Himmlischer Blick aufs Huhn - DER SPIEGEL
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FOTOGRAFIE Himmlischer Blick aufs Huhn

Der Fotokünstler Andreas Gursky feiert auf riesigen Bildern Alltägliches, allerdings perfekt inszeniert und beobachtet. Jetzt widmet das New Yorker Museum of Modern Art dem Starbildner eine Ausstellung - auch als Anerkennung für die deutsche Fotografie-Szene.
• aus DER SPIEGEL 8/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Andreas Gursky geht gern in die Luft. Und bucht schon mal einen Kran, um von ganz weit oben eine gute Sicht auf seine Motive zu haben. Die Bilder des Düsseldorfer Starfotografen sind inzwischen bis zu zehn Quadratmeter groß. Und wenn er Menschen zeigt, dann am liebsten zu Tausenden. Er wolle, sagt er, eine Enzyklopädie der Welt fotografieren. Zuerst habe ihn da nur das Ruhrgebiet und das Rheinland interessiert, dann auch das Drumherum, womit er etwa Tokio oder die Niagarafälle meint.

Der Mann denkt nun mal am liebsten in großzügigen Dimensionen. Deshalb hat Gursky, 46, auch nichts gegen Statussymbole. Sein Atelier - ein ehemaliges Kraftwerk, das er sich mit zwei Kollegen teilt - wird gerade vom gefragtesten Architektenduo der Welt renoviert: von den Schweizer Super-Ästheten Jacques Herzog und Pierre de Meuron. Die beiden wurden

im vergangenen Jahr immerhin von internationalen Architekturkritikern für den Umbau eines Londoner Kraftwerks zum Supermuseum Tate Modern beinahe heilig gesprochen - ein Museum, in dem auch etliche Aufnahmen Gurskys hängen. Und der »New Yorker« wusste zu berichten, dass der Künstler als Zeichen seines »coolen Lebensstils« einen Jaguar fährt.

Was nun die Bilder angeht, die er pro Jahr in die Kunstszene entlässt, ist Gursky dagegen sparsam, fast geizig: Selten sind es mehr als zehn Motive; da er nun einmal, sagt er, so langsam arbeite. Wie klug. Weil er sie so sporadisch produziert, ist seine Fotokunst eher noch begehrter. Es gibt längst Wartelisten, auf die sich aber nicht jeder setzen lassen kann; weil er ahne, murrt Gursky, dass sich auch bloße Spekulanten darauf mogeln könnten.

Für einige gewinnorientierte Sammler hat sich das Geschäft aber schon gelohnt. Vor ein paar Jahren wurden für Gurskys Bilder 20 000 bis 30 000 Mark ausgegeben. Mittlerweile sind die Gebote explodiert: Als Christie''s vor kurzem seine Monumental-Aufnahme eines leeren Boutique-Regals für fast 600 000 Mark versteigerte, war das durchaus nicht mehr ein seltener Ausreißer nach oben. Weshalb sich Gurskys Not leidender Lieblingsfußballverein Fortuna Düsseldorf freute, als er ihm im vergangenen Jahr eines seiner Mega-Bilder widmete und zur Versteigerung überließ.

Demnächst werden sich die Preise noch erhöhen. Am 28. Februar wird Gursky vom New Yorker Museum of Modern Art (Moma) anlässlich seiner ersten großen Retrospektive in Amerika mit einem Empfang der Reichen und Schönen gefeiert: Der Rückblick auf seine 17 Jahre währende Karriere ist, nach den Gesetzen des Kunstmarkts, ein Ritterschlag**.

Moma-Chefkurator Peter Galassi kann nur schwärmen von dem »gigantischen Effekt« dieser Arbeiten, die einen »vom Hocker hauen«. Er will von Gursky gleich auch die Erfolgsgeschichte der jüngeren deutschen Fotografie ableiten.

So viel Ruhmzuwachs könnte Neid erwecken. Oder Misstrauen, ob es sich womöglich um eine allzu eingängige Bildsprache handelt. Denn prompt hat ihn auch die Glamour-Presse für sich entdeckt. Die US-Illustrierte »Harper''s Bazaar« etwa lobte ihn für seine »kraftvolle Vision zeitgenössischen Lebens« und verriet, dass auch Hollywoods Edel-Blondine Gwyneth Paltrow ein Bild von ihm ergattert habe. Die Botschaft: Wer Geschmack hat, kauft sich einen Gursky.

So viel Prominenz konnte er nicht einmal erahnen, als er sich Ende der siebziger Jahre entschloss, Fotokünstler zu werden: zu einer Zeit, als man - gerade in Europa - erst wenige Fotografen auch für Künstler hielt. Und als Sammler nicht einsahen, größere Summen für etwas auszugeben, was scheinbar jeder fabrizieren konnte, der in der Lage war, auf den Auslöser eines Apparats zu drücken. Er habe, gibt er zu, erst einmal angenommen, nicht von seiner Kunst leben zu können. Mittlerweile hätschelt der Markt die Fotografie liebevoller als alle Malerei und Bildhauerei.

Die »FAZ« schwärmt geradezu von einem »Goldrausch« des Mediums. Kürzlich wurde für eine Aufnahme des experimentierfreudigen Klassikers Man Ray - eine Fassung seiner »Glastränen« aus den frühen dreißiger Jahren - ein Preis von über einer Million Dollar bezahlt.

Die alte Streitfrage, ob Fotografie nur die Wirklichkeit abbilden könne oder solle und ob sie als bloße Reproduktion überhaupt einen Kunstwert besitze, ist längst verdunstet. Eine der populärsten Kunst-Trophäen, der britische Turner-Preis, wurde zuletzt an einen Fotokünstler verliehen: an den Deutschen Wolfgang Tillmans.

Gursky mag an Würdigungen gewöhnt sein, dennoch ist für ihn der Auftritt in New York eine »besondere Sache«. Er hat, verrät er, jede Menge Freunde auf die Gästeliste zur Eröffnungsparty setzen lassen und außerdem spiele eine Düsseldorfer Band. Spannend wird es für ihn aber auch, weil er in New York seine neueste Arbeit vorstellt: zwei Großfotos, mit denen er den bewährten Erfolgsweg ein Stück weit verlässt. Er räumt ein: Eigentlich wisse er nicht einmal, ob sie nicht zu gewagt seien.

Zu sehen sind die Vorstandsmitglieder von deutschen Großfirmen, wie sie bei ihren jährlichen Hauptversammlungen hinter langen Tafeln hocken - so, als hätten sie die archaische Sitzordnung von Leonardos »Abendmahl«-Fresko kopiert. Und weil Konzerne nach dem ebenfalls ur-simplen Motto »Fressen oder gefressen werden« gern zu Mega-Konzernen fusionieren, hat er die Hauptversammlungsporträts zu einem monumentalen Familienbild montiert - in die dezent graue Berglandschaft der Dolomiten hinein. Größe grüßt Größe.

So klebt jede Firma, ob Siemens oder DaimlerChrysler, auf ihrem eigenen Felsen an diesem rauen Olymp der globalisierten Wirtschaft. Gursky nimmt der Business-Elite aber ihr gern gepflegtes Macht-Pathos, indem er sie bei ihrem lästigsten Ritual beobachtet, bei dem die meisten Chefmanager irgendwann nicht anders können, als gelangweilt zu gucken.

Für Gursky-Verhältnisse wirkt das Diptychon ungewohnt surreal. Zwar bearbeitet er häufig Bilder am PC, aber nie war die digitale Manipulation so offensichtlich. Gerade deshalb gelingt ihm das Abbild einer Realität, die so skurril ist wie ihr Konterfei. Er hat wieder, und damit wurde er in den neunziger Jahren berühmt, einen dieser typischen zeitgenössischen Orte aufgespürt. Oft handelt es sich um Bühnen des modernen Lebens. Er zeigt, von wo aus die Welt regiert wird, an der Börse und in Plenarsälen. Und wo sich Menschen, die es sich aussuchen können, herumtreiben: mit Skianzug im Restaurant in Sankt Moritz, auf asiatischen Trabrennbahnen, Techno-Partys. Oder im Verkehrschaos.

So präsentiert er Dinge und Plätze, die jeder schon tausendmal gesehen hat, und sei es vor allem im Fernsehen. Aber er verfremdet das Vertraute: Auf dem Mega-Bild »EM, Arena, Amsterdam I« zeigt er mal wieder vom Himmel herab grünen Rasen und Fußballspieler, die ungelenk wie Playmobil-Figuren aussehen. Überhaupt hält er gern so viel Abstand, dass Menschen unwirklich klein erscheinen. Der Betrachter sieht, wie sich die Welt aus wolkiger Perspektive in eine Puppenstube verwandelt, eine, die seltsam exzentrisch wirkt. Gursky ist ein anti-irdischer Humorist.

Doch ob trendige Raver oder hektische Börsianer, er schafft es, dass jedes Bild aussieht, als sei es Teil einer Zeitlupe. Wo andere die Zeit raffen, dehnt er sie. Es ist der langsame Blick auf eine schnelle Welt. Und den fixiert er in einem so breiten Panorama-Format, als würde er am liebsten das Weltall mit aufs Bild hieven, mindestens aber die Rundung der Erdkugel andeuten.

Bei alldem entscheidet er sich stets für klare ästhetische Verhältnisse und fahndet dazu lange nach der richtigen Position und dem passenden Licht. Gleichgültig, ob er die raue Oberfläche eines Teppichs fixiert oder die exakte Choreografie des Durcheinanders - etwa Prozessionen tanzender Menschen, die sich wie zu einem absichtlichen Muster in Grüppchen und Reihen formieren. Er begradigt digital - Pixel für Pixel - notfalls auch den Rhein, um Fluss und Grünstreifen als parallele Fügung herauszuarbeiten.

Es ist nicht immer die ganze Wahrheit, die er ablichtet, oft will er einfach mehr zeigen: ein Konzentrat von Wirklichkeit. Tatsächlich findet er einen Büroturm, der ein Inbegriff eines Büroturms ist: ein unwirklich glänzender Koloss aus Stahl und Glas. Sein Supermarkt mit den verwirrend endlosen, plastikbunt gefüllten Regalreihen ist die Quersumme aller Supermärkte.

Seine Arbeiten scheinen zwar lakonisch und wertfrei zu sein. Aber wenn das Fußballfeld genauso monumental daherkommt wie die gackernden Hühner auf einer Wiese in Krefeld, dann steigert sich die Sachlichkeit zur witzigen Polemik.

Im Gegensatz zur kanadischen Fotografie-Ikone Jeff Wall - mit seinen Fototableaus durchaus Vorbild - lehnt sich Gursky nicht an Gemälde aus der Kunstgeschichte an. Aber auch er bedient ein Grundbedürfnis nach imposanten Bildkompositionen. Ein Grund, weshalb er sogar mit romantischen Malern wie Caspar David Friedrich und dessen Weite-Szenarien verglichen wird.

Er weiß, was er zeigen will, und es kann dennoch Jahre dauern, bis er es zum Bild macht. Gelernt hat er so viel manische Geduld vom Fotografen-Ehepaar Bernd und Hilla Becher, bei dem er in den achtziger Jahren in Düsseldorf studierte.

Aber da war er schon vorbelastet: Er ist sozusagen im Fotostudio seines Vaters aufgewachsen, zudem hatte er vor Düsseldorf an der Essener Folkwangschule Fotografie studiert. Düsseldorf war dank der Bechers aber ein Zentrum der Foto-Avantgarde. Beide gelten als die Meister der nüchternen Dokumentation. Berühmt wurden sie für ihre schwarz-weißen Aufnahmen von Fachwerkhäusern oder Industrieanlagen.

Und sie haben eine, untereinander manchmal konkurrierende, Generation von Stars hervorgebracht. Dazu gehören neben Gursky dessen Ateliergenossen Thomas Struth und Axel Hütte und auch Thomas Ruff oder Candida Höfer. Sie übernahmen, auch wenn sie im Gegensatz zu ihren Meistern in Farbe fotografierten, deren sachlichen Blick auf die Welt und entschieden sich fürs immer größere Format.

Was ihnen zugute kam. Denn als die deutschen Museen - im innigen Tandem mit den Feuilletons - doch noch die lange als banal verpönte Fotografie entdeckten, ließen sie erst einmal nur zu, was spröde wirkte und damit fern jeder Schnappschuss- oder Werbeanmutung war - und was so selbstbewusst wie ein wandgroßes Gemälde eines Anselm Kiefer daherkam.

Gursky, so heißt es, sei der Radikalste der Becher-Clique. Vor allem aber hat er es geschafft, den von seinen Lehrern geforderten Ernst auf eigentümlich gelassene Weise zu inszenieren. Er schockt nicht mit der schonungslosen Selbstinszenierung der Fotografin Cindy Sherman oder mit den Armuts-Studien des Ukrainers Boris Michailow. Jeder Trash-Eindruck liegt ihm fern. Aber er sieht unsentimental und mit Distanz auf das Hier und Jetzt der westlich orientierten Konsumwelt und wird mehr und mehr ein »kühler Konzeptionalist« ("Art News"). Weder feiert er die Welt der Börsianer, noch stellt er sie in Frage. Er staunt nur, das aber souverän. Und sei es über Skiläufer, die sich wie Ameisen durch eine Schnee-Idylle ziehen.

Es mache ihm Spaß, sagt Gursky, mit Klischees zu spielen: »Je profaner das Thema, desto besser.« Das schnöde Diesseits, so seine Botschaft, ist voller Menschen - und wirkt doch so anonym. Dies erinnert an den US-Fotografen Stephen Shore und seine farbigen Einsamkeitsszenarien.

Becher-Schüler arbeiten am liebsten in Endlos-Serien. Candida Höfer hat zig Innenräume, etwa Bibliotheken, fotografiert. Gurskys Spektrum ist breiter: Landschaften, Architektur, Interieurs, Menschenmassen. Porträts reizen ihn dagegen wenig. Doch nimmt auch er gern mehrere Versionen auf. Seine berühmten Regale, die oft »Prada« heißen, gibt es mit Schuhen, Pullis, Dessous - und leer.

Demnächst will Gursky Kühe auf der Weide fotografieren. Auch sie gehören ja inzwischen zu Hauptdarstellern des modernen Welttheaters. ULRIKE KNÖFEL

* In Zusammenarbeit mit Nina Pohl.** 4. März bis 15. Mai. Deutschsprachige Ausgabe des Katalogsim Hatje Cantz Verlag; 196 Seiten; 148 Mark.

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