TOURISMUS Höhere Weihen
Vom Dachrestaurant des Hilton ist dringend abzuraten, Sauerkraut und Schweinshaxe im bayrischen »Tannhäuser« sind in erster Linie »kolossal«, und in der Homobar »Bronx« lohnt, allein schon wegen der Graffiti« »eine kulturelle Minute auf dem WC«.
Mit derlei Tips und Urteilen, insgesamt 6000 guten und schlechten Adressen. will ein neuartiger Führer aus seinen Lesern »echte Pariser« machen: Die französischen Profi-Gourmets Henri Gault und Christian Millau, als Herausgeber eines monatlichen Leib- und-Magen-Blattes die Kochkunstrichter der Nation, haben für die besseren Leute in Paris ein Handbuch verfaßt*.
Darin verweilen die Autoren erstmals auch bei Hausnummern, die sonst häufig diskret übergangen werden: bei Absteigen etwa und bei Klubs für Hamos und für Lesben.
Einen Teil ihrer Recherchen erledigten die Herren, wie jetzt Mode, mit dem Fahrrad: So das Aufspüren von raren Handwerkern. die noch Bronze vergolden oder Schirme reparieren, Forschungsreisen zu Feinkostgeschäften und Herrenausstattern, zu Blumenläden und, für die Spaziergangempfehlungen, zu Friedhöfen.
Den diskreten Charme von Hotels, wo auch bessere Herrschaften in illegitimer Begleitung ein paar schöne Stunden verbringen können, ließen die beiden Mittvierziger im Hinblick auf ihre langjährigen Gattinnen von einem ledigen Mitarbeiter testen. Die Etablissements, auf die sie nun als besonders dezent und bequem hinweisen, empfehlen
* Gault/Millau: »Le Nouveau Guide de Paris«. Verlag Noveau Guide; 664 Seiten; 50 Franc
sich durch mehrere separate Ein- und Ausgänge, nahe Parkgaragen und 24-Stunden-Service. Zwar sind die Zimmerpreise mitunter mäßig, doch das Essen ist oft teuer und schlecht.
»Es wird sofort sichtbar«, räsonnieren die Autoren, »daß es ungewöhnlich ist, wenn die Besucher hier ihre Zeit mit Essen verplempern.« Sie begnügen sich da mit etwas Lachs, Schinken und kaltem Huhn für rund 200 Franc pro Person und 350 Franc mehr, wenn eine Flasche Champagner dabei ist.
Besonders günstig unter den Society-Absteigen scheint eine »Villa Caroline«, wo nicht nur warme Estragon-Hühnchen, sondern auch ein großes Stück Luxus-Seife und Zahnbürsten der Besucher harren. Und auch die »Résidence de La Muette«, wo Madame Claudes Callgirls ihrer hochdotierten Arbeit nachgingen (SPIEGEL 21/1975), ist nun mit Adresse und Telephon (525 13 08) leichter erreichbar.
Lobend vermerken die Feinschmecker den »doppelten Eingang und die erstklassige Schalldämpfung« komfortable doppelstöckige Appartements werden an Ruhebedürftige auch tagsüber stundenweise abgegeben.
Die höheren Weihen des Savoir vivre erteilen Gault/Millau nebenbei: »Mörderisch« sei es neuerdings, so lernen In-People da, seinen Kaviar mit Zitrone zu betröpfeln; Hummer darf gekocht, gebraten, aber keineswegs gegrillt werden; und wer Coquille Samt Jacques (Jakobsmuschel) wie üblich mit Semmelbröseln oder Käse paniert, verdient füsiliert zu werden.
Nach solchen Schock-Rezepten enteilen die Herren in die Päderasten-Szene, wo, wie sie einräumen, »die Tatsache, nicht »special« zu sein, unsere Recherchen nicht gerade erleichtert hat«. So studierten sie fast ausschließlich den Homo-Luxusstrich in der nächtlichen Rue Sainte-Anne, nahe der Opéra.
Dort herrscht jede Nacht, zur Wut der Anwohner, reger Verkehr zwischen Maseratis, Porsches, strammen Bluejeans, Zottelpelzen und vielerlei Make-up. »An manchen Abenden«, so deuten die Beobachter an, bei Lichtausfall oder Mondwechsel, spielten sich da »extraordinäre Saturnalien ab, von denen wir aber nichts verraten«.
Für späte Stunden bringen sie das benachbarte Restaurant »Le Sept« (Menu 100 Franc) ins Gespräch. Dort, wo auch Damen der Zutritt erlaubt ist, herrscht »eine fröhliche, wohlhabende und geputzte Homosexualität«. Und die beiden, obwohl dezidierte Heteros, schnuppern wohlwollend den Duft von Kaschmir, Parfum und Champagner-Kir.
Über die Lesben-Klubs, die selber zu inspizieren sie sich nicht nehmen ließen, fallen ihre Urteile sehr viel ungnädiger aus.
Denn als professionelle Restaurantsitzer verärgert es sie, daß bei den Lesben so wenig Gelächter und Spektakel geboten werden: »Eine Welt, wo nur Sex und Eifersucht zählen -- das gibt ein tristes Nachtleben.«
Nachsichtiger sind die Autoren nur mit dem »Katmandou« (Rue du Vieux-Colombier): »Hier tanzen die tollsten Mädchen von Paris.«
Aber dort verbietet auch eine gestrenge Dame Elula den wenigen Herren, die mutig ins dustere Lokal getapst kommen, jede »deplacierte« Geste. »Und als solche gilt schon«, warnen Gault/Millau, »wenn man die Hand auf die Schulter seiner Nachbarin legt.«