MODE Herr der Raupen
Für eine Crepe-de-Chine-Bluse vom Pariser Modepapst müssen westdeutsche Saint-Laurent-Fans in den »Rive-Gauche«-Boutiquen des Meisters mittlerweile rund tausend Mark anlegen.
Wer das zu teuer findet und dennoch auf den Laurent-Look nicht verzichten will, kann die Bluse mitunter zum Schleuderpreis von rund 250 Mark erstehen - als eine bis ins lezte Detail perfekt geschneiderte Kopie: gleicher Schnitt, gleicher Stoff, gleiches Muster. Einziger Unterschied zum Original, abgesehen vom Preis: Auf dem Etikett im Kragenbündchen steht statt Yves Saint-Laurent der Name des Kopisten Jack Mulqueen.
Was in der ganzen Branche oft genug heimlich praktiziert wird, das betreibt der 40jährige New Yorker Textil-Industrielle Mulqueen offiziell und ungeniert. Er kupfert hemmungslos ab, und zwar am liebsten die gängigsten Entwürfe der großen europäischen Designer wie Saint-Laurent und Lagerfeld, Armani, Montana, Valentino und Versace.
Kaum haben die Modemacher in Paris oder Mailand eine neue Kollektion präsentiert, kaum sind die ersten Photos der neuen Kleider in der »Vogue« erschienen, bringt Mulqueen bereits Billigkopien der Seidenblusen und Seidenkleider auf den Markt - mit sicherem Blick für das, was sich auch wirklich gut verkauft. Die teuren Designer-Originale werden oft erst Monate später in den Geschäften angeboten.
Sein Tempo, bei dem nach Mulqueen »die Ladenkasse nicht aufhört zu klingeln«, hat ihm unter anderem den Beinamen »Fast Jack« ("Der schnelle Hannes") eingebracht. Im letzten Jahr machte Fast Jack mit seinen Mitschnitten immerhin einen Umsatz von 200 Millionen Dollar.
Mulqueen selber sieht sich als eine Art Freibeuter der Mode im Dienste all jener Frauen, die ohne ihn von den Kreationen der Star-Couturiers allenfalls träumen könnten. Denn die hätten, meint Mulqueen, ihre Preise mittlerweile »vom Erhabenen ins Lächerliche« gesteigert.
»Wir hingegen«, rühmt sich der schnelle Hannes, »machen für die Durchschnitts-Verdienerin ein Produkt für 200 Dollar erschwinglich, das nach 1200 Dollar aussieht.« Dafür nähmen Frauen gern in Kauf, daß die Mulqueen-Seide nur dreifädig und nicht fünffädig gesponnen ist wie bei der Edel-Vorlage. Auch auf ein paar Zentimeter Stoff weniger, etwa bei der Rockweite, komme es ihnen dann nicht an.
Auf lange Sicht rechnet Mulqueen nicht nur mit dem stillen Einverständnis der betroffenen Stylisten, er rechnet sogar damit, daß die Laurents oder Lagerfelds irgendwann an den Kopien mitverdienen wollen und ihm Lizenz-Verträge anbieten. Mit seiner Landsmännin Mary McFadden und mit der englischen Modemacherin Zandra Rhodes ist er in diesem Sinne schon handelseinig geworden.
Valentino, dessen Topmodelle Mulqueen anfangs besonders häufig kopierte, gab ihm im Herbst 1981 die Lizenz für eine ganze Studio-Kollektion. Als die jedoch nicht wie erwartet einschlug, verlegte sich Mulqueen fortan lieber wieder
- unverbindlich - aufs unlizensierte Kopieren einzelner Erfolgsmodelle.
Für seine Nachahmungen braucht Fast Jack keinen Original-Schnitt. Ein beim Durchblättern der »Vogue« herausgerissenes gutes Photo eines Chloe-Kleides etwa genügt. Von diesem Zeitpunkt an läuft die Mulqueen-Kopieranstalt auf Hochtouren. In der New Yorker Zentrale fertigt ein 16köpfiges Spezialisten-Team nach einer zehnfachen Vergrößerung des »Vogue«-Photos innerhalb von Stunden Schnittmuster und Stoffvorlagen, die per Nachtmaschine nach Fernost fliegen, bis vor kurzem nach Seoul, neuerdings nach Hongkong.
In Seoul brauchte »Kosilk«, der Welt größter Seidenhersteller, der in 18 Fabriken 22 000 billige Arbeitskräfte unter Vertrag hat, maximal vier Tage, um einen Ballen Crepe-de-Chine entsprechend zu färben und zu bedrucken und per Luftfracht nach New York zu expedieren. 24 Stunden später ist das Musterkleid fertig, das dann in Fernost in Serie gefertigt wird. Vier Wochen später hängen 50 000 Chloe-Kopien mit Mulqueen-Label in Geschäften und Boutiquen zwischen München und San Francisco.
Als Teilhaber seiner Fernost-Partner ist Mulqueen nicht nur Herr über Millionen von Seidenraupen. »Da wir vom Maulbeerbaum über den Kokon bis zum Endprodukt alles selber kontrollieren«, sagt er, »sind wir natürlich ungeheuer flexibel.« Nach seinen Schätzungen kann er so für ein Viertel der Kosten produzieren, die von den Modehäusern aufgewendet werden müssen.
Schon kontrolliert Jack Mulqueen, der neuerdings auch ins Baumwollgeschäft eingestiegen ist und mit einem seidengleichen Polyester-Material ("Silksation") auch schmalen Geldbeuteln entgegenkommt, von seinem holzgetäfelten New Yorker Office aus mehr als 75 Prozent des amerikanischen Marktes für Blusen und Kleider.
Allein in den USA hat der flinke Kopist - er selbst bevorzugt echte Picassos und englische Maßanzüge - 7500 Abnehmer, darunter exklusive Kaufhäuser wie »Bergdorf Goodman« und »Saks Fifth Avenue«. Die haben in ihren Designer-Corners zwar auch die teuren Originale der europäischen Mode-Zaren hängen. Das eigentliche Geschäft aber machen sie unter demselben Dach mit den Mulqueen-Nachahmungen, deren Orderzahlen die der »echten« Vorlagen oft ums Tausendfache übertreffen.
Mulqueen-Kunden sitzen, außer in den USA, in Kanada, in Südamerika, Australien und Japan. Seit zwei Jahren hat er auch in der Bundesrepublik Fuß gefaßt. 250 Geschäfte und Boutiquen, etwa Maendler in München oder Unger in Hamburg, bieten Kundinnen, denen es weniger auf das Label als auf den Look ankommt, Mulqueens Blusen und Kleider an. Schon im ersten Jahr machte sein westdeutscher Agent Michael Sturm fast zehn Millionen Mark Umsatz.
Zu den typischen Mulqueen-Rennern zählte beispielsweise die Kopie eines schwarz-weißen Montana-Kleides aus Crepe-de-Chine, das im Oktober letzten Jahres in Paris vorgeführt wurde. Anfang Januar hing die Mulqueen-Version, direkt aus Südkorea eingeflogen, bei Maendler in München zum Preis von 498 Mark. Das Montana-Original war schließlich Ende März zu haben - zum vierfachen Preis.
Für ein getupftes Wickelkleid, rot abgefüttert, mußten Chloe-Kundinnen im Sommer 1982 etwa bei Herbig in Düsseldorf über 2000 Mark anlegen. Zur gleichen Zeit spazierten Mulqueen-Kundinnen mit Kopien für 698 Mark draußen schon über die Kö.
Kein Wunder, daß auch in Europa fixe Textilkaufleute versuchen, sich der Methoden des amerikanischen Kopier-Genies zu bedienen. Mitunter ist derart unlautere Konkurrenz jedoch teuer.
So wurde im vergangenen Frühjahr eine Darmstädter Firma vom Landgericht München zur Zahlung von 75 000 Mark Bußgeld verurteilt bei Androhung von 500 000 Mark im Wiederholungsfall: Sie hatte einen Blouson der Schweizer Firma »Jet Set« bis auf den letzten modischen Schnickschnack kopiert. Doch die Schweizer hatten ihre gesamte Kollektion bei der in Genf ansässigen »Weltorganisation für geistiges Eigentum« ("OMPI") schützen lassen.
Daß Couturiers und Modeleute diesen Urheberschutz für ihre Ideen so selten rechtlich in Anspruch nehmen, hat nach Ansicht des Anwalts der siegreichen Firma »Jet Set« einen einfachen Grund: Eitelkeit. »Die halten sich«, sagt der Münchner Jurist, »eben für große Künstler, letztlich für unnachahmlich.« _(Das Original kostet 375 Dollar, die ) _(Kopie 75 Dollar. )
Das Original kostet 375 Dollar, die Kopie 75 Dollar.