Hello, Goodbye
Die Frage war immer: Treten die Beatles noch einmal zusammen auf? Jetzt haben wir die Antwort: Nein, niemals - nevermore. John Lennon ist tot. Irgendein gottverdammtes Arschloch hat ihn umgelegt. Das Motiv? Warum ein Motiv? Man steht eines schönen Tages auf, kauft sich an der nächsten Ecke 'ne Knarre und ballert das Magazin leer. Es ist in New York mittlerweile sogar modern, auf einen Fluchtversuch zu pfeifen. Man läßt sich festnehmen, gesteht die Tat und lacht dabei den Pressephotographen so seelenruhig ins Blitzlicht, als handle es sich um ein Debüt im Showgeschäft - auch Mord ist dort nur Illusion.
Man versteht nichts, wollte man noch irgend etwas begreifen wollen. Alles ist sinnlos - das Sinnlose macht die Tat erst logisch. Nothing is real - nicht nur in den Erdbeergefilden der Phantasie, sondern erst recht im New Yorker Alltag. Aber natürlich erwischt es nicht jeden Tag einen, der schon unsterblich war, bevor er recht erwachsen wurde.
Ein Idol umzulegen ist Massenmord. Der Mörder muß 'ne Menge Spaß gehabt haben. Die Todesschüsse trafen eine ganze Generation verwelkender Blumenkinder -Schock beschleicht auch die müdesten Knochen, Ernüchterung drückt jedes High nach unten. Strawberry fields forever. Trauerarbeit über Kopfhörer.
Wäre John Lennon nur einfach, sagen wir, ertrunken, seine Fans hätten sich schon von allein die bessere, die glaubwürdigere Antwort zugeflüstert: Er lebt und hat auf der Yellow Submarine angeheuert. Wäre er an einer schlechten Droge krepiert, es wäre dann eben nur der standesgemäße Betriebsunfall gewesen. Da versteht man Spaß. Wäre er am letzten Montag von der Freiheitsstatue gesprungen - der Werbegag für seine gerade erschienene LP hätte ihn nur das Leben gekostet - na ja.
Aber, Lady Madonna, einfach umgenietet zu werden von einem armselig Verrückten, dem es nicht gefiel, daß er Lennons Autogramm, um das er ihn ein paar Stunden vor dem Mord gebeten hatte, so unleserlich fand?
Ob la di - ob la da? Was tun, da nichts, restlos nichts mehr zu verstehen bleibt? Life is very short hat er gesungen. Natürlich, das war beste Tradition. Kein langes Leben, nur das nicht. Erst die vielen Opfer machten ja den Rock'n'Roll so herrlich authentisch.
Nur: Lennon dachte längst anders, und sein Tod paßt da nicht hinein ins Konzept willkürlicher Vollendung. Das war keine frivole Konsequenz, rechtzeitig auszusteigen wie Sid Vicious oder Janis Joplin; kein tragisches Alleinsein im Tod, wie sich uns das Ende von Jimi Hendrix verklärt hat. Ganz zu schweigen von den jungen Leichen, die millionenschwer und weggepustet auf dem Grund ihres Swimmingpools gefunden wurden.
Dabei gab es ja eine Zeit, da waren John, Paul, George und Ringo wirklich in Lebensgefahr. Die Mädchen hätten die Beatles doch am liebsten gevierteilt vor lauter Sehnsuchtshysterie. Es mußten Polizeisperren und Tausendschaften von Ordnungshütern her. Sie überschwebten zwar unsere lieben sechziger Jahre wie eine Morgensonne, aber auf Erden blieben sie gehetzt von allen Furien.
Lange her - Erinnerungen an eine Zeit, als der Haarschnitt noch in den Bereich »elterlicher Gewalt« fiel, als diese vier Liverpooler das grauenhafte Grau dieser Welt so kinderleicht und rotzfrech in immer buntere Explosionen zersprengten mit kreischenden Kopfstimmen. Lange her. Sergeant Pepper zuckert. Der Paperback Writer kassiert Tantiemen. Der Peitschenhieb ihrer Gitarren hat schon die Streicher auf den Plan gerufen. Alles hat sich sublimiert zu melodischen Ohrwürmern.
Wie friedlich alles geworden war - bis die Schüsse fielen. Natürlich hat keiner allen Unsinn so gekonnt beherrscht wie John Lennon - auch das Marihuana, das er rauchte, war auf seinem Mist gewachsen -, aber mußte es deshalb mit ihm ein so sinnloses Ende nehmen? Gerade um ihn, um diesen schwierigsten, talentiertesten der Beatles, war es doch besonders still geworden. Er war, was er sein wollte: Privatmann, Ehemann, Familienvater. Eine langsame Abblende - niemandem verantwortlich, auch wenn eine Millionenschar nach immer neuen Beatles-Ewigkeiten verlangte.
Vorbei die Guru-Allüren. Keine Give peace a chance-Predigten mehr. Keine poetischen Happenings, die aller Welt seine gnadenlose Liebe zu Yoko Ono beweisen sollten. Wenn ich an ihn dachte, lag er mit Frau und Kind im Bett, schaute fern und las in Comics. Er wollte nicht den Solo-Herausforderer spielen, größer werden noch als vor zehn Jahren. Es gab nichts mehr zu beweisen - es sei denn, daß Erfolg (in welcher Größenordnung auch immer) zu verdauen ist.
In einem kalifornischen Gefängnis sitzt einer, der hat Mordbefehle gehört, als er die Beatles (auf ihrem weißen Album) Happiness is a warm gun singen hörte; er hat nicht gezögert und aufgeräumt wie ein falsch programmierter Jesse James.
Sein Name: Charles Manson.
Die Plattenteller drehen sich. Die Zeit steht still. All you need is love - und: We can work it out. Lauter Grabinschriften.
»Die Beatles und ihre Musik« -das klang schon vor einem Jahrzehnt wie ein Nachruf - »haben den Rhythmus der Welt von heute eingefangen.« Am Ende aber blieb die alte Welt von morgen, die Welt des alltäglichen Überlebens, wozu gerade in New York jedes Verbrechen gut ist; die Welt des Wahnsinns, wo einer nur dem Rhythmus aus dem Trommelrevolver vertraut, dem Rhythmus des Dschungels, der auch dem Nowhere man John Lennon seinen Platz zuweist - einen Platz unter der Erde.