Hier läuft der echte Krimi - DER SPIEGEL
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FILMFESTSPIELE Hier läuft der echte Krimi

Die in dieser Woche beginnende Berlinale schickt sich an, den Kinostandort Deutschland zu stärken - und präsentiert gleich vier deutsche Filme im Festival-Wettbewerb. Die Werke von Tom Tykwer und Co. demonstrieren verblüffenden Mut zum emotionalen Erzählen.
• aus DER SPIEGEL 6/2002
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Ein Helikopter schraubt sich in die Höhe: Zwei Liebende lassen den Boden der Tatsachen unter sich, überwinden alle Erdenschwere - und entschwinden in den siebten Himmel.

Das ist das Schlussbild von Tom Tykwers Film »Heaven«, der am Mittwochabend die Berlinale eröffnen soll - und zugleich zum Startsignal für einen kleinen Höhenflug des deutschen Films auf dem Festival werden könnte. Denn nach »Heaven« treten drei weitere heimische Produktionen im Wettbewerb an: »Der Felsen«, »Halbe Treppe« und »Baader«.

Der neue Berlinale-Chef Dieter Kosslick, 53, zuvor neun Jahre lang Leiter der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen, bekennt sich ohne Umschweife dazu, die Präsenz des deutschen Films beim Festival stärken zu wollen: »Das Experiment muss jetzt gewagt werden«, sagt er. »Ich kann ja nicht jahrelang deutsche Filme fördern und jetzt nichts mehr davon wissen wollen.«

Auch »Heaven« hat Kosslick in seinem alten Job noch mitfinanziert. Dennoch überzeugt seine Auswahl. Bei den vier deutschen Wettbewerbsfilmen scheint es, als hätten ein paar Regisseure all ihren Mut zusammengenommen - und würden dafür belohnt.

Tykwer ging gleich mehrere Wagnisse ein: »Heaven« ist sein erster internationaler Film, eine deutsch-amerikanisch-französische Co-Produktion, die mit den Stars Cate Blanchett und Giovanni Ribisi in Italien gedreht wurde. Und der Film basiert nicht auf einem eigenen Stoff, sondern geht auf ein Projekt des verstorbenen Regisseurs Krzysztof Kieslowski zurück.

Andreas Dresen riskierte es für »Halbe Treppe«, mit vier Schauspielern und einem nur siebenköpfigen Team eine melancholische Beziehungsstudie komplett zu improvisieren - und zweifelte lange daran, ob daraus je ein Film werden würde.

Dominik Graf erfuhr drei Wochen vor Beginn der Dreharbeiten von »Der Felsen«, dass sein Budget nicht ausreichen würde, um die Geschichte einer Frau, die auf Korsika eine schwere Gefühlskrise durchmacht, auf Filmmaterial zu drehen. Also verwendete er eine digitale Kamera - und eröffnet dem Zuschauer nun ungeahnte Einblicke in das Innenleben seiner Hauptfigur.

Christopher Roth verzichtete gleich ganz auf staatliche Förderung und finanzierte »Baader« mit jenem Geld, das er und seine Produzenten in der Werbung verdient hatten. Er wollte seinen Terroristen-Film nicht durch die Mühlen der Institutionen schicken. Die Freiheit, Andreas Baader als protestantischen Dandy zu zeichnen, der dem Staat wie im Gangsterfilm die Stirn bietet, war ihm wichtiger.

So wirkt es, als hole das deutsche Kino nun auf der Berlinale zum Befreiungsschlag aus. Die ökonomische und logistische Beschränkung, die Arbeit mit kleinen Teams und kompakten Kameras setzt kreative Energien frei, von denen man nicht ahnte, dass es sie in diesem Land noch gibt.

Ob aus freien Stücken und mit großem Budget oder gezwungenermaßen und mit bescheidenen Mitteln - alle vier Wettbewerbs-Regisseure erkunden mit dem Mut von Pionieren das Kino neu.

Für Tom Tykwer etwa schien bislang die Devise zu gelten: Wo ein Stilwille ist, ist auch ein Weg. Dabei trug ihn der visuelle und akustische Overdrive manchmal aus der Kurve. »Heaven« erzählt dagegen geradlinig, mit konzentriertem Blick für das Wesentliche und feinem Gehör die Geschichte von Philippa (Blanchett), die den Tod ihres Mannes rächt, dabei Unschuldige tötet - und die Liebe ihres Lebens findet.

»Ich wollte einen Film machen, der dem Zuschauer durch seine Klarheit den Zugang so weit wie möglich erleichtert«, sagt Tykwer. »Keine Spielerei sollte von den Figuren und ihrer Geschichte ablenken.«

Tykwer setzt klare grafische Strukturen ein, um seine Geschichte zu erzählen. In einer der stärksten Einstellungen gleitet Philippa, die eine Bombe gelegt hat, auf einer Rolltreppe nach unten, während sich der Außenfahrstuhl eines Hochhauses, der gleich explodieren wird, nach oben bewegt - die visuellen Vektoren führen gen Himmel und unter die Erde. »Philippa soll fast reglos wirken«, sagt Tykwer. »Sie soll sich nicht selbst bewegen, sondern bewegt werden, als Teil einer Maschinerie.«

Dominik Graf zeigt eine Frau, die fast willenlos durch die Nacht taumelt. Sie lässt sich mit den Männern treiben, denen sie begegnet, in Strömen von Alkohol und Wellen von Lust. In »Der Felsen« wird Katrin (Karoline Eichhorn), Mitte dreißig, von ihrem Freund während eines Urlaubs auf Korsika verlassen und gerät aus der Balance. Die Kamera stürzt sich mit ihr in den emotionalen Strudel - und vermittelt dem Zuschauer in einigen Szenen eindringlich, wie man sich fühlt, wenn man das Leben mit sich geschehen lässt.

»Die digitale Kamera ist so handlich, dass man unmittelbar auf alles reagieren kann«, berichtet Graf. »Die Schauspieler können im Grunde machen, was sie wollen.« Diese Freiheit nutzte Eichhorn für das packende Porträt einer Frau, der in kurzer Zeit so viel widerfährt, dass das Leben viel zu schnell ist für jeden emotionalen Reflex: Ihr kindlicher Übermut scheint den Ernst der Lage kaum zu begreifen, erst mit Verzögerung löst sie sich aus der Lähmung und lässt ihren Gefühlen freien Lauf.

Auch Andreas Dresens »Halbe Treppe«, in dem zwei Ehepaare in eine Verwirrung der Gefühle geraten, wurde mit digitaler Kamera gedreht. »Gerade in den Momenten der Erstarrung kann man durch die Nähe der Kamera entdecken, was in den Gesichtern passiert«, sagt der Regisseur. Die Geschichte des Films mag erfunden sein, doch die vier großartigen Schauspieler lassen ihn im Kino wirken, als sähe man dem Leben bei der Arbeit zu.

So ereignet sich ein mittleres Wunder: Endlich schaffen es deutsche Filme, die Zuschauer tief zu bewegen. Wenn die Kamera in »Halbe Treppe« einer Frau beim Telefonat mit dem Mann zusieht, in den sie sich verliebt hat, macht sie den Betrachter nicht zum Voyeur, sondern zum Verbündeten des Ehebruchs, der die Aufregung und den Scham der Figur teilt. Weil Graf und Dresen die Intimsphäre ihrer Figuren stets respektieren, können sie ihnen schmerzlich nah auf den Leib rücken.

Christopher Roth dagegen konfrontiert in »Baader« die deutsche Geschichte mit dem Genrekino. Der Terrorist Andreas Baader wirkt bei ihm wie ein Bruder von Bonnie und Clyde. Der Film beschreibt, wie sich der Kampf gegen das System aus einem Lebensgefühl entwickelt, das eher im Pop als in der Politik wurzelt.

Frank Giering als Baader ist ein Inbild der Reglosigkeit, wenn das Gesicht des Mannes in extremer Großaufnahme zu sehen ist. Ein Schnitt, und man sieht den Helden in seiner Zelle toben. Nächster Schnitt: das Springer-Hochhaus, ein umgestürztes Fahrrad und Rudi Dutschke. Diese Montage vermittelt dem Zuschauer den Zusammenhang zwischen individuellem Wutausbruch und kollektiver Aufbruchsstimmung.

»Baader sah cooler als die anderen aus, hörte die richtige Musik und fuhr die schnelleren Autos«, meint Roth. »Dann drückte er den anderen eine Waffe in die Hand und machte ihnen klar: 'Hier läuft der echte Krimi.'«

Um die historisch verbürgte Wahrheit schert sich der Film manchmal nicht im Geringsten. Er nimmt sich die Freiheit, Baader als Mythos zu interpretieren - und ist damit durchaus symptomatisch für den Freiheitsdrang, den das deutsche Kino derzeit auf der Suche nach eigenen Wahrheiten demonstriert. LARS-OLAV BEIER

Highlights der 52. Berlinale

Die Hauptstadt rollt den Teppich aus - für Stars wie Catherine Deneuve, Claudia Cardinale, Cate Blanchett, Russell Crowe, Kevin Spacey und James Coburn, die auf dem Festival erwartet werden. Regie-Altmeister Robert Altman stellt seinen Dreißiger-Jahre-Krimi »Gosford Park« vor, Constantin Costa-Gavras seine Rolf-Hochhuth-Adaption »Der Stellvertreter«. Bertrand Tavernier kommt mit seinem in Frankreich heftig umstrittenen Werk »Der Passierschein«, das nach Meinung mancher Kritiker verharmlosend von einer deutschen Filmproduktionsfirma im besetzten Paris erzählt. Das junge amerikanische Kino ist mit »Die Royal Tenenbaums« vertreten, der skurrilen Familienkomödie des Regie-Sonderlings Wes Anderson. Die Retrospektive widmet sich dem europäischen Kino der sechziger Jahre, ein weiterer Programmschwerpunkt präsentiert neue chinesische Filme. Zum Abschluss des Festivals wird eine restaurierte Fassung von Charles Chaplins Klassiker »Der große Diktator« gezeigt.

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