POP Hinter der Scheibe
Die italienische Hochzeitsfeier von Tom Cruise im vergangenen Jahr war ein Hollywood-Betriebsausflug der gehobenen Klasse. Der Gastgeber tanzte wie ein Berserker durch den Ballsaal des gemieteten Schlosses, Blockbuster- Produzent Jerry Bruckheimer hüpfte wie am Jo-Jo gezogen auf und ab, und Jim Carrey ließ dem Discjockey von seiner Freundin ausrichten, er solle doch bitte mal ein Lied mit sehr lauten Gitarren auflegen.
»Ich entschied mich für '7 Nation Army' von den White Stripes, woraufhin Mr Carrey wüst Luftgitarre spielend durch die Halle tobte«, erinnert sich der Discjockey des Abends.
Der Mann ist inzwischen einer der weltweit gefragtesten Produzenten für Pop-Musik: Mark Ronson, 31.
An diesem Abend in einer Londoner Bar wirkt der ehemalige Star-DJ nervös. Er muss nämlich gleich nebenan sein neues Album »Version« aufführen.
Alle Tickets sind lange vergriffen, seine Familie hat sich angesagt, doch die prominenten Überraschungsgäste, die ihr Kommen fest versprochen hatten, fehlen: Robbie Williams muss auf eine Party, Lily Allen plagen Depressionen, Amy Winehouse feiert ihre Hochzeit. All diese Künstler sind auf Ronsons großartigem neuem Album mit dabei. Ronson hat auf virtuose Weise Lieder von den Kaiser Chiefs, The Zutons, Paul Weller, Maxïmo Park, The Smiths oder Kasabian mit Hilfe von Bläsern und HipHop-Beats zu sonnigen Retro-Soul-Nummern umfrisiert und neu eingespielt. Dazu singen bei manchen Liedern Stars und gute Bekannte wie Williams oder Winehouse.
Natürlich ist es kein Wunder, dass Ronson diese Arrangements so glänzend gelungen sind, denn als Plattenproduzent half er schon einigen der momentan größten Namen der Branche, wie Christina Aguilera, auf die Sprünge.
Wie früher die DJs waren die Produzenten bis vor kurzem in der Regel anonyme Zuarbeiter hinter den Kulissen. DJs erlangten im Zuge der Techno-Bewegung in den neunziger Jahren zunehmend Berühmtheit - und nun sind die Produzenten an der Reihe: Die Branchenstars sind inzwischen so bekannt wie ihre Klienten, sie sind die Bestsellerlieferanten von heute. Rick Rubin (Red Hot Chili Peppers) ist so einer, auch Pharrell Williams (Gwen Stefani) oder Timbaland (Nelly Furtado) - und nun eben Mark Ronson.
Was genau aber ein Produzent im Studio eigentlich tut, wie er Mittelprächtiges verbessert und Brillantes vergoldet, zählt immer noch zu den diffuseren Sphären der Pop-Industrie.
Für ihn sei es auch nach langer Erfahrung ein Erlebnis, mit den Musikern ins Studio zu gehen, sagt Ronson. Erst höre er sich mit seinen Kunden zusammen verschiedene Musik an, um herauszufinden, was ihnen gefällt und wie das Ergebnis, das sie gemeinsam erarbeiten wollen, überhaupt klingen könnte. Dann stehe er - etwa mit Robbie Williams - auf der anderen Seite der Fensterscheibe im Aufnahmestudio, und manchmal müsse er dem Künstler schonend, aber unmissverständlich klarmachen, dass dieser das anvisierte Ergebnis noch nicht liefern kann.
»Ich sage dann Sätze wie: Kumpel, das soll eine Partyplatte werden, was sollen deine Fans denken, wenn ich hier schon einschlafe? Versuch's einfach noch mal!«
Alles, was Ronson über die Wirkung und die Magie von Pop-Musik weiß, hat er in Clubs als DJ an den Plattentellern gelernt. Die entscheidende Lektion für ihn lautet: »Ich muss die DJ-Hälfte meines Verstandes ausschalten, wenn ich Musik produziere. Die Melodie ist für den Produzenten - anders als für den DJ - immer wichtiger als der Beat.«
Die ersten Ratschläge in Sachen Rhythmus erhielt Ronson als Vierjähriger von Keith Moon auf einer Party im Wohnzimmer seiner Eltern. Moon, der legendäre Schlagzeuger von The Who und längst verblichene Lebemann, zählte zu jenen Prominenten - darunter auch David Bowie, Mick Jagger und Christopher Reeve -, die Ronsons Eltern regelmäßig in ihr herrschaftliches Londoner Stadthaus einluden.
Nach der Scheidung seiner Eltern zog Ronson mit seiner Mutter nach Manhattan. Als Teenager absolvierte er drei Sommer lang ein Praktikum beim amerikanischen Fachblatt »Rolling Stone«, wo er aber nur »das Telefon bediente und nie eine Zeile schrieb«. Er begann, in kleinen New Yorker Clubs HipHop-Platten für ein paar Dollar aufzulegen.
Dank seines Talents bei der Musikauswahl und bester gesellschaftlicher Kontakte seiner Mutter stieg Ronson bald zum Plattenaufleger für Prominenz wie Jennifer Lopez, Donald Trump, Harvey Weinstein oder Martha Stewart auf. Weil ihn das auf Dauer jedoch langweilte und er auch nicht auf die Gagen angewiesen war, versucht er sich seit einigen Jahren als Produzent und Musiker.
Die Kunst bestehe nun darin, sagt Ronson, sich umzingelt von Prominenten das Fan-Sein zu bewahren, denn von dieser Leidenschaft lebe der Pop. Die Verehrung für die Stars ist ihm jedenfalls geblieben. Dass er inzwischen über die Handy-Nummer von Quincy Jones, Morrissey, Jay-Z und P. Diddy verfüge, sei mindestens so einschüchternd wie aufregend.
Neulich fragte Terry Hall, Sänger der britischen Achtziger-Jahre-Ska-Band The Specials, einen gemeinsamen Bekannten nach Ronsons Handy-Nummer. Ronson gibt zu: »Nachdem der Bekannte sie Hall gegeben hatte, bin ich tagelang nicht an mein Telefon gegangen, ich verehre den Mann zu sehr.«
Als er sich schließlich doch wieder traute, war bloß Elton John dran. »Mann, ich war erleichtert«, sagt Ronson und grinst. CHRISTOPH DALLACH