FERNSEHEN Hochrangiges Gespräch
Wenn der Kanzlerkandidat der allerchristlichsten Allunionsparteien eine Stunde lang im deutschen Fernsehen befragt wird, drängt sich ein treffender Sendungs-Titel auf: »Politik und Geschichten«.
Doch der Bayerische Rundfunk, das Goldene Blatt des Franz Josef Strauß, hatte ein höheres Sendungs-Bewußtsein. »Geschichte und Politik« hieß, am letzten Donnerstag zur schönsten Abendstunde, das jüngste Gespräch bei Hofe. Und als Schranze diente der Professor fürs Ordentliche, Golo Mann.
Schon das Ambiente war illuster, das gülden verschnörkelte Gemach eines fürstlichen Palais, Herrschafts-Architektur mit einem Hauch von Sinnenfreude; die Gläser auf dem Stiltisch bargen freilich nicht den Lieblingstrunk des Kandidaten, nur dessen wichtigsten Zusatz, Wasser.
Mut zeiget auch der Mameluck, Gehorsam ist des Christen Schmuck. Als wäre er ein Hochzeiter, der beim Brautvater Golo um die Hand des Fräulein Macht anhält, gab sich Franz Josef Strauß als braver Mann; eifrig breitete er seine geistigen Liegenschaften aus, seine politischen Aktien.
Frisch gebadet und gepudert, in einem Anzug von einem sehr tapferen Schneiderlein, wartete er gesammelt auf die vorher abgesprochenen Stichworte, die ihm der Feingeist zuschob. Der war ja, als Abiturient, dafür zugelassen und zudem völlig unverdächtig, jemals die Hand über Ratten und Schmeißfliegen gehalten zu haben.
So streiften die beiden, Hand in Hand, Alpenkönig und Menschenfreund, durch das vom Jägermeister Strauß abgesteckte Gehege, Geschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart und weit darüber hinaus, tiefe Einsichten in das Getriebe der Welt und das Treiben der Kommunisten.
Ein Staatsmann, ja ein Weltpolitiker, wenn auch nicht vom Habit her, gab seine Meinung kund, unterbrochen vom Professor höchstens durch zustimmendes Grunzen oder Einwürfe wie: »Da bin ich völlig Ihrer Meinung«, »da stimme ich Ihnen völlig bei«, »wer würde wohl mit Ihnen nicht übereinstimmen«.
Geschichte und Politik sind für den Kandidaten vor allem ein Gebiet, auf dem Fehler gemacht wurden und, ohne sein Eingreifen, weiter gemacht werden. Mit besseren Staatsmännern beispielsweise, etwa Bismarck, wäre Europa nicht in den Ersten Weltkrieg »hineingeschlittert«; Hitler habe »die Verflechtung der europäischen Politik mit der Weltpolitik überhaupt nicht begriffen«; der Schah stürzte über den »Kontaktverlust mit der religiösen Tiefe der Bevölkerung«.
Strauß, so wurde schlagartig und wahlkampfwirksam klar, könnten derlei Schnitzer nicht widerfahren. »Ich stehe auf der Grundlage des christlichen Sittengesetzes«, sagte er. Seit »Jahr und Tag« warne er, der Politik als Weltpolitik sehe, vor dem »zusammenhängenden Krisengürtel vom Norden Afghanistans bis zum Süden Afrikas«, und Gefahr sei schon im Verzuge: Der Dritte Weltkrieg »hat längst begonnen«.
Eine Wahlplattform also hatten die Bayernfunker ihrem Herrn gezimmert, wobei das Wort »platt« einen schauerlichen Beigeschmack von Wahrheit bekam. Daß die ARD-Chefredakteure, die sonst die Hosen voll Ausgewogenheit haben, sich dieses Wort zum Wahl-Sonntag unterjubeln ließen, beleuchtet bengalisch die Lage der öffentlichgeknechteten Anstalten.
Bei der ARD-Chefredakteur-Konferenz, Anfang Januar in Berlin, hatte Bayerns Mühlfenzl, so ein Betroffener, »uns die Sendung auf den Tisch geknallt«. Mühlfenzl avisierte sie als »erstklassiges Programm, als hochrangiges Gespräch über Grundprobleme deutscher Geschichte«.
Obwohl den Beteiligten klar war, daß da eine camouflierte Wahlkampf-Orgel aufgestellt wurde, konnte sich der Bayer durchsetzen, »wie eine Dampfwalze«. Ein Verschieben der Sendung auf einen Termin nach dem 1. Mai, der NRW-Landtagswahl, ließ er sich nicht abhandeln.
Es gab, wie zu erwarten, einen »Affentanz« und einen Kompromiß: Der NDR bekam den Auftrag, für Anfang April eine Komplementär-Sendung mit dem amtierenden Kanzler Schmidt anzusetzen. Thema: »Ethik in der Politik«. Um der St. Ausgewogenheit willen müßte der sich als Frage-Golo den Bölling holen.
Immerhin, so ganz verloren war die Abendstunde mit dem mehlpfötigen Kandidaten nicht. Macht korrumpiert nicht, Macht dekuvriert. Ein paar Strauß-Sprüche werden, unverwelkt, ins Schatzkästlein seiner geflügelten Worte eingehen, seien sie komisch oder grausig.
»Wir kleinen Leute«, sagt er heute, »haben immer darauf gewartet«, daß die Westmächte »Hitler rechtzeitig in den Arm fallen«. Die Maßnahmen, die der Schah »zur Sicherung der Macht« traf -- »Geheimpolizei«, »sicherlich auch Grausamkeiten« --, dürfe man »natürlich nicht an moralischen Maßstäben« messen, wie sie für Westeuropa gelten.
»Die Welt ist ein sonderbares Theater«, wirft der Professor gelegentlich sinnend ein. Ist sie besonders, wenn Strauß den Kopf in sein Inneres steckt und bekennt. »Ich bin«, sagt er, »ein Liberaler.«
Ein Liberaler nämlich, »was Toleranz, was Anerkennung anderer Meinungen, was freiheitliche Gestaltung und Entwicklung des eigenen Lebens anbetrifft«. Da werden sie aber lachen, die Ratten und Schmeißfliegen.
Fritz Rumler