sozialkitsch« zeigen, aber mindestens »die Welt der Farbigen, wie sie wirklich ist«-ausgenommen »Klischees, die ich selber wunderschön finde«. Das Resultat ist ein Tanz- und Singspiel, in dem er exemplarisch von der Sklavengeseilschaft um die Jahrhundertwende über Ballroom- und Jazz-Ära bis zu Soul und Rap schwarze Kommerzkunst verhackstückt.
Zu Melodien von Duke Ellington über Fats Waller bis Otis Redding steppen drahtige Tänzer über die Bretter, wird passabel gesungen und hübsch chargiert. Einen ästhetischen Höhepunkt präsentiert die Tänzerin Monique Jones. Zu den langgezogenen Tönen des orientalisch angehauchten Tenorsaxophonisten Yusef Lateef agiert sie in einem weiten roten Kleid vor einem Gazevorhang, hinter dem die Österreicherin Susanne Schmögner einen surrealen Bühnenraum mit überdimensionalen exotischen Tieren installierte.
Ähnlich überzeugend verläuft die Performance zweier Objekt-Menschen, die sich eingepfercht in luftgefüllte Plastikanzüge, einen grotesken - in einer erstickenden Umarmung endenden - Kampf liefern. Akustischer Mittelpunkt ist Carol Dennis Version des Titels »Body & Soul«, eines Klassikers, dem der Jazz-Großmeister Coleman Hawkins zu Ruhm und Ehre verhalf.
Leider verdunkelt sich Hellers farbige Show durch allzu viel Klischees, die über weite Strecken den Abend bestimmen. Da erinnern augenrollende Schwarze an Sechziger-Jahre-Silvestershows des deutschen Fernsehens, grinsen Mohrenköpfe ins Publikum, gegenüber denen der Strauß-Sympathisant und Schlagerasylant Roberto Blanco wie ein militanter Black-Panther-Kämpfer wirkt.
Anscheinend setzte der Meister aus Wien zu wenig auf Ironie: Falsche Demut vor der Kommerzialisierung schwarzer Kultur hat ihm die Augen verklebt und seine ungestüme Spielwut leiden lassen.
Erfolg wird der zwiespältigen Schwarz-Weiß-Malerei trotzdem beschieden sein. Von der Alten Frankfurter Oper bis zu den Wiener Festwochen haben diverse Bollwerke der Hochkultur das amerikanisch-österreichische Gesamtkunstwerk unbesehen geleast, allein im Vorverkauf wurden über 14 000 Karten losgeschlagen. Für eine unfertige Show ein überzeugendes Votum.