Hinkender Stiefel - DER SPIEGEL
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Am Rande Hinkender Stiefel

• aus DER SPIEGEL 2/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der an sich liebenswerte Italiener ist verschnupft. Dass er mit der neuen Währung nicht gleich klarkommen würde, war zu erwarten. 1936,27 gute alte Lire gegen einen einzigen Euro aufzurechnen musste als Zumutung empfunden werden. Doch der wahre Grund, warum die Stimmung im Stiefel Europas hinkt, liegt tiefer: Seit Neujahr ist die Mailänder Scala dicht, und das für drei Jahre. Eigentlich sollte die erste Generalüberholung des 1778 eingeweihten Singtempels schon bis 2003 über die Bühne gegangen sein. Aber nun braucht der Hausputz in Parkett, Logen und Aufgängen mehr Zeit (und mehr Euro), und das Land erstarrt: La Scala! Chiusa! Unvorstellbar! Denn dieses Opernhaus ist, wie il papa in Rom oder la pasta landesweit, eine sakrosankte Institution. Hier bekriegten sich einst die Callas und die Tebaldi aus vollem Halse. Hier wurde bei jeder feierlichen Saisoneröffnung die Schlacht der Couturiers geschlagen: Gucci gegen Prada, Blockabsatz gegen bleistiftdünnen Fersenheber. Und hier war schließlich auch immer eine landesweit anerkannte Bühne für soziale Machtkämpfe: Wurde gespielt oder gestreikt? War das Orchester im Graben oder im Ausstand? Kein teutonischer Schöngeist kann die Auswirkungen einer geschlossenen Scala wirklich nachempfinden, nicht mal bei der - gottlob theoretischen - Vorstellung eines total verrammelten Hofbräuhauses. Fürs Erste spielt die Scala jetzt in einem Gebäude namens Teatro degli Arcimboldi. Für die Nation der Belcantisten schlechthin ist das noch weniger zumutbar als der neue Euro.

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