HELLIDAY ON ICE - DER SPIEGEL
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FERNSEHEN / Telemann HELLIDAY ON ICE

• aus DER SPIEGEL 12/1963
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wann immer der TV-Schaffende dem TV-Schauenden elektronisch begegnet, zeigt er ihm ohne Scheu seine aufschlußreichste Körperpartie, sein Antlitz.

Der Zusammenprall von Tätigkeitsform und Leideform des Fernsehens geschieht frontal.

Nur einer bietet uns die nackenhaarige Kehrseite, allenfalls ein schwer wiedererkennbares Profil: der 33jährige Jurist und Diplompsychologe Helmut ("Helli") Pagel; seines Vorlebens Unterhaltungsoffizier auf schweizerischen Überseedampfern, Stations-Manager der »Swissair« in Amsterdam und Aufnahmeleiter beim amerikanischen Fernsehen; seit knapp zwei Jahren Regisseur und Lock-Spaßvogel der WDR-Serie »Vorsicht, Kamera!«.

Seine optische Zurückhaltung ist verständlich. Denn das einzige, was den Fortbestand der Reihe gefährden könnte, wäre nicht, wie man nach etlichen Aufrufen zu scherzschöpferischer Mitarbeit meinen sollte, die galoppierende Ideen-Schwindsucht, sondern Hellis Aufstieg zum bundesbekannten Autogrammstar.

An spaßigen Einfällen herrscht schon darum kein Mangel, weil »Vorsicht, Kamera!« eine erdumspannende TV-Unternehmung ist. Von den USA, wo sie vor sieben Jahren unter dem Firmenzeichen »Candid Camera« (Aufrichtige Kamera) gegründet wurde, führen Lizenz-Fäden nach England, Japan und der Bundesrepublik, und die Geschäftsbeziehungen schließen, außer einem regen Abtausch von Gefahren und Erfahrungen, auch den Wechsel von Fertigprodukten ein. So erschienen bereits - mit Untertiteln - vier deutsche Schnapp-Scherze auf amerikanischen Röhren.

Freilich, nicht sämtliches, was Angelsachsen Schadenfreude macht, wäre für hiesige Humorverhältnisse passend. Etwa die Episode, die Hell Pagels britischer Kollege, Jonathan Routh, kurbelte: Ein Passant wird mit würdiger Trauergebärde gebeten, für ein paar Minuten auf einen Sarg achtzugeben. Kaum ist er allein, ertönen aus dem Sarginnern Klopfzeichen.

Bei uns werden dem Ahnungslosen pietätvollere Gefälligkeitsdienste abverlangt: einen angeleinten Schoßhund zu beaufsichtigen (der heimlich gegen eine Dogge vertauscht wird), eine fußkranke Dame auf Händen zu tragen, deren Begleiter »mal rasch telephonieren muß« (und nicht wiederkehrt), oder einen auf einer Parkbank »festgefrorenen« (in Wahrheit festgenagelten) Wintermantel samt Besitzer zu befreien. Und damit alle Welt sehe, daß hierzulande der Frohmut zu Hause ist, filmt man - im Gegensatz zu Amerika und England - auch noch die gute

Miene der Gefoppten zum boshaften Spiel.

Solche veranstalterische Mäßigung im Verein mit dem Umstand, daß die Sendung vom angelsächselnden Plattenjockei Chris Howland präsentiert wird, bewirkt, daß von 100 Düpierten nur zwei die Veröffentlichung ihres Reinfalls verweigern, und hält den Aufwand an Trostpflastern niedrig. Eine Damenhandtasche für 200 Mark war die bislang kostspieligste Buße.

Die Schwierigkeiten liegen in der Vorbereitung.

Mit der Kamera kommt man schlecht und recht zu Rande. Man kann sie hinter Fenstergardinen oder in parkenden Autos postieren. Einziges Handikap: Das Gesicht des Opfers muß unauffällig in Richtung Tele-Objektiv gedreht werden.

Größeren Einfallsreichtum erfordert in geschlossenen Räumen das Beleuchtungsproblem, da man zu Filmaufnahmen mehr Licht benötigt, als eine gebräuchliche Zimmerlampe spendet. Ausweg: ein Kurzschluß. Die »kaputte« Birne wird durch eine neue, stärkere ersetzt; ein verborgener Transformator sorgt innerhalb von fünf Gewöhnungsminuten für die richtige Helle.

Die meiste Sorge bereitet der akustische Schabernack-Anteil, der über einen am Körper des Fragenstellers versteckten Miniatursender eingefangen wird. Hier bedurfte es zeitraubender Erfahrung, um wenigstens die schlimmsten Störungsursachen (benachbarte Staubsauger, Elektro-Kaffeemaschinen) aufzuspüren.

Daß die Einfälle oft witziger anmuten als die Reaktionen der Betroffenen, erklärt sich Pagel so: »Das Publikum ist vom Film verwöhnt, wo Gefühlsäußerungen von Schauspielern dargestellt werden. Ich bin froh, daß die Leute bei mir so sparsam reagieren. Es beweist, daß nachts gestellt ist.«

Nur ein Übel läßt sich nicht beheben: Die Sendereihe kommt trotz Hellis physiognomischer Diskretion immer mehr ins Gerede. Schon jetzt könnte sich dies begeben:

Ein altes Mütterchen trippelt, weil es den Weg zum Wohlfahrtsamt abkürzen will, quer über märzmorsches Eis, bricht ein, versinkt. Luftbläschen blubbern.

Am Ufer große Aufregung. Beherzte schicken sich an, das Mütterchen zu retten. Doch ein Gewitzter zügelt solch vorschnelle Hilfsbereitschaft mit dem Warnruf: »Vorsicht, Kamera!« - worauf des erleichterten Lachens schier kein Ende wird.

Merke: »Wär' ja ein Stein, wer nit wollt lustig sein« (Spruch an einem alten Hausgerät).

telemann
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