COMPUTER Höhere Etage
Ein »Gespenst« nannte es das »Wall Street Journal«, und es schrieb dem (bis Anfang letzter Woche) unsichtbaren Wunderding allerlei Fähigkeiten zu: Es habe »Aktien zum Stürzen« gebracht, habe den Einzelhandelsumsatz von Konkurrenzgeräten »bis zum Erstarren« abgekühlt und einige Firmen veranlaßt, neu entwickelte Produkte wieder fallenzulassen.
Am Dienstag letzter Woche, einen Tag nach Halloween, dem in Amerika gefeierten Mummenschanz vor Allerheiligen, materialisierte sich das Geisterwesen: »PCjr«, abgekürzt für »Personal-Computer der Jüngere«, ist auf dem
Markt, der lang erwartete erste Heimcomputer von IBM.
»Peanut«, wie der neue IBM-Computer in der Branche genannt wurde, solange die Herstellerfirma noch alle Einzelheiten geheimhielt, erscheint zu einem Zeitpunkt, da der hart umkämpfte Markt für Heimcomputer von Krisen geschüttelt wird: Mehr als 1000 Dollar hatte der erste Home Computer gekostet, den Texas Instruments 1979 auf den Markt brachte. Letzte Woche wurden TI-Heimcomputer zum Stückpreis von 20 Dollar verschleudert - die Riesenfirma hat sich nach fast einer Viertelmilliarde Dollar Verlust von diesem Marktsektor zurückgezogen.
In einem atemraubenden Preiskampf hatten die Heimcomputer-Hersteller in den USA einander immer weiter unterboten - andererseits wußten die Käufer mit der Billigware nichts Rechtes anzufangen: Die Geräte, mit massiven Anzeigenkampagnen in den Markt gedrückt und vielfach in Impulskäufen erworben, stehen häufig ungenutzt in der Ecke. »Die Konsumenten entdeckten«, notierte das Wirtschaftsblatt »Fortune«, »wie schwer es war, mit den Geräten, abgesehen von Telespielen, irgend etwas Sinnvolles anzufangen.«
Mit einem möglichst breiten Anwendungsspektrum, verbunden mit einem Baukastensystem, das die Leistungsfähigkeit des Gerätes stufenweise erhöht, versucht nun IBM, den PCjr attraktiv zu machen. Das Grundmodell, für 669 Dollar zu haben, besitzt eine Speichereinheit für 65 536 Bits und kann mit zwei Programmkassetten betrieben werden. Die Tastatur kann bis zu sechs Meter vom Bildschirm entfernt postiert werden, ohne Verbindungsschnur. Die Signale werden per Infrarot-Strahl übermittelt, wie bei der Fernbedienung eines TV-Gerätes.
Die Edelversion des PCjr, annähernd doppelt so teuer (1269 Dollar), speichert bis zu 131 072 Bits und hat zwei Schlitze
für Programmkassetten. Mitgeliefert wird eine Disketten-Einheit, die zusätzlich 368 640 Bits speichert. Herzstück beider PCjr-Modelle ist ein 16-Bit-Mikroprozessor; das Gerät ist damit schneller als die meisten auf dem Markt befindlichen Heimcomputer, die gewöhnlich mit 8-Bit-Mikroprozessoren ausgestattet sind.
Mehr als ein Dutzend neue Programme sind für den Neuling entwickelt worden: von Spiel- und Lernprogrammen schon für die Dreijährigen bis hin zum Textverarbeitungsprogramm für den Hausgebrauch. Entsprechende Zusatzgeräte erlauben es, den IBM-Heimcomputer ans Telephonnetz und damit auch an Computer-Datenbanken anzuschließen, aus denen etwa Börsenkurse, Nachrichten, Wetterberichte oder Flugpläne abzufragen sind.
Schon mit der Namensgebung signalisiert IBM, daß es den neuen Heimcomputer in einer etwas höheren Etage des Computermarktes anzusiedeln wünscht: direkt unterhalb der Sparte der sogenannten Personal-Computer, wie sie etwa für mittelständische Kleinunternehmer, Ärzte, Rechtsanwälte und Steuerberater angeboten werden.
Mit seinem eigenen Personal-Computer-Programm, das IBM gleichfalls erst vor zwei Jahren auf den Markt brachte, ist die weltumspannende Computerfirma vom Start weg in die Bestsellerlisten geraten - mit einem Werbeaufwand von mehr als 40 Millionen Dollar jährlich allein für diese Sparte von IBM.
Eine Art HB-Männchen in Gestalt eines Schauspielers, der geschminkt und angezogen ist wie Charlie Chaplin, macht für die PCs von IBM im US-Fernsehen Reklame: Die größten Verwirrungen und Mißgeschicke, etwa bei der Betriebsplanung für eine mittelständische Bäckerei, lösen sich mit dem IBM-Gerät auf Knopfdruck.
500 Millionen Dollar hat die Computerbranche in diesem Jahr in die Werbung investiert. Um Produkte in so großen Stückzahlen zu vertreiben, notierte »Fortune«, brauche man eine »einfache starke Aussage über den Nutzen« der Ware. Doch die Werbe-»Message« für Personal-Computer sei »äußerst wirr«.
IBM scheint vor allem auf die Zugkraft seiner drei Firmenbuchstaben zu setzen und auf die Millionen Benutzer, die an ihrem Arbeitsplatz schon mit IBM-Rechnern in der einen oder anderen Form umgehen.
So haben die IBM-Konstrukteure darauf geachtet, daß zahlreiche Programme des in Büros verbreiteten Personal-Computers auch auf den neuen Heimcomputer passen: Manager könnten nach Dienstschluß auf einer Magnetspeicherplatte ihre »Schularbeiten« mit nach Hause nehmen und abends auf dem Heimcomputer weitermachen.
Insider der Branche haben allerdings auch über die Möglichkeit spekuliert, IBM könnte sich selber eine Marketing-Falle gestellt haben: Je leistungsfähiger der Heimcomputer, desto mehr ähnelt er in seinen Fähigkeiten dem PC - die Firma würde sich in diesem Falle selber Konkurrenz machen.
Die potentiellen Käufer davon zu überzeugen, wie wundervoll und grenzenlos die Anwendungsmöglichkeiten von Heimcomputern seien, scheint unterdes IBMs vorrangiges PR-Ziel.
»Die Einsatzmöglichkeiten des PCjr«, so letzte Woche Philip D. Estridge, einer der IBM-Präsidenten, »finden ihre Grenze nur in der Vorstellungskraft desjenigen, der damit umgeht.« Mit anderen Worten: Der Präsident weiß vorläufig auch nichts weiter.