Hörsturz in der Hauptstadt - DER SPIEGEL
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MUSIK Hörsturz in der Hauptstadt

Mit einem Galakonzert beginnt der britische Stardirigent Sir Simon Rattle Ende dieser Woche seine Amtszeit als Chef der Berliner Philharmoniker.
Von Klaus Umbach
• aus DER SPIEGEL 36/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dieser Mann ist ein Lacherfolg. Hier ein Joke, da ein Bonmot. Gerade noch leiser Filou, im nächsten Moment Clown, schräg, bühnenreif. Im Gespräch oder im kleinen Kreis spielt er gern Simon im Wunderland. Charming das Ganze, locker und herrlich britisch. Das ist der Popstar Rattle, der mit dem Glamour.

Aber auch die andere Nummer steht auf seinem Programm: der fanatische Einpauker, der radikale Erneuerer. In Birmingham, am Startplatz seiner Karriere, hat er in 18 Jahren 934 Konzerte gegeben und mehr als 10 000 Stunden geprobt. Wer ihn wählt, muss auf viel gefasst und darf auf noch mehr gespannt sein. Das ist der Pultstar Rattle, der mit der Gloriole.

Sein Job, sagt er, sei »alles andere als ein Kinderspiel": so eine philharmonische Brigade mit über 100 Köpfen und Instrumenten und Spielweisen durch Hunderte von Notenblättern auf ein dünnes Stöckchen einzuschwören und auf diese Weise Klang zu erzeugen, und zwar intelligent und korrekt und auch noch richtig schön. Egal, ob bei strengem Bach oder in Wagners »herrlich maßlosem 'Tristan'«.

Aber was rüberkommen soll, ist vor allem eines: dass ihm Musik Spaß macht und dass dieser Spaß ansteckt: »Wenn ich etwas zu bringen habe, dann ist es Freude.« Sein Glaubensbekenntnis steht ihm meist ins Gesicht geschrieben: Beim Schlussakkord strahlt Her Majesty's geadelter Lockenkopf gern in cinemascopischer Breite.

Diese Woche hat Sir Simon Rattle, 47, besonders gut lachen: Er ist ganz oben angekommen, auf dem Hochsitz von Nikisch, Furtwängler, Karajan. Für zehn Jahre übernimmt er die Leitung der Berliner Philharmoniker und damit die Regentschaft über eines der besten und stolzesten Orchester der Welt. Der elfte Chef in der 120jährigen Geschichte des Klangkörpers, der erste Brite am deutschen Gral: »Ich werde Teil dieser Stadt, ich werde sie prägen.«

Zur Feier des Tages werden am Wochenende rund um Scharouns berühmte ockergelbe Konzertschachtel erstmals über 30 farbenfrohe Fahnen wehen, viele mit Rattles Konterfei: dem Mann, der frischen Wind verheißt.

Im Henschel Verlag erscheint die erste deutschsprachige Biografie über den Dirigenten, deren Autor Nicholas Kenyon durch Rattles »musikalische Urgewalt« auf dem »Weltpodium« bereits eine »Art permanenter Revolution« ausbrechen sieht: »Dies könnte die Musikwelt verändern.«

Zusammen mit SFB/Arte, der Londoner BBC und dem japanischen Staatsfernsehen NHK nimmt die EuroArts Medien-AG Rattles Antrittsvorstellung für TV und DVD auf. Gleichzeitig schneidet EMI Classics das Hauptwerk des Abends, Gustav Mahlers fünfte Sinfonie, live mit, liefert den Mitschnitt bereits nach drei Wochen aus und erhofft sich einen Absatz in mehrfach fünfstelliger Höhe.

In den - auch optisch aufgemöbelten - Innereien der Philharmonie wird eine Ausstellung über Rattles Vorgänger arrangiert. Im Schatten der Ahnengalerie lädt Josef Ackermann, als oberster Deutscher Banker neuer Wohltäter des philharmonischen Elitetrupps, zum Abendmahl. Johannes Rau kommt zu lauschen und zu tafeln, in seinem Gefolge alle namhaften Schöngeister der Hauptstadt - echte und selbst ernannte. So kann es denn richtig losgehen mit dem Ruck durch Deutschlands prominentestes Konzerthaus.

Doch auf diese Weise? Wenn der neue Amtsinhaber am kommenden Freitag den Taktstock hebt, bimmeln zunächst ein paar Kuhglocken, dann tönt zu hohem Bläsergezirp sinnenfroh ein Horn, und die Streicher tuscheln und kuscheln. Klingt ganz so, als wollte der Neue sich einschmeicheln.

Aber das Opus 17 des britischen Zeitgenossen Thomas Adès, das Rattle zur Berliner Startnummer gewählt hat, heißt »Asyla«, und das meint, durchaus doppeldeutig, Zufluchtsorte und Irrenanstalten. Und so bricht denn auch plötzlich der Wahnsinn aus, die Musik dreht durch. Trompeten schmettern, Posaunen röhren, das Schlagzeug wuchtet. Philharmonischer Techno.

Solch haarigen Stoff wird Rattle den Berlinern demnächst häufiger zumuten: »Asyla« ist nur ein Vorgeschmack auf den drohenden Hörsturz in der Hauptstadt.

Vorbei die seligen Zeiten, da die philharmonischen Programme vor allem klassischen Liebreiz und romantische Seelsorge verstrahlten. Aus dem abgehangenen Standardsortiment bietet Rattle seinem Publikum statt der gewohnten Filetstücke allenfalls Spar-Ribs: In den 44 Konzerten, die der Neue für seine erste Saison eingeplant hat, kommen Mozart und Beethoven kaum, Schumann und Brahms überhaupt nicht vor; Schluss mit Schlemmen.

Stattdessen annonciert Rattle Filigranes von Debussy, Frommes von Messiaen und vielerlei extravagante Spezereien: Henzes neue (10.) Sinfonie beispielsweise, ein Auftragswerk des Neutöners Heiner Goebbels oder, abendfüllend, die düstere Suite »Blood on the Floor«, in der sein Landsmann und Zeitgenosse Mark Anthony Turnage den Herointod seines Bruders ausgemalt hat: Tonkunst aus dem Fixermilieu.

Eine Zumutung ist Rattles Reform gleichwohl nicht. Im Gegenteil: Nach 34 traditionshörigen Karajan-Jahren und trotz programmatischer Reformen durch Rattles Vorgänger Abbado haben die Berliner Philharmoniker eine Wende ins Präsens bitter nötig. Rattle wird Remedur schaffen (müssen), und noch scheinen auch die Musiker Feuer und Flamme: für Rattles »Öffnung des Repertoires zur Weltmusik«, für die »große pädagogische Koalition von Klassik und Jugend«, kurz, für den radikalen Wandel vom altbackenen Spielverein zum »Klangkörper des 21. Jahrhunderts«.

Bleibt abzuwarten, ob all das gut geht. Jetzt, während der Flitterwochen des neuen Bundes, wird beiderseits in die Harfe gegriffen: kein schöner Land in dieser Zeit. Doch der lächelnde Rattle hat einen Dickschädel und das selbstbewusste Orchester den Dünkel der Erwählten. An Grund für Stunk wird es nicht fehlen.

Schon bei Rattles ersten Gastauftritten vor mehr als zehn Jahren gab es schlagende Wetter. Die von Rattle gewünschte philharmonische Erstaufführung der (nachträglich vervollständigten) 10. Mahler-Sinfonie beispielsweise fiel aus, weil die Philharmoniker das Stück schlichtweg nicht mochten. Eine geplante Bartók-Aufnahme scheiterte am Eigensinn des Orchesters: Das hielt sich nicht an die vereinbarte Besetzung. Die Proben für eine Haydn-Sinfonie liefen aus dem Ruder, weil die selbstherrlichen Musiker einen Teil der Streicher nach Hause geschickt hatten, ohne den Dirigenten auch nur zu informieren.

Nach seiner Wahl zum Chef im Juni 1999 war Rattle also gewarnt: Die Philharmonie konnte, wie sein Biograf Kenyon urteilt, durchaus eine »Schlangengrube« sein, Vorsicht schien geboten. Und eins war von Anfang an klar: Unter dem dualen System, an dem sich das Orchester jahrzehntelang gesund gestoßen hatte, würde er in keinem Fall arbeiten, tat Rattle gleich zu Beginn seiner Vertragsverhandlungen kund. Er wusste, warum.

Seit der von Karajan vergoldeten Blütezeit der Schallplatte bildeten Berlins Starmusiker einen Klangkörper mit Januskopf: Das »Berliner Philharmonische Orchester« war eine subventionierte Institution des Senats, seine Mitglieder waren besser verdienende Angestellte des Öffentlichen Dienstes. Die personalidentischen »Berliner Philharmoniker« hingegen traten als profitorientierte Gesellschaft bürgerlichen Rechts auf und sahnten ohne Rücksicht auf Öffentlichen Dienst und künstlerische Ansprüche auf dem freien Markt der Medien ab - ein Unding, an dem bis dahin keiner zu rütteln wagte.

Nun ist, dank Rattle, nach über zweijährigem Machtkampf Schluss damit: Die beiden Schein-Orchester wurden in eine Stiftung überführt und verschmolzen, die einst allmächtigen Vermarkter entmachtet, die Rechte des neuen Chefdirigenten aufgewertet: Rattle ist jetzt auch Künstlerischer Leiter der Philharmonie und zudem im Stiftungsvorstand - rein rechtlich ein Über-Karajan.

Doch ein Hosianna über die endlich geordneten Verhältnisse scheint verfrüht. Schon tritt die noch blutjunge »Stiftung Berliner Philharmoniker« als Konzertveranstalter auf und hat für Ende September pikanterweise die Wiener Philharmoniker, Konkurrenten seit alters her, in die Berliner Philharmonie geladen - zu Eintrittspreisen, die weit unter der Norm für derlei Galas liegen. Das gibt Ärger.

Denn dagegen wehrt sich der Verband der Deutschen Konzertdirektionen mit einer Klage: Die Stiftung würde mit Mitteln der öffentlichen Hand »die Preise privater Konkurrenten unterbieten« und verhalte sich »in Vernichtungsabsicht wettbewerbswidrig«. Die attackierte Institution kontert, es sei ihre Pflicht, »hochkarätige Musik zu Preisen anzubieten, zu denen die Mitglieder des Klägers eine Veranstaltung nicht durchführen können.« Jetzt muss der Kadi entscheiden.

Pikanterweise sind dieselben Berliner Philharmoniker wegen derselben Wiener Philharmoniker gleichzeitig über ihren neuen Boss verschnupft. Rattle, so die Meuterer in Berlin-Mitte, hätte den saftigsten Brocken aus dem internationalen Plattentopf, seine Live-Produktion aller Sinfonien und Klavierkonzerte Beethovens, ausgerechnet den österreichischen Gegenspielern zugeschustert, wo doch auch seine Berliner am karg gewordenen CD-Tropf hingen und barmten.

Eine Abordnung des Orchesters versuchte, den Chef umzustimmen und den Auftrag doch noch zu angeln. Aber Rattle blieb hart: »Ich kann doch meine Berliner Amtszeit nicht mit einem Wortbruch in Wien beginnen.« Diesmal lacht er nicht. Er lächelt bloß, und das gequält.

KLAUS UMBACH

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